Bayerische Stammeskunde Das kleine Mir-san-mir

Die Bayern haben die CSU aufs Schafott geführt - und nun sprießen die Schuldzuweisungen: War der Ministerpräsident zu fränkisch? Haben die Oberbayern intrigiert? Oder war gar eine Preißin an allem schuld? Ein kleiner Führer durch die bayerische Völkerverwirrung.

Von Dominik Baur


Die Oberbayern waren es. Aber ja doch. In Franken, besonders in der mittelfränkischen Heimat Günther Becksteins, ist man sich einig: Der mächtige CSU-Bezirk im Süden hat dem Ministerpräsidenten den Garaus gemacht.

CSU-Anhängerinnen am Wahlabend: Was ist bayerisch - mit dieser Frage muss sich die Partei künftig wieder intensiver beschäftigen
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CSU-Anhängerinnen am Wahlabend: Was ist bayerisch - mit dieser Frage muss sich die Partei künftig wieder intensiver beschäftigen

Allen voran natürlich ein CSU-Rentner aus dem oberbayerischen Wolfratshausen: Vorgänger Edmund Stoiber. Außerdem hat die CSU hier doch ein hundsmiserables Ergebnis eingefahren und damit den Landesdurchschnitt noch weiter gedrückt.

Der attackierte Bezirksverband dreht den Spieß um: Es ist genau der fehlende Ministerpräsidenten-Bonus, der der Oberbayern-CSU so zugesetzt hat. Und der Franke an der Spitze des Freistaates. B wie Beckstein und Bescheidenheit - so was ist in Bayern einfach nicht vermittelbar. Schon gar nicht mit einer First Lady, die kein Dirndl trägt.

So hat jeder seinen Schuldigen. Gelegentlich fällt auch das Wort Pendlerpauschale oder Rauchverbot, doch eigentlich geht es bei dem jetzigen Gerangel nicht um Politik, sondern nur um eines: die Herkunft. "Herkunft ist in der CSU das wichtigste innerparteiliche Ordnungsprinzip", schreibt die "Süddeutsche Zeitung". "Doch diesmal schafft es mehr Unordnung."

Aber wo soll denn eine bayerische Ordnung herkommen, so könnte man die Verschwörungstheorie weiterspinnen, wenn wir in der CSU kaum noch richtige Bayern haben? Dass die Nach-Stoiber-CSU vom Wähler eine derartige Watschn bekommen hat, lag vor allem an einem, am eklatanten Mangel an Bayern in den Spitzenpositionen der Partei - echten Bayern, sprich Altbayern.

Da gab es seit dem Schicksalsjanuar 2007 nur noch Horst Seehofer, der sich weit, weit weg von der oberbayerischen Heimat um bundesdeutsche Verbraucher kümmerte, und CSU-Chef Erwin Huber. Ein Bilderbuch-Niederbayer, der allerdings schon wieder so niederbayerisch war, dass es selbst manchem Altbayern zu nieder wurde.

Unterbayern, Hinterfranken, Niederschwaben?

Und sonst? Nur noch Franken (Ministerpräsident Günther Beckstein, Europaminister Markus Söder, Innenminister Joachim Herrmann), Schwaben (Fraktionschef Georg Schmid) und eine Preißin (mit etwas bösem Willen Generalsekretärin Christine Haderthauer, eine gebürtige Neumünsteranerin).

Und das in einem Land, dessen Einparteiensystem sich nicht zuletzt deshalb so lange hielt, weil die CSU es verstand, dem Wähler vorzugaukeln, dass CSU und Bayern Synonyme seien. Und Bayern, das sind nun mal Schweinsbraten, Bier und Alpen. Und nicht Bocksbeutel, Lebkuchen und Spessart.

So weit die Verschwörungstheorie. Was an einem Münchner Stammtisch Verständnis, vielleicht sogar Zustimmung finden würde, führt bei Erdenbewohnern, die der bayerischen Provenienz unverdächtig sind, jedoch gelegentlich zur Verwirrung. Die allseits beliebte Kollegin F. etwa, die aus einem weniger gesegneten Teil der Bundesrepublik stammt, versteht nicht, welchen Sinn es haben soll, zwischen solchen und solchen Bayern zu unterscheiden. Unterbayern, Hinterfranken, Niederschwaben? Das sei doch alles dasselbe: Liegt alles in Deutschland und klingt irgendwie österreichisch.

Wir räuspern kurz und versuchen, ein wenig Licht ins bayerische Stammesgewusel zu werfen: In Bayern (das von dem graecophilen König Ludwig I. eingeführte "y" signalisiert, dass vom politischen Bayern die Rede ist, also heutzutage vom Freistaat) leben vor allem drei Volksgruppen, die sich auch anhand dreier verschiedener Dialekte recht gut voneinander unterscheiden lassen: Altbayern, Franken und Schwaben. Diese Gruppen bevölkern wiederum insgesamt sieben Regierungsbezirke: Oberbayern, Niederbayern und die Oberpfalz, die nichts mit dem Bundesland Rheinland-Pfalz zu tun hat, bilden zusammen Altbayern. In Ober-, Mittel- und Unterfranken sind die Franken daheim und in Schwaben die Schwaben. Oberbayern kommt allerdings noch eine Sonderrolle zu, nicht nur weil seine Hauptstadt München auch die Landeshauptstadt ist, sondern weil hier jeder dritte Bayer lebt. Auch 29 der 91 Wahlkreise liegen hier. Die Bezirksverbände der CSU entsprechen im wesentlichen den Regierungsbezirken - ergänzt durch drei eigene Verbände für die Ballungsräume München, Augsburg und Nürnberg/Fürth/Schwabach.

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