Datenanalyse zur Bayern-Wahl CSU verliert Wähler an Grüne und AfD - SPD an alle

Neue bayerische Farbenlehre: Die SPD vergreist, die CSU verliert Wähler an AfD und Grüne. Letztere mobilisieren vor allem Junge und Städter. Die wichtigsten Erkenntnisse zur Wählerwanderung.

Bayern-Wahl/ Ergebnisse
Quelle: Infratest dimap/ARD (Schätzung auf Basis von Vor- und Nachwahlbefragungen, Wahl- und Bevölkerungsstatistiken)

Bayern-Wahl/ Ergebnisse

Von , und (Grafiken)


Die Bayern haben gewählt - und die über Jahrzehnte gewachsene politische Struktur des Freistaates durch ihr Votum massiv verändert. Die CSU hat das zweitschlechteste Ergebnis ihrer Geschichte eingefahren und ist zum Regieren auf die Hilfe der Freien Wähler angewiesen.

Und um die von Ministerpräsident Markus Söder nach der Wahl beschworenen "stabilen Verhältnisse" herzustellen, brauchen die Christsozialen eigentlich auch die FDP, die es knapp in den bayerischen Landtag geschafft hat.

Die Grünen sind neben der AfD und den Freien Wählern die Einzigen, die sich über die neue bayerische Farbenlehre freuen dürften. Die Ökopartei ist der große Gewinner im Freistaat, holte sogar erstmals Direktmandate.

Die politische Linke hingegen ist krachend gescheitert: Die SPD mobilisierte so wenig Wähler wie noch nie für ihre Sache - was auch Folgen für die Stabilität der Großen Koalition in Berlin haben dürfte -, und die Linke hat den Sprung ins Maximilianeum erst gar nicht geschafft.

Eine gute Nachricht für alle Parteien: Die Wahlbeteiligung lag bei 72,4 Prozent und damit weit höher als 2013 (63,6 Prozent). Von diesem Anstieg konnten alle Parteien profitieren - außer den bayerischen Genossen der SPD.

Das geht aus der Analyse zur Wählerwanderung von Infratest dimap hervor. Das Wahlforschungsinstitut berechnet sie anhand eigener Befragungen und amtlicher Statistiken. Die Werte sind eine grobe Größenordnung dafür, wie viele Wähler von und zu einer Partei ab- oder zugewandert sind.

Wie die Daten deutlich zeigen, verloren die Sozialdemokraten zudem Wähler an alle anderen Parteien, die nun im bayerischen Landtag sitzen werden, besonders an die Grünen.

Auch die CSU gab viele Stimmen an die Grünen ab, aber auch an die Freien Wähler und die AfD. Zudem sind den Christsozialen viele Wähler aus Altersgründen abhanden gekommen - sie sind seit der letzten Wahl 2013 gestorben.

Quelle: Infratest dimap/ARD (Schätzung auf Basis von Vor- und Nachwahlbefragungen, Wahl- und Bevölkerungsstatistiken)

Besonders interessant am anderen Ende der Altersskala: Zwar votierten die meisten Erstwähler für die Grünen. Aber besonders die jungen Menschen im Freistaat haben unterdurchschnittlich von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht.

CSU verliert bei Frauen - und bei Männern

Wie tiefgreifend der politische Wandel mit dieser Wahl ist, wird besonders deutlich mit Blick auf das Wahlverhalten von Männern und Frauen bei CSU und Grünen. 20 Prozent der Frauen wählten die Grünen (+10 Prozentpunkte), 37 Prozent die CSU (-11 Prozentpunkte). Bei den Männern sieht es ähnlich aus: Auch hier wählten 37 Prozent die CSU (-10 Prozentpunkte) und 16 Prozent die Ökopartei (+9 Prozentpunkte). Insgesamt haben die Grünen bei Frauen und Männern in allen Altersgruppen dazugewonnen und die CSU verloren.

In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen verlor die CSU 13 Prozentpunkte bei den Frauen (Grüne +12 Prozentpunkte) und 14 Prozentpunkte bei den Männern (Grüne +12 Prozentpunkte). Bei den 25- bis 34-Jährigen müssen die Christsozialen ebenfalls ein Minus von 13 Prozentpunkten bei weiblichen Wählerinnen hinnehmen (Grüne +13 Prozentpunkte) ebenso wie bei den Männern (Grüne +11 Prozentpunkte).

Die bayerische SPD - eine Ü60-Partei

Noch katastrophaler lief es mit Blick auf die Altersstruktur nur für die SPD. Die Genossen kommen nur noch bei den Wählern, die älter als 60 Jahre sind, auf ein zweistelliges Ergebnis (14 Prozent). Es ist gleichzeitig die Gruppe, bei denen die SPD im Vergleich zur Vorwahl am wenigsten verloren hat (-8 Prozentpunkte).

Bei den wahlberechtigten Männern und Frauen zwischen 18 und 24 Jahren erreichen die bayerischen Sozialdemokraten hingegen nur sieben Prozent (-11 Prozentpunkte), ebenso wie bei den 25- bis 34-Jährigen (-10 Prozentpunkte) und den 35- bis 44-Jährigen (-11 Prozentpunkte). Bei den 45- bis 59-Jährigen sieht es mit acht Prozent aufgrund der Verluste (-14 Prozentpunkte) auch nicht besser aus.

Die AfD punktet bei Arbeitern und Angestellten

Besonders bitter für das SPD-Team um Spitzenkandidatin Natascha Kohnen: Den Kampf um die Arbeiter und Angestellten verlieren sie gegen die AfD, die aber mit gut 10 Prozent unter ihrem Bundestagswahlergebnis bleibt.

Während die Rechtspopulisten 22 Prozent der Arbeiter für sich gewinnen konnten, verloren die Sozialdemokraten 11 Prozentpunkte und erreichten damit nur 9 Prozent. Bei den Angestellten ist das Ergebnis aus SPD-Sicht identisch: 9 Prozent erreicht, 11 Prozentpunkte verloren - während die AfD auf 10 Prozent kommt.

Freie Wähler legen bei Wählern mit mittlerer und niedriger Bildung zu

Die Grünen haben bei den Wahlen am Sonntag besonders in den Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern gepunktet, also dort, wo auch viele gut ausgebildete Wähler leben. Bei den Wählern mit hoher Bildung haben sie ein sattes Plus von 13 Prozentpunkten eingefahren, während die Freien Wähler das gleiche Ergebnis wie 2013 erzielten und die CSU 7 Prozentpunkte verlor.

Bei den Wählern mit mittlerer und niedriger Bildung punktete die Partei von Horst Seehofer zwar, verlor aber auch hier, während die Freien Wähler und die Grünen jeweils zulegen konnten.

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