TV-Duell von Söder und Hartmann "Das tägliche Sichzerfleischen möchte ich in Bayern nicht"

Zum ersten Mal treffen in Bayern ein schwarzer Ministerpräsident und ein grüner Herausforderer im Fernsehduell aufeinander. Erkenntnis des Abends: Man will zusammen wandern gehen.

Söder und Hartmann
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Söder und Hartmann

Von , München


Draußen vor dem Fernsehstudio flackert es wild: Rot, grün und gelb, mit Abbiegepfeilen nach rechts und links, oben und unten, für Fußgänger wie für Autofahrer. Es ist eine Installation, die die Münchner Stadtwerke für den Innenhof ihrer Unternehmenszentrale in Auftrag gegeben haben. Der Name des Kunstwerkes: "Traffic Light Flower", zu Deutsch "Ampelblume".

Die Installation wirkt wie ein Kommentar zur derzeit unübersichtlichen politischen Lage im Freistaat. Und zur Veranstaltung in der renovierten ehemaligen Zählerwerkstatt der Stadtwerke. Dort treffen in ungewohnter Farbkombination die beiden Politiker Markus Söder und Ludwig Hartmann zum Fernsehduell des Bayerischen Rundfunks (BR) aufeinander.

Ein Schwarzer misst sich mit einem Grünen, so war das traditionelle Live-Format des BR noch nie zusammengesetzt. Zuletzt stand immer ein SPD-Herausforderer dem CSU-Ministerpräsidenten gegenüber. Dass die Sozialdemokratin Natascha Kohnen dieses Mal zuschauen muss, liegt an den schlechten Umfragewerten der SPD, die deutlich hinter den Grünen zurückliegt. Der BR entschied umzubesetzen.

Moderator Christian Nitsche (l.) mit Markus Söder und Ludwig Hartmann
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Moderator Christian Nitsche (l.) mit Markus Söder und Ludwig Hartmann

Die erste Frage richtet BR-Chefredakteur Christian Nitsche an Söder, so wurde es zuvor ausgelost. Es geht um die Wohnungsnot in Bayern. Söder fordert, "mehr Wohnungen zu bauen, schneller zu bauen". Hartmann sagt: "Flächen sparen und bauen, das ist kein Widerspruch."

Das Chaos hat einen Namen

Die beiden verlieren sich ein wenig in den Zahlen, der Themenblock ist zäh, genau wie der Ausbau der Windkraft. Spannender wird es, als Söder und Hartmann ihre Analyse zum Zustand der Bundesregierung abgeben sollen. "Man kann in Berlin sehen, was passiert, wenn Koalitionen zusammengeschweißt werden, die gar nicht zusammengehören", sagt Söder. "Das tägliche Sichzerfleischen, das möchte ich in Bayern nicht."

Die Botschaft verbreitet der Ministerpräsident derzeit auf allen Kanälen: Liebe Wählerin, lieber Wähler, wenn du willst, dass alles proper und geordnet bleibt in Bayern, dann belasse die CSU alleine an der Macht. Hartmann antwortet trocken. "Es ist doch Ihr Parteivorsitzender, der für Chaos sorgt." Dies habe einen Namen: Horst Seehofer.

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Söder, der gelernte Fernsehjournalist, bringt seine Botschaften prägnanter rüber: Die Mitte der Gesellschaft müsse gestärkt werden, Humanität und Ordnung sollten sich in der Flüchtlingspolitik die Balance halten, keine "Experimentiererei mit den Schulen". Dafür mahnt er ein bisschen zu häufig an, Hartmann möge doch bitte zuhören und ihn nicht unterbrechen, das wirkt bevormundend.

Der Grüne ist angriffslustig, auch wenn er sich bisweilen verhaspelt. Die CSU müsse akzeptieren, "dass Bayern ein Einwanderungsland ist". Hartmann kritisiert Söders Kreuzerlass und sagt: "Das Kreuz gehört den Gläubigen, es gehört nicht dem Staat." Seinen Amtseid als Ministerpräsident, so antwortet Hartmann auf eine Frage des Chefredakteurs, würde er ohne die Gottesformel ablegen - eine christliche Politik sei ihm wichtiger.

"Klassisches spießiges Grünen-Programm"

Doch mit dem Anspruch auf das Spitzenamt tritt der grüne Spitzenkandidat gar nicht an, auch ein Kuriosum des schwarz-grünen-TV-Duells. Aber Partner in einer schwarz-grünen Koalition? Schließlich wäre die Kombination nach derzeitigen Umfragewerten das einzige gangbare Zweierbündnis. "Wir haben ganz andere Politikansätze", sagt Hartmann. Aber man sei "gerne gesprächsbereit".

Söder attestiert dem Kontrahenten ein "klassisches spießiges Grünen-Programm" mit altbekannten Feindbildern und Schablonen. Doch er schließt auch nichts aus. Nach Sendungsende bewertet er das Duell im Vorraum: "Jetzt kann sich jeder vorstellen, wie kompliziert das wäre."

Fürs Erste haben die beiden immerhin eine Verabredung zum Wandern. Hartmann lädt Söder zur Exkursion ein, um ihm in der Natur zu demonstrieren, wie angebracht der von den Grünen geforderte dritte Nationalpark sei. Söder: "Wir können gerne wandern gehen, aber einen Nationalpark gibt es nicht."

Vor den Landtagswahlen am 14. Oktober wird man die beiden wohl kaum gemeinsam wandern sehen. Vielleicht findet sich aber sehr schnell ein Termin danach.



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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
eunegin 27.09.2018
1. Bayerische Grüne
Als Bayer in Berlin eine Anmerkung für außerbayerische Leser: Grüne in Bayern und die CSU sind nicht unverträglich und keinesfalls mit z.B. Berliner Grünen zu vergleichen. Ich kenne etliche recht konservative Urbayern, die zwischen Grün und CSU schwanken. Auch Freie Wähler mit regional sehr unterschiedlicher Prägung sind ein Faktor. Die Grünen treffen jedoch einen bayerischen Nerv: Natur, Wald, Berge - Heimat im positiven Sinn bewahren. Schon Elternhaus war vor über 30 Jahren ein Grüne-CSU Umfeld. Damals zu Wackersdorf-Zeiten allerdings noch mit größeren Widersprüchen. Söder ist doch klar, dass er auf Landesebene mit den Grünen mehr Schnittmenge hat als mit anderen. Die FDP mit ihrem Negativimage scheiden hoffentlich aus (falls sie überhaupt 5% erhält).
kuac 27.09.2018
2.
"Das tägliche Sich-Zerfleischen, das möchte ich in Bayern nicht.", sagt Södee. Aber, die CSU macht doch genau das in Berlin. Wieso pfeift Söder den Seehofer nicht zurück? Seehofer hat der CDUCSU großen Schaden hinzugefügt und trägt die volle Verantwortung für die Politikerverdrossenheit. Söder hatte nichts dagegen unternommen und mit seinen Sprüchen auch Öl ins Feuer gegossen.
taste-of-ink 27.09.2018
3.
Die beiden könnten ja am Riedberger Horn wandern gehen. Dann sieht Herr Söder auch mal aus nächster Nähe, was die bayrische (CSU-)Staatsregierung mit der Entscheidung für eine Skischaukel in einer Alpenplanschutzzone und der damit verbundenen faktischen Abkehr von den Festlegungen des Alpenplans anrichtet.
abudhabicfo 27.09.2018
4. Ciao, ciao Amigos
Auch in Bayern stehen die Zeichen auf Wechsel. Die Geschichte zeigt, dass keine Partei ewig an der Macht sein kann. Die Bürger haben irgendwann auch genug vom Filz der Amigos. "Sich-Zerfleischen" ist in der CSU ja nichts Neues. Es gab ja einige Beispiele von CSU-Ministerpräsidenten, welche von den eigenen "Parteifreunden" gemeuchelt wurden. Und wäre FJS nicht so früh gestorben, er wäre wahrscheinlich immer noch im Amt. Die Bayern-Grünen sind Realisten, die schaffen das!
mwroer 27.09.2018
5.
Zitat von kuac"Das tägliche Sich-Zerfleischen, das möchte ich in Bayern nicht.", sagt Södee. Aber, die CSU macht doch genau das in Berlin. Wieso pfeift Söder den Seehofer nicht zurück? Seehofer hat der CDUCSU großen Schaden hinzugefügt und trägt die volle Verantwortung für die Politikerverdrossenheit. Söder hatte nichts dagegen unternommen und mit seinen Sprüchen auch Öl ins Feuer gegossen.
Mal ganz doof gefragt: Wie kommen Sie auf die Idee dass Herr Söder in irgendeiner Weise weisungsbefugt gegenüber Herrn Seehofer ist? Herr Söder ist bayerischer Ministerpräsident. Herr Seehofer ist Parteivorsitzender der CSU und Minister im Bund. Dem hat Herr Söder schlicht nichts vorzuschreiben. Warum sollte er auch? Die CSU bleibt in jedem Fall in der Regierung. Nach dem Wahldesaster ist Seehofer als Parteivorsitzender nicht mehr tragbar und geht. Dann kann die CSU mit Söder neu aufbauen. Passt Herrn Söder sowieso in den Kram und wie gesagt - der kann niemanden zurückpfeifen.
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