Von Björn Hengst, Frankfurt am Main
Dietmar Bartsch legt sein dunkles Sakko ab, schiebt die Hemdärmel ein Stück nach oben. Jetzt wird es angepackt, sagt die Geste, dann geht der Bundestagsfraktionsvize der Linken ans Rednerpult. Frankfurt am Main, Gewerkschaftshaus, Donnerstagabend, rund 80 Genossen sind gekommen - das wird kein Heimspiel für den 53-Jährigen.
Frankfurt am Main = Hessen = Westdeutschland = Lafontaine-Stammland: In der Linken gelten manchmal einfache Gleichungen. Vor allem jetzt, da die Partei wochenlang in einem erbitterten Machtkampf mit zwei Protagonisten steckte: Oskar Lafontaine aus dem Saarland gegen Dietmar Bartsch aus Mecklenburg-Vorpommern.
Regionalkonferenz, so heißt die Veranstaltung im Gewerkschaftshaus. Die Genossen haben sich versammelt, um über den Parteitag am 2. und 3. Juni in Göttingen und die Kandidaten für die Vorstandswahl zu diskutieren. Gleich zum Auftakt wird klar, dass es ein schwieriger Abend für Bartsch wird: Die Entscheidung von Lafontaine, nicht als Parteivorsitzender zu kandidieren, habe ihn "tief getroffen", sagt der hessische Linken-Chef Ulrich Wilken.
Es dauerte nach dem überraschenden Schritt des Saarländers am Dienstag nicht lange bis zur Forderung von Anhängern Lafontaines, auch Bartsch solle seine Kandidatur aufgeben. Er denkt nicht daran. In Frankfurt erzählt er, dass er diese bereits im November angekündigt, sich zudem für einen Mitgliederentscheid stark gemacht habe.
Bartsch will seine Partei für Bündnisse öffnen
"Nur ein Team wird die Partei führen können", sagt Bartsch. Für diesen Satz gibt es Applaus, aber er stößt hier auf viel Skepsis: "Lieber Dietmar, sei mir nicht böse", sagt ein Genosse, "du symbolisierst eine ganz bestimmte Linie, und das finde ich schwierig".
Zu Bartschs Linie gehört unter anderem dies: Der Realpolitiker will seine Partei für Bündnisse mit SPD und Grünen öffnen. Vor allem bei den Genossen im Westen ist dieser Kurs umstritten, Lafontaine lehnt ihn ab, der amtierende Parteichef Klaus Ernst ebenso. Aber Bartsch will raus aus der Ecke der Fundamentalopposition. "Von der Isolation zur Bedeutungslosigkeit ist es nur ein kleiner Schritt", sagt er und provoziert damit in Frankfurt Widerspruch. Er wolle sich nicht der SPD "anbiedern", protestiert ein Genosse.
Dieser Vorwurf begleitet Bartsch schon lange. Er taucht in seiner politischen Karriere, die 1977 mit dem Eintritt in die SED begann, immer wieder auf. Zum Beispiel 2002. Bei der Bundestagswahl hatte die Nachfolgerpartei PDS eine krachende Niederlage einstecken müssen und scheiterte mit vier Prozent. Viele sahen damals in Bartsch einen Hauptverantwortlichen. Der Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfleiter habe die PDS zur "bloßen Westentaschenreserve der Sozialdemokraten degradiert". Der promovierte Ökonom zieht die Konsequenzen und kandidiert anschließend nicht erneut für den Parteiposten.
Bartsch hat viele Höhen und Tiefen der Partei mitgemacht, manche spürt er am eigenen Leib: 1994 tritt Bartsch zusammen mit mehreren Parteifreunden in den Hungerstreik. Sie reagieren damit auf einen Steuerbescheid des Berliner Finanzamts. 67,5 Millionen D-Mark soll die Partei nachzahlen, die PDS steht vor dem Ende. Schließlich gibt ein Gericht der Partei recht, Schatzmeister Bartsch ist damals einer ihrer Retter.
Organisator, Strippenzieher, Teamspieler
Er hat sich in all den Jahren den Ruf eines geschickten Parteiorganisators erarbeitet, den eines Strippenziehers, der den Laden zusammenhält. Wohl auch deshalb wird Bartsch, der schon lange als eine Art Kronprinz gilt, 2005 erneut zum Bundesgeschäftsführer gewählt. 2008 macht ihn der Vorstand außerdem zum Wahlkampfleiter. Die aus ostdeutscher PDS und westdeutscher WASG zur neuen Linken fusionierte Partei holt ein Jahr später bei der Bundestagswahl 11,9 Prozent.
Die beiden könnten kaum unterschiedlicher sein. Bartsch versteht Parteiführung als Teamspiel, Lafontaine ist es gewohnt, dass sein Wort gilt. Der Saarländer kann laut sein und populistisch, der Mann aus Vorpommern ist ein nüchterner Analytiker. Für Lafontaine sind die Sozialdemokraten seit Jahren ein Gegner, Bartsch unterhält gute Kontakte zu SPD-Chef Sigmar Gabriel, seine Unterstützer kommen vor allem aus dem Osten, die von Lafontaine eher aus dem Westen.
Die beiden verkörpern die zentrale Konfliktlinie innerhalb der Linken. 2010 kommt es zum entscheidenden Bruch. Fraktionschef Gregor Gysi erklärt Bartsch öffentlich für "illoyal". Der Vorwurf: Er soll Gerüchte über eine Liaison Lafontaines mit Parteivize Sahra Wagenknecht gestreut haben.
Bartsch wehrt sich, gegen ihn seien "inakzeptable Vorwürfe in zum Teil extrem kulturloser Weise erhoben" worden. Von seinem Posten als Bundesgeschäftsführer zieht er sich damals zurück. Auf dem Rostocker Parteitag, auf dem Bartsch verabschiedet wird, erwähnt ihn der damalige Parteichef Lafontaine in seiner Rede mit keinem Wort. "Das war's noch lange nicht", sagt Bartsch damals trotzig - es klingt wie eine Kampfansage.
Der Kampf währt bis heute. Die jüngste Entscheidung Lafontaines, nicht für den Parteivorsitz zur Verfügung zu stehen, ist keine Vorentscheidung zugunsten von Bartsch. So wird in der Linken inzwischen nicht mehr ausgeschlossen, dass Lafontaines Lebensgefährtin Wagenknecht doch noch für den Chefposten kandidieren könnte.
Wagenknecht? Eine weibliche Doppelspitze? Oder doch Bartsch?
Der 42-jährigen Jenaerin werden für einen solchen Fall große Chancen ausgerechnet. Sie ist in der Öffentlichkeit bekannt, hat Unterstützer im Osten, aber ihr konsequenter Oppositionskurs kommt vor allem bei den Genossen im Westen gut an: "Wir brauchen Sahra, sie führt ein scharfes Schwert", sagt einer auf der Frankfurter Regionalkonferenz.
Auch der hessische Landeschef Wilken wirbt für Wagenknecht: "Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, Sahra noch zu überzeugen, dass sie für den Parteivorsitz kandidiert." Kräftiger Beifall.
Wagenknecht hält sich bisher noch bedeckt, andere sind bereits in die Offensive gegangen: Parteivize Katja Kipping und NRW-Landeschefin Katharina Schwabedissen wollen die Linke als weibliche Doppelspitze führen. Ihre Kandidatur verstehen sie als Ausbruch aus dem Lagerdenken und dem Konflikt zwischen Bartsch und Lafontaine.
Das Rennen ist völlig offen. Auf viele Stimmen der hessischen Delegierten kann Bartsch in Göttingen aber wohl nicht rechnen. Das Treffen in Frankfurt muss er aus terminlichen Gründen vorzeitig verlassen. Es gibt keinen Applaus zum Abschied, als er aus dem Saal geht.
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