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Interview mit Historiker Schlemmer: "Bayern hatte Glück"

Ein Interview von Klaus Wiegrefe

München vor bayerischen Alpen: Warum ist das Land so erfolgreich? Zur Großansicht
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München vor bayerischen Alpen: Warum ist das Land so erfolgreich?

Ist die CSU gar nicht so wichtig für den wirtschaftlichen Erfolg Bayerns? Der Historiker Thomas Schlemmer erklärt, warum die Christsozialen ihren Anteil am Aufstieg des Landes überschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Maut, Betreuungsgeld, Atommüll, Stromtrassen - aus München sind stets besondere Töne zu vernehmen. In Bayern gehen die Uhren anders, oder?

Schlemmer: Das wird gern behauptet. Es macht es ja auch einfacher: Man muss dann nichts erklären.

SPIEGEL ONLINE: Das Uhren-Zitat stammt von Willy Brandt, später hat Franz Josef Strauß es verwendet. Da muss doch etwas dran sein.

Schlemmer: Wenn Sie in der aktuellen politischen Debatte mit bayerischen Eigenheiten kommen, spielen Sie denen in die Hände, die an dem scheinbar unerklärbaren Mythos Bayern feilen. Es geht schlicht um parteipolitische wie landespolitische Interessen. (Den aktuellen SPIEGEL-Titel zum Thema Bayern finden Sie hier.)

Zur Person
Der Historiker Thomas Schlemmer, 48, ist Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München. Er betreute ein viel beachtetes Forschungsprojekt des Instituts über Bayerns Wandel zum Industriestaat. Sein Buch über die Geschichte der CSU ist ein Standardwerk.
SPIEGEL ONLINE: Der Wahlforscher Jürgen Falter hat vor Jahren eine Studie vorgelegt: Die Bayern glauben an den starken Staat, sind materialistisch und eher rechts.

Schlemmer: Es kommt darauf an, was Sie vergleichen. Bayern hat nur eine Metropole, und bekanntlich vollzieht sich Wertewandel in Metropolen anders als im ländlichen Raum. Sie müssten also den ländlichen Raum Bayerns mit dem ländlichen Raum Niedersachsens vergleichen. Ich bezweifle, dass die Unterschiede groß sind.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt keinen Landeschef, der so unverhohlen seine Interessen vertritt wie Ministerpräsident Horst Seehofer.

Schlemmer: Der Länderegoismus ist keine bayerische Erfindung, Johannes Rau oder Roland Koch waren nicht weniger selbstsüchtig. Und selbst wenn Seehofer leiser auftreten wollte: Er könnte das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Schlemmer: Bei Gründung der Bundesrepublik gab es mehrere Regionalparteien, etwa die spätere Deutsche Partei in Niedersachsen, doch nur die CSU hat überlebt. Sie schaffte es spätestens ab 1953, sich als einzige Vertreterin bayerischer Interessen gegenüber dem Bund darzustellen. Wenn die CSU in Berlin nicht mehr durchsetzt, was sie zum bayerischen Interesse erklärt, hat sie ein Problem. Eine Regionalpartei, die mit regionalen Anliegen scheitert, verwirkt ihre Existenzberechtigung.

  Horst Seehofer: "Länderegoismus ist keine bayerische Erfindung"  Zur Großansicht
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Horst Seehofer: "Länderegoismus ist keine bayerische Erfindung"

SPIEGEL ONLINE: Deshalb muss der bayerische Löwe laut brüllen?

Schlemmer: So laut brüllt er ja nicht. Die Bundesrepublik hat sich in den letzten 20 Jahren deutlich verändert. Wir erleben eine zunehmende Zentralisierung, die kraftvolle Vertretung von regionalen Interessen kommt uns inzwischen merkwürdig vor, obwohl sie dem Föderalismus eigen ist. Außerdem ist die Politik insgesamt leiser geworden. Da fällt jeder laute Ton auf.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es der CSU gelungen, sich zur Alleinvertreterin Bayerns zu stilisieren?

Schlemmer: Das Vehikel war die Fraktionsgemeinschaft der CSU-Landesgruppe mit der CDU im Bundestag. Die CDU musste 1949 darauf eingehen, weil Adenauer ohne die Stimmen der CSU nicht Kanzler werden konnte. Die Landesgruppe umfasste zeitweise fast 60 Abgeordnete, die in zentralen Fragen geschlossen auftraten, ein enormer Machtfaktor.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch CDU-Abgeordnete aus Nordrhein-Westfalen stimmten sich ab.

Schlemmer: Deren Durchsetzungsfähigkeit war erheblich geringer, weil hinter ihnen keine eigene Partei stand. Dazu kommt: In der Landesgruppe formierte sich in den Fünfzigerjahren eine junge Mannschaft mit Strauß an der Spitze. Das waren prägende Figuren, die hart austeilten, Richard Stücklen, Friedrich Zimmermann oder Werner Dollinger. Viele haben bis in die Neunzigerjahre Politik gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Die Ausfälle von Strauß sind legendär, er bezeichnete Parteifreunde als "politische Pygmäen" und Helmut Kohl als "total unfähig". Heute scheinen Derbheiten aus München eher inszeniert.

Schlemmer: Der Trachtenjanker, den Strauß hinterlassen hat, ist für viele zu groß. Deshalb wirkt manches so aufgesetzt.

Franz Josef Strauß (im Mai 1983): Legendäre Ausfälle Zur Großansicht
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Franz Josef Strauß (im Mai 1983): Legendäre Ausfälle

SPIEGEL ONLINE: Die CSU behauptet, aus einem Agrarland das modernste Bundesland gemacht zu haben. Stimmt das?

Schlemmer: Der Anteil der CSU an der Erfolgsgeschichte ist nicht so groß wie behauptet. Aber dass die Entwicklung auch etwas mit jener Partei zu tun hat, die seit 1957 regiert, liegt auf der Hand.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen bayerischen Sonderweg?

Schlemmer: Nein, das Grundgesetz lässt keinen Sonderweg eines Bundeslandes zu. Zunächst einmal hatte Bayern Glück. Es war zwar bei Kriegsende strukturschwach. Das hieß aber auch, dass Industriezweige wie Kohle und Stahl, die das Wirtschaftswunder zunächst mittrugen und dann in den Siebzigerjahren zum Problem wurden, in Bayern weitgehend fehlten. Man siedelte stattdessen neue Industrien an. Die Rückständigkeit erwies sich als Vorteil.

SPIEGEL ONLINE: Was trug noch zum bayerischen Glück bei?

Schlemmer: Während des Kriegs galt Bayern als Luftschutzkeller des Reichs, viele wichtige Projekte der nationalsozialistischen Rüstungs- und Hochtechnologiepolitik fanden sich bei Kriegsende in Bayern wieder. Damit gab es einen Grundstock an Infrastruktur, den man nutzte, um Luftfahrt- und Rüstungsindustrie aufzubauen. Dazu kamen kriegsbedingte Verlagerungen von Unternehmen, die dann in Bayern blieben, und nach 1945 auch Firmen aus der Sowjetischen Besetzten Zone, wie die Auto Union (Audi), die ja ursprünglich in Sachsen beheimatet war.

SPIEGEL ONLINE: Was hat die CSU unternommen?

Schlemmer: Energie war in Bayern teuer, weil es wenige eigene Energieträger gibt. Die bayerische Politik tat seit den Fünfzigerjahren alles dafür, Bayerns Energieversorgung zu sichern, denn diese war Voraussetzung für die Industrialisierung. Deshalb reagieren ältere CSUler so allergisch auf die heutige Energiewende. Bayern wäre dann auf Windstrom aus Norddeutschland angewiesen. Das scheint manchem den Fünfzigerjahren vergleichbar, als man Kohlenimporte aus dem Ruhrgebiet benötigte.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine besondere bayerische Industriepolitik?

Schlemmer: Man kann Infrastruktur dort errichten, wo Bedarf besteht. Die CSU wählte einen anderen Weg: Sie trat in Vorleistung, baute vor allem das Straßennetz aus und setzte auf die Industrialisierung des ländlichen Raumes durch den Mittelstand, ausgehend von regionalen Zentren wie Ingolstadt. Das funktionierte während des Wirtschaftswunders: Es herrschte Vollbeschäftigung, Arbeitskräfte waren teuer, aber eben nicht auf dem Land.

SPIEGEL ONLINE: 1950 war jeder dritte Bayer in der Landwirtschaft beschäftigt, 1987 nur jeder zwanzigste. Wie hat die CSU die Balance zwischen Tradition und Fortschritt halten können, ohne die Mehrheit zu gefährden?

Schlemmer: Es gab in der CSU zwei Flügel, die sich bekämpften: einen agrarromantischen, klerikalen, der die moderne Industriegesellschaft für eine Ausgeburt des Antichrist hielt - und daneben die Vertreter eines progressiv-liberalen Konservatismus wie Strauß und Zimmermann.

SPIEGEL ONLINE: Schwer zu glauben, dass Strauß einst als Liberaler galt.

Schlemmer: Seine Gruppe setzte sich mit dem Generationenwechsel in den Sechzigerjahren in der CSU durch. Sie förderten Hochtechnologie, Industrie, Wissenschaft. Gleichzeitig versuchten sie, soziale Strukturen und Mentalitäten zu konservieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Schlemmer: Indem man die Verlierer des Wandels auffing, unter anderem die Bauern. Die Staatsregierung hat es sich viel Geld kosten lassen, den Strukturwandel in der Landwirtschaft zu verlangsamen. Vor allem aber zahlte sich die Industrialisierung des ländlichen Raumes aus. Die Fabriken rekrutierten ihre Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Was ist daran bemerkenswert?

Schlemmer: Die Arbeiter waren oft auch Gewerkschaftsmitglieder, also klassische SPD-Klientel. Aber sie konnten in den Dörfern wohnen bleiben und blieben damit den alten sozialen Strukturen verhaftet, den Vereinen, der Kirche, dem Stammtisch oder auch dem Bauernverband. Es waren solche CSU-nahen Vorfeldorganisationen, die es dann sogar schafften, den Wandel zum Vorteil der CSU werden zu lassen. Die Partei eroberte die absolute Mehrheit der Mandate im bayerischen Landtag ja erst 1962.

SPIEGEL ONLINE: Außerhalb Bayerns verweist man gern auf die Gelder, die der arme Freistaat von anderen bekommen hat.

Schlemmer: Die CSU-Landesgruppe um Strauß bemühte sich seit Gründung der Republik um Ministerien, die über einen großen Investitionshaushalt verfügten: Verkehr, Post, Verteidigung und natürlich das Finanzministerium. Mit Fritz Schäffer, Strauß und Theo Waigel stellte die CSU nicht zufällig den Finanzminister über insgesamt rund 20 Jahre. Dann wurden Gelder nach Bayern gelenkt, zeitweise ging etwa knapp ein Drittel aller Aufträge des Verteidigungsministeriums in den Freistaat.

SPIEGEL ONLINE: Profitierte Bayern nicht auch vom Länderfinanzausgleich?

Schlemmer: Bayern war bis Ende der 1980er-Jahre ein Nehmerland, wobei die Margen seit 1980 immer geringer wurden. Hinzu kam die Förderung strukturschwacher Gebiete, etwa die Städtebauförderung oder auch die Zonenrandförderung - übrigens eine Erfindung der CSU.

SPIEGEL ONLINE: Die alten Rezepte scheinen nicht mehr zu funktionieren. Trotz glänzender Wirtschaftsdaten muss die CSU um Mehrheiten fürchten. Warum ist das so?

Schlemmer: Umfragen zufolge glauben die Bayern, es gebe eine bayerische Lebensart, die durch Landschaft, Kultur, Geschichte bestimmt wird. Aber wenn sie nach der Politik gefragt werden, dann liegt die Zustimmungsquote deutlich niedriger.

SPIEGEL ONLINE: Viele leben gern in Bayern, können aber mit der CSU nichts anfangen?

Schlemmer: Das lässt sich seit der Wiedervereinigung verstärkt beobachten.

SPIEGEL ONLINE: Weil so viele Ostdeutsche nach Bayern zogen?

Schlemmer: Nicht nur. Bestimmte Regionen Südbayerns ziehen bis heute wie ein Magnet Menschen an, damit verändern sich die Milieus. Und die CSU, die versucht hat, beides zusammenzuhalten - Laptop und Lederhosen - tut sich zunehmend schwer. Die Zeiten, in denen satte absolute Mehrheiten garantiert schienen, sind vorbei.


Animation: Was Sie über Bayern wissen sollten

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 160 Beiträge
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    Seite 1    
1. Gelder wurden nach Bayern gelenkt...
dirkozoid 22.08.2015
So läuft das auch heute noch. Und wird auch so weiter gehen. Jeder, der in anderen Ländern CDU wählt, wählt die CSU gleich mit und unterstützt, dass aus seinem Land Gelder in den Südwesten fließen. Und dann darf man sich noch anhören, man würde nur nehmen über den Finanzausgleich.
2. Überzeugende Analyse. .
alterzwickscher 22.08.2015
des Interviewten. Mir fehlen aber noch die Zahlen des Länderfinanzausgleichs, die Bayern insgesamt als Nettoempfänger bezogen hat in Relation zu den heutigen Summen, die Bayern zahlt. Meiner Erinnerung nach war die oft angeführte Hilfe von damals ein Klacks zu den heutigen Summen, die der Freistaat jetzt überweisen muß. Was ich noch leider vermisse ist eine Einschätzung des Anteils der Nachkriegsaufbauleistung in Bayern durch die große Anzahl der aus der Tschechoslowakei vertriebenen Sudetendeutschen, die sich unmittelbar in Nähe der alten Heimat verstärkt angesiedelt haben.
3.
hotgorn 22.08.2015
Auch interessant der Typ links von strauß auf dem Foto hat wenn man es vergrößert das bundesverdienstkreuz mit schwar rot Goldenem bändel. Daneben hat er sich das eiserne Kreuz mit schwarz weiß rotem bändle angeheftet und er lacht dabei auch noch blöd. Die Farben der Demokratie neben den Farben der deutschen Diktaturen auch das ist ein Hinweis auf die bigottetie der Bayern. Bild bitte vergrößern.
4.
modeagentur 22.08.2015
Ich muss vorausschicken, dass ich weder Bayer bin noch dort wohne. Ich bin daher auch kein Wähler der CSU. Trotzdem stelle ich fest, dass es - wem auch immer- gelungen ist, aus dem vormaligen Agrarland Bayern einen wirtschaftlich starken Standort zu machen, von dem der Rest Deutschlands ziemlich profitiert. Vieles klappt in Bayern gut bis sehr gut, nicht zuletzt auch das Bildungssystem - siehe Pisa-Studien. Im Gegensatz zu vielen der SPD-regierten Länder. Bestes Beispiel für ein immer weniger gut funktionierendes Land ist das fast ausschließlich SPD-regierte NRW, das aus meiner Sicht immer tiefer sinkt, sowohl wirtschaftlich als auch bildungsmäßig. Und so ganz unbeteiligt scheint mir die CSU an dem Aufstieg und Erfolg von Bayern nicht zu sein, oder? Bayern-Bashing (ebenso wie CSU-Bashing) ist daher schon ziemlich dumm. Wenn schon scharf geschossen wird gegen Parteien, sollte man sich die vornehmen, die nichts zustande bringen.
5. Gut
Ossifriese 22.08.2015
Interessantes Interview mit jeder Menge Fakten. Manches wusste man, manches aber auch noch nicht.
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