Bayerischer Wahlverlierer CSU-Debakel befeuert Kritik an Seehofer

Nur noch 42,6 Prozent: Erschrocken reagiert die CSU auf ihr schlechtestes Wahlergebnis bei einer Bundestagswahl seit 1949. An eine Revolte denkt nach den zehrenden Stoiber-Huber-Beckstein-Jahren niemand. Doch auf der Wahlparty flammt Kritik am Parteichef auf.

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Von , München


München - Für manchen ist die Niederlage auch eine Rehabilitation. Man muss nur auf Erwin Huber achten während dieser CSU-Wahlparty. Jenen Mann also, der vor gut einem Jahr als Parteichef zurücktreten musste, weil die Christsozialen bei der Landtagswahl auf 43,4 Prozent abgestürzt waren. Auf Erwin Huber, den Verlierer, folgte Horst Seehofer, der Messias. So hieß es damals.

Doch es ist anders gekommen. Schlimmer noch. Die Seehofer-CSU hat an diesem Sonntag laut dem vorläufigen amtlichen Endergebnis nur 42,6 Prozent in Bayern geholt, das schlechteste Ergebnis bei einer Bundestagswahl seit 1949. "Das ist nicht nur eine Niederlage", sagt nun Huber, "das ist ein Desaster, das ist eine Katastrophe."

Das passende Bild dazu liefern kurz darauf der CSU-Vorsitzende und seine Entourage oben auf der Bühne vorm Wahlvolk. Während Seehofer in der Mitte vom "nicht zufriedenstellenden Ergebnis" spricht, stehen links und rechts von ihm die Generalsekretäre Alexander Dobrindt und Dorothee Bär, der Spitzenkandidat Peter Ramsauer und die Agrarministerin Ilse Aigner. Sie schauen ins Nichts. Seehofer sieht oft aufs Blatt. Man sieht dann leere Blicke rund um ein gebeugtes, weißes Haupt.

Wird Seehofer hinwerfen? Wird er gar gestürzt und scheitert an dieser einst so stolzen Partei? So wie Stoiber-Beckstein-Huber vor ihm in den turbulenten Jahren seit der Bundestagswahl 2005, als die CSU noch 49,2 Prozent holen konnte?

Ex-CSU-Chef Erwin Huber: "Die Klarheit der politischen Linie hat gefehlt"

Seehofer jedenfalls will kämpfen. "Fest entschlossen" sei er, das "verlorene Vertrauen hier in Bayern durch eine neue Regierung in Berlin so schnell wie möglich zurückzuerobern". Und er wolle, schiebt Seehofer hinterher, "für meine CSU diese Verantwortung auch weiter wahrnehmen."

Es wird nicht leicht für den Bayern. Die soziale Flanke wollte er in einem schwarz-gelben Bündnis absichern, der FDP die marktliberalen Flausen austreiben, die Arbeitnehmerrechte wahren. Nun aber wird die FDP etwa doppelt so viele Abgeordnete in den Berliner Reichstag entsenden wie die CSU. Das gab es noch nie, die beiden Parteien waren meist gleichauf. "Die FDP wird jetzt auch bei den Kabinettsposten mehr Berücksichtigung erfahren", sagt der CSU-Abgeordnete Ernst Hinsken. Trotzdem beharrt Seehofer, er werde "alles, was wir in der Vergangenheit versprochen haben, in einer Koalitionsvereinbarung auch zum Durchbruch bringen". Damit meint er etwa die Ankündigung konkreter Steuersenkungsschritte.

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Sieger und Verlierer: Die besten Bilder des Wahlabends
Seehofers Stärke in Berlin wird entscheidend davon abhängen, wie er seinen Führungsanspruch fortan in der eigenen Partei durchsetzen kann. Klar ist: Sie werden ihn nicht mehr alles im Alleingang bestimmen lassen, es bedürfe jetzt "verstärkter Teamarbeit", heißt es.

Die Kritik am Vorsitzenden entzündet sich insbesondere an dessen scharfen, auch persönlichen Angriffen auf FDP-Vertreter in den vergangenen Monaten: "Diese Attacken waren absolut kontraproduktiv", sagt CSU-Landtagsvizepräsident Reinhold Bocklet. Ex-Chef Huber erinnert, dass er bereits im Wahlkampf von einem "kleinkarierten Gezänk" mit der FDP abgeraten habe. Stattdessen hätte man Rot-Rot attackieren sollen. Es habe die "Klarheit der politischen Linie" gefehlt. Darüber müsse man nun "gewaltig nachdenken".

"Es gibt keinen Revolutionsführer gegen Seehofer"

Und Markus Ferber, der Vorsitzende der Brüsseler CSU-Europagruppe, stellt fest, die "Ausgrenzungsstrategie" gegen die Liberalen sei "nicht erfolgreich". Man habe Mittelstand und Landwirte nicht für die CSU gewinnen können. Es sei ein Zeichen, dass die FDP in Bayern leicht besser abschneide als im Bundesdurchschnitt, das habe es zuvor nie gegeben: "Es muss also bayerische Effekte geben." Er jedenfalls erwarte für Montag "spannende Diskussionen im Parteivorstand". Aber, grinst Ferber, einen Sonderparteitag werde es nicht geben.

Was Ferber meint: Eines solchen Parteitags bedürfte es nämlich, wenn man einen neuen Vorsitzenden wählen wollen würde. Ein anderer aus der CSU-Führung macht es knapp und direkt: "Es gibt keinen Revolutionsführer gegen Seehofer."

Die Reaktionen

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So winkt auch Bayerns CSU-Sozialministerin Christine Haderthauer ab: "Es wird keine Führungsdiskussionen geben, dafür ist keine Resonanz an der Parteibasis." Ihre Erklärung fürs miese Ergebnis: Das CSU-Personal habe sich seit dem Beginn der Stoiber-Krise im Jahre 2005 vor allem mit sich selbst beschäftigt, dies müsse jetzt vorbei sein, da sei Seehofer "auf einem guten Weg".

Doch so einfach ist es nicht. Die CSU ist eine verunsicherte Partei. Ihr durch gute Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft bei insgesamt niedriger Wahlbeteiligung erreichtes 48-Prozent-Ergebnis bei der Europawahl hat viele Risse im Fundament dieser Volkspartei nur notdürftig übertünchen können.

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Mehrheit für Schwarz-Gelb: Jubel bei FDP, Erleichterung bei der Union
Durch ihr schlechtes Bundestagswahlergebnis nun hat die Bayern-Union noch ein taktisches Problem mehr: Sie kann kaum noch erwarten, dass man sie in Berlin ernst nimmt, wenn sie dort weiterhin den starken Max markiert - so als wäre sie eine 50- oder 60-Prozent-Partei. Es ist bezeichnend, dass auf dieser Wahlparty kaum einer Merkel kritisiert, wie es in der CSU eigentlich Routine und Ausdruck eigener Kraft ist. Wilfried Scharnagl, der einstige Vertraute von Parteipatriarch Franz Josef Strauß, hat noch eine entsprechende Metapher parat: Manche Unionswähler hätten offenbar den Eindruck gehabt, "dass in Berlin eine schwarz-rote Mannschaft spielt, mit einer schwarzen Schiedsrichterin, die für die Roten pfeift." Und der CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt wirft Merkel "Beliebigkeit" vor, die Stammwähler nicht habe mobilisieren können. Die CSU habe unter einem "Merkel-Malus" gelitten.

Merkel aber wird nun in Kürze an der Spitze einer schwarz-gelben Koalition stehen, in der die CSU der mit Abstand kleinste Partner ist.



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Seite 1
Nante, 27.09.2009
1.
Ich habe richtig gewählt. Aber die anderen?
LukasE 27.09.2009
2.
Zitat von NanteIch habe richtig gewählt. Aber die anderen?
Haben alle falsch gewählt!!!
heisenberg, 27.09.2009
3. Bekommt die CDU endlich ihren Denkzettel ???
Ich habe auch richtig gewählt LINKS !
andreas13053 27.09.2009
4.
Zitat von NanteIch habe richtig gewählt. Aber die anderen?
Glückwunsch. Ich habe die Kreuzchen auch im richtigen Kreis untergebracht - war gar nicht so schwer.
pssst... 27.09.2009
5.
Zitat von sysopMerkel besiegt Steinmeier, die FDP als große Gewinnerin - wie beurteilen Sie das Wahlergebnis?
Wir haben nicht gewählt, meine Familie und ich....
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