Merkel und Söder im Allgäu Waffenstillstand im Kaisersaal

Wahlkampf in einem Allgäu-Dorf: Draußen demonstriert die AfD gegen Angela Merkel, drinnen trifft die Kanzlerin auf Ministerpräsident Markus Söder. Beide bemühen sich um einen harmonischen Eindruck.

LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Aus Ottobeuren berichtet


Nun also doch. Lange hieß es, Markus Söder sei nicht erpicht darauf, Wahlkampfhilfe durch Angela Merkel zu erhalten. "Zu meiner Abschlusskundgebung", soll er zu einem Bekannten auf dem Höhepunkt des Flüchtlingsstreits gesagt haben, "kommt keine Bundeskanzlerin, sondern ein Bundeskanzler" - und meinte den Österreichischen Regierungschef Sebastian Kurz.

Jetzt traten die beiden doch gemeinsam auf. Der CSU-Ehrenvorsitzende Theo Waigel hatte nach Ottobeuren ins bayerische Unterallgäu geladen, ein 8000-Einwohner-Dorf, in dem eigentlich nichts besonders groß ist außer der barocken Basilika in seiner Mitte.

Offiziell trägt die Veranstaltung den Titel "Europapolitisches Symposium". Auch Manfred Weber (CSU) ist da, der als Kandidat der EVP den EU-Kommissionspräsidenten beerben möchte. Aber zwei Wochen vor der Landtagswahl in Bayern ist es vor allem: eine Wahlkampfveranstaltung.

Für den kleinen Ort ist der Besuch von Merkel eine Belastungsprobe. Mehr als 2000 Gäste reisen an, um ein klassisches Konzert zu hören, an dem auch die Kanzlerin teilnehmen wird. Und dann ist da noch die Kundgebung der AfD. Die Partei hat zu einer "Merkel muss weg"-Demo am Marktplatz angemeldet, der Rechtsaußen Björn Höcke hatte Anhänger bundesweit aufgerufen, in den Ort zu reisen. Zwei Gegendemos haben sich angekündigt. "Wir sind alle extrem angespannt", sagte der Leiter des Touristikamts, Peter Kraus im Vorfeld. Im ganzen Ort erhöhtes Polizeiaufgebot, am Himmel kreist alle paar Minuten ein Helikopter.

Söder gibt sich pro-europäisch

Gleich in seiner Begrüßung sagt Waigel, der gerade an einem Buch über die schwerste Krise der Schwesterparteien CDU und CSU schreibt, den Trennungsbeschluss von Wildbad Kreuth 1976: Im Gegensatz zu damals sei der Umgang zwischen CDU und CSU "geradezu liebevoll".

Wie gehen also Merkel und Söder an diesem Nachmittag miteinander um? "Ausdrücklich herzlich willkommen in Bayern", sagt der Ministerpräsident und nickt der Kanzlerin zu.

Es folgt - nach einem Werbeblock für den Freistaat, dem es immer noch mal ein bisschen besser gehe als dem Rest von Deutschland - eine staatstragende Rede für Europa. In Zeiten, in denen das Land so gespalten sei, sei vor allem die Stabilität durch den europäischen Gedanken wichtig. An einem grundsätzlichen Ja zu Europa könne es keinen Zweifel geben, sagt Söder, "wie soll man das denn alleine schaffen?" Das klingt anders als noch im Sommer. Da sprach Söder davon, die "Zeiten des geordneten Multilateralismus" seien vorbei, in denen es um nationale Alleingänge und Abgrenzung ging.

Angela Merkel sitzt in der ersten Reihe nickt und klatscht auch mal. Sie geht dann aber in ihrer Rede genau auf jenen Multilateralismus ein, was man durchaus als Seitenhieb auf Söders Anti-Europa-Kurs im Sommer werten kann: Sie kritisiert den US-Präsidenten Donald Trump und dessen "America First"-Haltung, seine Ablehnung von Bündnissen wie etwa in den Vereinten Nationen.

Auch sie betont, wie wichtig der Zusammenhalt innerhalb Europas sei. Verwurzelung in der Region und gleichzeitige Weltoffenheit seien keine Gegensätze. "Ich mache mir viele Gedanken, dass das so viel in Frage gestellt wird", sagt sie.

Der Saal, in dem Merkel und Söder sprechen, trägt den Namen "Kaisersaal", es ist ein barocker Raum des Ottobeurer Klosters, flankiert von überlebensgroßen Statuen Habsburger Kaiser. Einst Menschen der Macht, heute nicht mehr als eine Wandverzierung.

Auch Merkel und Söder müssen um ihre Macht kämpfen. Die vergangenen Wochen haben dem Image der Kanzlerin massiv geschadet, das zeigt eine repräsentative Umfrage für den SPIEGEL: Zuerst das Gezerre um den geschassten Verfassungsschutzchef Maaßen, dann die Abwahl ihres treuen Fraktionsvorsitzenden Kauder. Geht die Ära Merkel ihrem Ende zu?

Unsichere Zeiten auch für Söder: Die CSU kommt kurz vor der Landtagswahl nicht raus aus dem Umfragetief, steuert auf ein historisch schlechtes Ergebnis zu. Und dann ist da der Unruhestifter in Berlin, Parteichef Horst Seehofer. Der wird an diesem Tag mit keinem Wort erwähnt. Ihm gilt lediglich ein Seitenhieb Söders: Er sei jetzt sechs Monate Ministerpräsident, "wegen mir hätte es auch schon ein bisschen eher starten können."

Auf dem Marktplatz bleibt die befürchtete Eskalation aus: Ein paar Dutzend AfD-Demonstranten stehen einigen hundert Protestierenden der Initiativen "Ottobeuren ist und bleibt bunt" und dem "Bündnis gegen Rassismus" gegenüber. Nach eineinhalb Stunden leert sich der Platz. Die Menschen mit den bunten Fahnen und Plakaten in der Hand stehen jetzt in der Schlange vor der Eisdiele.

Wie ruhig oder unruhig werden die nächsten Wochen zwischen CSU und CDU? Vieles hängt ab vom Ergebnis der Bayern-Wahl. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Worte Stabilität, Ordnung, Sicherheit oft fallen an diesem Nachmittag - bei Söder und bei Merkel. Sie wünschen es sich selbst wohl am allermeisten.

insgesamt 10 Beiträge
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PeterCollignon 30.09.2018
1. Bin gespannt wie die Wahlen in Bayern und Hessen ausgehen
und wie weit die Demoskopen diesmal daneben liegen. Söder ist nicht der oberste Sympathieträger in Bayern. Merkel auch nicht. Ob Pronold mehr Chancen gehabt hätte als Kohnen kann ich nicht sagen. Während des Singspiels am Nockherberg werden Beide regelmäßig bleich. Die Freien und die FDP könnten die Wahl entscheiden. Bei einer Koalition mit den Grünen kann sich die CSU gleich beerdigen lassen.
haarer.15 30.09.2018
2. Historische Niederlage wahrscheinlich
Tja Herr Söder ..., dass Frau Merkel ist kein Zugpferd mehr ist, sollte dem Letzten dämmern. Denkt man an die unsäglichen Querschüsse der CSU, so ist es gleich noch verwunderlicher, dass Mutti nach Bayern zum Wahlkampf gekommen ist. Da stimmen die Koordinaten einfach nicht mehr - und glaubwürdiger ist es noch weniger. Söder hat nichts Zündendes im Programm, keine Agenda, aber umso mehr Eigenlob, was einen Wähler eher abstößt. Arroganz der Macht. Das hat auch das Duell mit dem Grünen Hartmann gezeigt, der sehr offen- zugewandt und angriffslustig die Schwächen der Staatspartei aufzeigte. Das stach ins Auge. Die Quittung für die CSU, die wird bitter sein.
abudhabicfo 30.09.2018
3. Wenn die CSU abstürzt, wieso soll dann Weber EU Kommissionspräsident..
werden? Die CSU ist dann überproportional vertreten! Merkel ist angezählt und Söder wird bald ein Problem lösen müssen. Mit wem soll er regieren? Wie lange wird Merkel noch regieren können? Die CSU hatte wenigstens das Nachfolgeproblem gelöst. Wieso muss Merkel weiter CDU Vorsitzende bleiben. So wird die Nachfolge nie sauber über die Bühne gehen. Merkel wird mit allen Mitteln versuchen, ihre(n) Nachfolger durchzusetzen.
neanderspezi 30.09.2018
4.
Wahlkampfauftrieb der Unionsgrößen Merkel und Söder im Benediktinerkloster zu Ottobeuren im Allgäu, da kommt das Hohe "C" mal wieder richtig zur Geltung. Fromme Leute unter sich, das wird den Bayern sehr gut gefallen. Ein Katholik, eine Protestantin und ein Protestant, wie werden sich die Mönche freuen einen so hohen Besuch über Konfessionen hinweg in ihrem prunkvollen Kloster empfangen zu dürfen. Hier fehlt eigentlich nur der Heimatminister Seehofer, der aus unerfindlichem Grund zu diesem Unionstreffen nicht erschienen ist. Vielleicht hat er ja in Berlin Wichtiges zu erledigen, was es ihm zum Leidwesen Merkels und Söders und auch der Landeskinder nicht erlaubt zu diesem bedeutsamen Termin ebenfalls im Kloster anwesend zu sein.
dersprecher 30.09.2018
5. Nach der Bayernwahl ist Seehofer weg
Und so ist dieses Auftreten zu verstehen. Söder und Merkel stehen jetzt zusammen, das nicht mehr abzuwendende Debakel der CSU bei der Landtagswahlen in Bayern wird berechtigt höchstverantwortlich Seehofer zugeschrieben. Dieser wird als Parteivorsitzender abtreten müssen, Söder kann als neuer, unantastbarer bayrischer Ministerpräsident den Posten übernehmen und er gestattet Merkel, Seehofer zu entlassen, vorausgesetzt, ein neuer CSU-Politiker, also Hermann wird neuer Innenminister. Und so ist Merkels Macht für die nächsten Jahre gesichert, der Streit mit der CSU ist beigelegt und sie ist Seehofer endlich los!
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