Grüne Erfolgsträume vor Bayern-Wahl Ein Sieg muss her

In Bayern verlieren die Volksparteien - gut für die Grünen. Sie wollen im Herbst ein Spitzenergebnis einfahren. Und so vielleicht Juniorpartner werden. Ausgerechnet von Markus Söder.

Katharina Schulze, Ludwig Hartmann (Mitte), Robert Habeck
DPA

Katharina Schulze, Ludwig Hartmann (Mitte), Robert Habeck

Von


Schon einmal haben die Grünen von der Schwäche der CSU profitiert: 2008 war das, damals verlor die CSU unter Erwin Huber und Günther Beckstein die absolute Mehrheit - sie rutschte auf 43,4 Prozent.

Ein Desaster.

Die Grünen legten zwar laut Wählerwanderungsstatistik nur um 60.000 Stimmen zu, aber es reichte, um das beste Wahlergebnis in Bayern jemals einzufahren: 9,4 Prozent.

Dieses Mal rechnen die bayerischen Grünen mit deutlich mehr: Im Dezember lagen sie in Umfragen noch bei zehn Prozent, dann waren es elf, zwölf, 13, 14. Zuletzt sah Civey sie gar bei 15 Prozent. Die Grünen freut es. Sie lechzen nach der Macht.

Doch das Hoch speist sich nicht nur aus einer parteiinternen Stärke. Sondern auch aus der Schwäche der anderen. Die SPD in Bayern ist schon 2003 auf unter 20 Prozent gestürzt. Im Süden hat sie ihren Nimbus als Volkspartei schon lang verloren. Nun ist sie in Umfragen bei knapp über zwölf Prozent angelangt und liegt damit weit hinter den Grünen und der AfD.

Sie wolle auf soziale Themen setzen, sagt SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen, vor allem Wohnraum liege ihr am Herzen. Über den Plakaten mit Fotos von ihr prangt in Großbuchstaben das Wort "Anstand". Ein Platzhaltwort, es erinnert schmerzlich an die "Gerechtigkeit", die im Sommer 2017 von Martin Schulz zu einem diffusen Wahlkampfmotto überhöht wurde.

Für Söder läuft es nicht gut

Auch die CSU ist dieser Tage schwer gezeichnet, sackt von einem Umfragetief ins nächste. Seit März ist Markus Söder Ministerpräsident des Freistaats. Es läuft nicht sonderlich gut für ihn.

CSU-Chef Horst Seehofer provozierte die schlimmste Unionskrise seit den Siebzigerjahren, wegen einer Flüchtlingspolitik, die eigentlich schon wieder im Sinne der CSU verschärft worden war.

Doch es war nicht nur die Krise: Gegen das Polizeiaufgabengesetz, das Söder vehement verteidigte, haben Zehntausende protestiert, genau wie gegen das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz. Zuletzt gingen auf der #ausgehetzt-Demo gegen die Politik der CSU mindestens 20.000 Menschen auf die Straße.

Das alles schadet Söder, der sich zu Beginn seiner Amtszeit gern als Landesvater zeigte. Verbale Frontalattacken, wie er sie während des Streits mit der Schwesterpartei austeilte (man erinnere sich an den "Asyltourismus") passen nur leider nicht zum Bild eines Staatsmanns. Auch vielen gestandenen CSU-Wählern waren die Ausfälle ihres Ministerpräsidenten und des CSU-Chefs zu scharf. Mit christlicher Nächstenliebe hatten die nicht mehr viel zu tun.

Die Grünen sind Balsam für die konservative Seele der Bayern

Dagegen haben die Grünen einen Trumpf. Sie haben eine Spitzenkandidatin, wie sie sie besser nicht hätten erfinden können: Katharina Schulze hat Polizeikongresse organisiert, sie fährt auf Streife mit, auf ihrer Website schreibt sie: "Damit Bayern Heimat bleibt - Betonflut eindämmen". Balsam für die konservative bayerische Seele. Denn die achtet schließlich auf ihr Land, ist stolz auf die Seen, die Wiesen, die Kühe, die Berge.

Laut dem bayerischen Landesamt für Statistik wurden im Jahr 2016 jeden Tag durchschnittlich 9,8 Hektar Natur zu Siedlungs- und Verkehrsfläche. Die Grünen sprechen in einem Aufruf gar von 13 Hektar. Dagegen kämpft Schulze.

Katharina Schulze auf der #ausgehetzt-Demo
imago/ ZUMA Press

Katharina Schulze auf der #ausgehetzt-Demo

Doch sie kann auch Großstadt. "So bunt, so vielfältig, so demokratisch", rief sie auf der #ausgehetzt-Demo in die Menge. Schulze redet, wie sie denkt: Schnell, herzlich, pragmatisch, ihre Hände sprechen mit. Sie ist erst 33 Jahre alt, aber im Landtag respektieren sie auch die Abgeordneten der CSU.

Ludwig Hartmann, 40, ist der andere Teil der bayerischen Doppelspitzenkandidatur. Er wollte Schwarz-Grün, daraus hat er nie ein Geheimnis gemacht. Zuletzt hatten sich Hartmann und Schulze klar von Söders Kurs distanziert. Aber Verantwortung übernehmen wollen sie trotzdem. "Gut möglich, dass die CSU nach dem deutlichen Verlust der absoluten Mehrheit bereit ist, zu einer Position der Vernunft zurückzukehren. Das würde die Möglichkeit von Kompromissen mit der CSU wieder ermöglichen", sagte Hartmann dem SPIEGEL.

Das Bundespersonal unterstützt den Wahlkampf

Nicht nur Schulze und Hartmann, auch das grüne Spitzenpersonal auf Bundesebene versucht, neue Wählerschichten zu erschließen. Allen voran die Grünen-Chefs Robert Habeck und Annalena Baerbock, die ihre Sommertour "Des Glückes Unterpfand" getauft haben. Sie wollen Geschichten von Heimat erzählen. Das passt zur bayerischen Landtagswahl. (Lesen Sie das Habeck-Porträt aus dem aktuellen SPIEGEL. "Krass, cool, alles supergeil")

Seit Baerbock und Habeck die Partei übernommen haben, sind die Grünen außerordentlich zufrieden mit sich. Bei der Landtagswahl in Bayern müssen sie nun aber liefern. Ansonsten könnte der Höhenflug ein jähes Ende finden.

Das Ziel muss deshalb sein, so stark zu werden, dass die CSU nicht an ihnen vorbeikommt. Sie könnte auch mit der SPD koalieren, möglicherweise auch mit den Freien Wählern. Doch Söder ist durchaus zuzutrauen, dass die Grünen ihm als Partner nicht einmal unrecht wären. Schließlich hat er sich schon als bayerischer Umweltminister als Klimaschutz-Advokat profiliert.

Schulze und Hartmann
imago/ ZUMA Press

Schulze und Hartmann

Grünen-Chefin Baerbock sagte zwar bereits "mit diesem Herrn Söder und dieser CSU wird es so keine Gespräche geben können". Doch "dieser Herr Söder" klingt seit ein paar Wochen im Wahlkampf eher zahm.

Nachfrage bei Katharina Schulze: Könnten Sie mit dem milderen Herrn Söder koalieren? "Ach, Herr Söder kündigt immer vieles an, jetzt muss man erst mal schauen, ob es überhaupt dabei bleibt", sagt sie dem SPIEGEL. Für die Grünen ändere sich nichts: "Mit uns kann man immer über ökologische und gerechte Politik reden. Über autoritäre und antieuropäische Politik aber sicher nicht."

Sollten die Grünen den Sprung in die Regierung nicht schaffen, wäre das zwar ein Schlag, aber verkraftbar. Wenn sie aber nicht deutlich zweistellig werden, wäre das ein Fiasko, auch auf Bundesebene. Die Strategie von Habeck und Baerbock würde infrage gestellt, der Traum der grünen Volkspartei wäre in sehr weite Ferne gerückt.

Die Grünen brauchen diesen Sieg.

Video: Nur Narzissten in der Politik? - DER SPIEGEL live mit Anton Hofreiter

DER SPIEGEL live

Korrektur: In der ursprünglichen Version dieses Artikels hieß es, laut dem bayerischen Landesamt für Statistik seien im Jahr 2016 in Bayern jeden Tag durchschnittlich 9,8 Quadratmeter bebaut worden. Die Grünen würden gar von 13 Quadratmetern sprechen. Tatsächlich handelt es sich nicht nur um Quadratmeter, sondern um 9,8 bzw. 13 Hektar. Dabei geht es zunächst um die Nutzung als Siedlungs- und Verkehrsfläche, was nicht zwangsläufig eine Bebauung oder Asphaltierung, also Versiegelung bedeutet. Wir haben den Fehler korrigiert.



insgesamt 72 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
adam01 16.08.2018
1. Das wäre wie Feuer und Wasser
Eine Alternative bietet sich aber nicht. Derzeit jedenfalls noch nicht. Die Erfolge der AfD führen eben zu schwierigen Mehrheitsbildungen. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Neue Chancen können sich auch als vorteilhaft erweisen. Nur die SPD ist und wird der große Verlierer sein. Sie kann sich nur noch in einer Oppostion besinnen.
hugolette 16.08.2018
2. Katharina Schulze, geballte Frauenpower ....
Kompetenz, Schlagfertigkeit, authentisch, gute Rednerin ... es wird Zeit, Horst Seehofer und Markus Söder haben sich selbst rausgekickt, das ist im tiefsten Bayern endlich auch angekommen. Ich wünsche es den Grünen!
Sandkastenstratege 16.08.2018
3. Die Grünen machen jetzt auf Öko light
Der Habeck hat verstanden, dass die Grünen mit Ihrer Gute-Laune-Killer Rhetorik nie über 15 Prozent kommen werden. Immer vor der Wahl einmal eine Diskussion um Benzinpreise oder Veggieday und alle wanden sich angeekelt ab. Jetzt verbreitet der Habeck: Hey Mann willst du eine Fernreise machen oder einen Eisbären retten? Und wenn der Wähler sagt: Fernreise, kann der Robert das auch "total verstehen". Und genau so ist es bei den Grünen selbst: Eisbären retten oder Wahlen gewinnen? Wahlen gewinnen. Wir bekommen, was wir verdienen: Eine Grüne Light, Wellness- und Lifestyle Partei. Stört nicht weiter und passt gut über das Sofa. Es müsste viel schiefgehen, wenn der "Robert" nicht erfolgreich ist.
Schnabbelschnute 16.08.2018
4. Noch ein ....
....Anzeichen für die gesellschaftliche Spaltung in Deutschland. Die Grünen im Erzkonservativen Bayern als Koalitionspartner der CSU, klingt wie eine Fiktion aus den 80gern! Es erschließt sich mir nicht, wieso gerade die Grünen solch einen Boom haben. Dessen letzte Beteiligung an der Bundesregierung hat für ein soziales Desaster geführt (Agenda 2010 und Hartz 4) ...nicht auszumachen was erst passiert, wenn diese Grünen mit einer Neoliberalen Regierung bzw Landesregierung eine Koalition bildet. Die Grünen werden in Bayern genau so wenig bewegen können, wie sie es derzeit woanders in den Landesregierungen macht, wo diese Partei nur Ziele hat, die uns alle steuerlich belasten, und ohne Wirkung sind.
biesi61 16.08.2018
5. Die Erschütterungen werden heftig sein!
Poltergeist Söder und das kompromisslos aggressive Vorgehen Seehofers haben die CSU für sehr viele unwählbar gemacht. Ihre dogmatische Fixierung auf die von der CSU selbst frei erfundene "Flüchtlingskrise" geht an den Problemen der übergroßen Mehrheit vorbei. Da von AfD, SPD, FDP und freien Wählern überwiegend nur lauwarme Luft kommt, werden die jungen und frischen GRÜNEN mit ihrem überzeugenden Programm mächtig gewinnen. Ein Erdrutsch, der Bayern zum positiven verändern wird!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.