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Streit zwischen Bund und Land: Hendricks beharrt auf Atommüll-Zwischenlager in Bayern

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks: Bayern muss sich mitverantwortlich zeigen Zur Großansicht
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Bundesumweltministerin Barbara Hendricks: Bayern muss sich mitverantwortlich zeigen

Bayern soll bis zu neun der 26 Castoren mit deutschem Atommüll zwischenlagern. Die CSU ist empört und stellt sich quer, Bundesumweltministerin Hendricks hält dagegen.

Hessen, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein haben bereits zugestimmt, Castor-Behälter aufzunehmen - nur Bayern stellt sich quer. Zur Verärgerung von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD): "Die Reaktion der bayerischen Staatsregierung ist nicht angemessen", sagte sie der Zeitung "Welt" und fordert, dass Bayern sich mitverantwortlich zeigt.

26 Castor-Behälter mit radioaktivem Atommüll sollen in den kommenden Jahren in Deutschland eingelagert werden. Ein Konzept der Umweltministerin sieht vor, dass auch Bayern sieben bis neun von ihnen am Standort des Atomkraftwerks Isar aufnimmt - doch die bayerische CSU weigert sich. Im Gegensatz zu den drei anderen Bundesländern, die sich freiwillig erklärt haben, die Castoren aufzunehmen.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) zeigte sich am Montag empört über die Pläne und warf Hendricks vor, gegen die in einer Koalition üblichen Umgangsformen zu verstoßen: "Wir haben vereinbart, dass wir alle Fragen der Energiewende im Zusammenhang entscheiden", sagte er. "Warum sie jetzt auf der Zielgeraden vorprescht, bleibt ihr Geheimnis."

Hendricks gibt sich von der CSU-Kritik unbeeindruckt und beharrt auf ihren Plänen: "Bayern hat über Jahrzehnte hinweg von der Atomenergienutzung profitiert, mehr als jedes andere Bundesland", sagt sie. "Es war mithin an der Produktion von Atommüll beteiligt, mehr als jedes andere Bundesland." Es sei nicht zu viel verlangt, wenn das Land sich mit maximal neun Castoren an der Zwischenlagerung des Atommülls beteiligen würde.

Die Bundesumweltministerin machte deutlich, dass der Atommüll auch gegen den Willen der betreffenden Landesregierungen eingelagert werden könne. "Die erforderlichen Genehmigungsverfahren bezüglich Transport und Einlagerung werden nicht von den Ländern, sondern vom Bundesamt für Strahlenschutz beschieden", sagte Hendricks.

Zwar sei mit ihrem Konzept noch keine Entscheidung über die Standorte der Zwischenlagerung getroffen, sagte die Ministerin der Zeitung. Doch solle es den AKW-Betreibern "als Richtschnur dienen, wie sie ihre gesetzlichen Verpflichtungen zur Rückführung und Aufbewahrung der verglasten radioaktiven Abfälle aus der Wiederaufarbeitung erfüllen können". Es sei jetzt Sache der Unternehmen, Anträge für konkrete Standorte zu stellen.

Bei den Castoren handelt es sich um Atommüll aus deutschen Kernkraftwerken, den die Bundesrepublik nach der Wiederaufarbeitung aus Frankreich und Großbritannien zurücknehmen muss.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, es gehe um ein Atommüll-Endlager. Das war ein Fehler - bei den Plänen des Bundesumweltministeriums handelt es sich um eine Zwischenlagerung des radioaktiven Mülls.

kry/dpa/AFP

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insgesamt 219 Beiträge
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1.
RoterMai 23.06.2015
Dann trifft man Seehofer ja jetzt beim Schottern mit seiner Landesregierung bei jedem Transport in Bayern
2. Es gehören alle Castoren nach Bayern...
Real Nobody 23.06.2015
...denn die Schweinerei, die in der Asse passiert ist, entstand unter bayrischer Leitung. Es wird Zeit diese Egoisten mal in die Schranken des Bundes zu verweisen.
3.
gingermath 23.06.2015
Welche Gründe gibt es eigentlich, die gegen eine Einlagerung der Castoren in Bayern spricht, die zusätzlich nicht für die anderen Bundesländer gilt?
4. Rosinenpicker
frenchdiabolo 23.06.2015
Strom wollen sie haben, brüsten sich als Wirtschaftsmacht innerhalb Deutschlands - aber den Dreck sollen andere Länder lagern. Entweder sie nehmen ab, oder die Stromtrasse nach Bayern kommt nicht. So einfach ist das. Dann schauen sie aber ziemlich blöd.
5.
max-mustermann 23.06.2015
Typisch CSU, erst Jahrzehntelang die Atomkraft nutzen aber jetzt den Atommüll jemand anderem zuschieben wollen, schäbig.
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Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
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In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
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Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.


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