Kreuzerlass in Bayern Ab heute soll es hängen

Zum 1. Juni tritt die umstrittene Verfügung in Kraft: Künftig sollen Bayerns Behörden in ihren Eingangshallen christliche Kreuze anbringen. Wen betrifft der Erlass, und wie ist er politisch einzuordnen?

Markus Söder
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Markus Söder

Von , München


Fronleichnam ist der Tag im Kirchenjahr, an dem die Katholiken ihren Glauben sichtbar nach außen demonstrieren: Überall in Deutschland trugen Gläubige geweihte Hostien in Monstranzen durch die Straßen, als Symbol für den Leib Christi, in Süddeutschland war der Tag ein Feiertag.

Der Protestant Markus Söder reiste an Fronleichnam nach Rom: Dort wird Papst Franziskus am heutigen Freitag den bayerischen Ministerpräsidenten zu einer Privataudienz empfangen, der Termin passt gut in Söders politischen Kalender.

Es soll dabei auch um das Thema gehen, welches am 1. Juni die Staatsdiener in Söders Heimat Bayern vordringlich beschäftigt: Der Stichtag ist gekommen, ab dem sie in ihren Behörden Kreuze anbringen sollen. Der umstrittene Erlass ist also fortan in Kraft - was heißt das?

Wen betrifft der Kreuz-Erlass?

Sämtliche Behörden des Freistaats Bayern, also zum Beispiel Ministerien, Polizeireviere, Bauämter oder Gerichtsgebäude. Insgesamt geht es um über tausend sogenannte Hauptdienststellen. Ämter der Kommunen, Bezirke oder Landkreise sind nicht betroffen, genauso wenig Bundesbehörden in Bayern.

Was genau ist angeordnet?

Die "Allgemeine Geschäftsordnung für die Behörden des Freistaates Bayern" erhält einen neuen Paragrafen. Er lautet: "Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes ist als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns gut sichtbar ein Kreuz anzubringen." Die Dienststellen sollen die nötigen Kreuze selbst beschaffen, die Landesregierung macht keine Vorschriften zu Größe oder Material des Kreuzes. Das Innenministerium wird vorerst nicht kontrollieren, ob die Kreuze auch tatsächlich hängen.

Gibt es Ausnahmen?

Für Theater, Opernhäuser und Museen gilt die Kreuzverordnung lediglich als Empfehlung, sie muss nicht zwingend befolgt werden. Aus Kunst und Wissenschaft kommt viel Kritik an der Maßnahme.

Hängen schon andere Kreuze in staatlichen Einrichtungen des Freistaats?

Ja, in Klassenzimmern von Grundschulen, Mittelschulen und Förderzentren sowie in Gerichtssälen. Allerdings gibt es dort keine Pflicht, lediglich eine Empfehlung. Fühlen sich Eltern oder Prozessbeteiligte durch das Kreuz gestört, können sich verlangen, dass es entfernt wird. Wie künftig im Konflikt mit den Kreuzen in den Eingangshallen der übrigen Behörden verfahren wird, werden wohl Gerichte klären müssen.

Was sagen die Kirchen zum Kreuzerlass?

Die Kirchen sind gespalten. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx äußerte die Befürchtung, dass "Spaltung, Unruhe und Gegeneinander" in die Gesellschaft getragen werden, weitere Kirchenvertreter wandten sich dagegen, dass das Glaubenssymbol instrumentalisiert werde. Doch andere Bischöfe haben sich hinter Söder gestellt, ebenso der Papst-Sekretär Georg Gänswein. Die CSU will den Dissens durch einen Runden Tisch mit den Kirchen ausräumen. Doch geraten CSU und Kirchenvertreter insbesondere in Flüchtlingsfragen regelmäßig aneinander.

Was ist die politische Stoßrichtung des Kreuzerlasses?

Indem er vor einigen Wochen persönlich vor laufenden Kameras ein Kreuz neben der Pförtnerloge der Staatskanzlei anbrachte, inszeniert sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder als Vorkämpfer für traditionelle Werte und das christliche Abendland. Die CSU will mit dem Thema ihre Stammwähler mobilisieren und abtrünnige Konservative von der AfD zurückholen. Dass sie auf der anderen Seite Liberale und linke Christen verschreckt, nehmen die Strategen der Christsozialen in Kauf. Sie glauben, dass dort ohnehin wenig zu holen ist.

Wird der Kreuzerlass der CSU politisch nützen?

Schwer zu sagen. Laut einer Umfrage des Bayerischen Rundfunks vor einigen Wochen stehen 56 Prozent der Befragten hinter der Vorgabe, 38 Prozent sind dagegen. In der restlichen Bundesrepublik ist das Stimmungsbild umgekehrt. Allerdings wählen im Herbst die Bayern ihren Landtag und nicht alle Bundesbürger. In den Meinungsumfragen hat das Kreuz die CSU bislang nicht vorangebracht.



insgesamt 131 Beiträge
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kangootom 01.06.2018
1. Ganz schlimm
Das Kreuz in staatlichen Einrichtungen verletzt die Trennung von Staat und Kirche. Auf kurze Sicht mag die CSU damit bei AfD Wählern und alten Menschen punkten. Aber bei den jungen und intelligenten Wählern, die verstanden haben, dass Religion nur zu Konflikten führt, hat man hier verloren.
s.l.bln 01.06.2018
2. Die CSU...
...wie wir sie kennen. Es spielt keine Rolle, was Betroffene oder vermeintliche Profiteure von einer CSU Entscheidung halten, oder Sachverständige, oder die Presse. Wenn die mal eine Idee hatten, halten sie aus reinem Trotz daran fest, lange nachdem sie sich als Rohrkrepierer entpuppt hat. Spätestens als Autoritäten der katholischen Kirche sich die Politisierung ihres Symbols verbeten hatten, hätte man bei der CSU mal diskret zurückrudern können, aber das ist nunmal die eine Partei, in welcher der Altersstarrsinn schon in der Nachwuchsorganisation grassiert. Pfui
Willi S. 01.06.2018
3. Kreuz ist kein Glaubensbekenntnis
Ich höre sie schon - die Aussagen, das Kreuz sei kein Glaubensbekenntnis, sondern eine politische Aussage und sei daher in öffentlichen Gebäuden und Räumen zu verbieten. Das Kopftuch hingegen sei ein Glaubensbekenntnis - kein politisches Symbol für den politischen Islam - und daher selbstverständlich kein Problem.
shotaro_kaneda 01.06.2018
4.
Und was ist mit den bayrischen Staatskarossen? Ich plädiere dafür, dass die Automarke am Kühlergrill durch ein Kreuz ersetzt wird. Alternativ bin ich für einen Wackeljesuserlass. Weiterhin ist vor und nach jeder parlamentarischen Sitzung in Bayern ein Gebet zu sprechen und vom Parlamentspräsidenten ein Bibelvers vorzutragen. Jeses bayrische Staatsdokument ist zusätzlich mit einem Kreuz abzustempeln, damit jeder weiß, dass dies ein guter Christ geschrieben hat und jedes beschlossene Gesetzt und jede Verordnung bedarf des Segens des Papstes.
hildesheimer2 01.06.2018
5. Trennung von Staat und Religion
Es sollte eine konsequente Trennung von Staat und Religion geben! Es gibt genug Staaten wo diese unselige Verquickung schon genug Unheil angerichtet hat! Wenn Religionssymbole und Werbung für Weltanschauungen an sich nicht erlaubt werden, fällt dann auch die Gleichbehandlung leichter. In öffentlichen Gebäude meiner Kreisverwaltung (Kreishaus) wurde eine Info- und Werbeveranstaltung einer Islamvereinigung abgehalten ! Der einzige Staat wo ich etwas milder mit dem Thema umgehen würde, ist der Vatikanstaat...... eiWemeinem
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