Flüchtlinge in Bayern Was Sie über Ankerzentren wissen sollten

In Bayern haben die ersten Ankerzentren ihren Betrieb aufgenommen. Flüchtlinge sollen dort bis zum Abschluss ihres Asylverfahrens bleiben. Aber wie läuft das genau?

Künftige "Anker"-Einrichtung
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Künftige "Anker"-Einrichtung


Politiker in Deutschland und ganz Europa diskutieren diesen Sommer über eine Frage: Wohin sollen die Flüchtlinge, die in Europa ankommen? Immer wieder wurden in diesem Zusammenhang Konzepte von "Zentren" ausgearbeitet. Über die Zeit gab es einige, hier ein Überblick über die wichtigsten Schlagworte der vergangenen Wochen:

  • Kontrollierte Zentren: Sie wurden auf dem EU-Gipfel zur Flüchtlingspolitik beschlossen und sollen als Ankunftszentren fungieren. Über den Ort und die genaue Ausgestaltung der Zentren ist noch nichts bekannt.
  • Transitzentren: Die CSU wollte sie unbedingt errichten, um dort Flüchtlinge quasi direkt an der Grenze abzufangen. Im Laufe des Streits mit CDU und SPD wurden aus den Transitzentren sogenannte Transitverfahren.
  • Ankerzentren: Diese waren schon länger geplant und Teil des Koalitionsvertrags sowie des "Masterplans Migration" von Innenminister Horst Seehofer (CSU). Nun gibt es sie tatsächlich.

Seehofer glaubt, dass durch die Ankerzentren schnelle und sichere Asylverfahren ermöglicht werden. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder erklärte, dies sei auch aus Gründen der Humanität der beste Weg: Es sei für Betroffene besser, wenn sie schneller wüssten, ob sie eine Bleibeperspektive hätten oder nicht.


  • Was bedeutet Anker?

Das Wort Anker steht nicht etwa für den rettenden Hafen in stürmischer See, sondern für:

  • An(kunft),
  • k(ommunale Verteilung),
  • E(ntscheidung)
  • R(ückführung)

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), die Bundesagentur für Arbeit, Jugendämter, Justiz- und Ausländerbehörden sollen dort vertreten sein. Kurze Wege sollen die Verfahren beschleunigen. Die Menschen sollen dort bleiben, bis ihre Asylverfahren abgeschlossen sind.

So sollen Ankerzentren funktionieren
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So sollen Ankerzentren funktionieren


Wo in Bayern wird es Ankerzentren geben?

Die Einrichtungen - in jedem der sieben bayerischen Regierungsbezirke eine - sind nicht komplett neu. Vielmehr wurden bestehende Transitzentren oder Erstaufnahmeeinrichtungen entsprechend umgewidmet und umgewandelt. Die Standorte sind Donauwörth, Zirndorf, Regensburg, Deggendorf, Schweinfurt, Bamberg und Manching. Etwa 1000 bis 1500 Flüchtlinge sollen dort jeweils untergebracht sein - wobei einige der Standorte Unterkunfts-Dependancen in anderen Städten haben.


Sind deutschlandweit Ankerzentren geplant?

Nachdem die Große Koalition die Ankerzentren beschlossen hatte, stellte sich heraus, dass die meisten Bundesländer die Einrichtungen zumindest nicht bei sich haben wollten. Nur Bayern erklärte sich bereit, Ankerzentren aufzubauen.

In vielen Ländern sehen Politiker keinen Bedarf an weiteren Einrichtungen. Winfried Kretschmann (Grüne), Ministerpräsident in Baden-Württemberg, sagte in einem Interview mit der "FAZ" auf die Frage, ob er Transitzentren einrichten würde: "Die Bundespolizei hat bei uns die Situation im Griff. Außerdem haben wir ein gut funktionierendes Ankunftszentrum für Flüchtlinge in Heidelberg." Tobias Hans, Ministerpräsident im Saarland, sagte dem "Focus", sein Land habe bereits die zentrale Landesaufnahmestelle Lebach, die so ähnlich funktioniere wie ein Ankerzentrum.

Nur Sachsen hat angekündigt, sich mit dem Modellstandort Dresden an den Ankerzentren zu beteiligen. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärte der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, in Sachsen würden Flüchtlinge ohnehin erst auf die Kommunen verteilt, wenn klar sei, dass sie eine Bleibeperspektive hätten. Er habe nur zugesagt, auch Ankerzentren zu errichten, weil er hoffe, dann mehr Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge vor Ort beschäftigen zu können.


Wer kritisiert was an den Ankerzentren?

Flüchtlingshelfer und die Opposition warnen vor einer Gettoisierung und kritisieren die Zentren als "Abschiebelager". "Es ist eine Schande, dass die CSU-geführte Staatsregierung in dieser menschenfeindlichen Weise Wahlkampf auf dem Rücken von Flüchtlingen macht", sagte etwa Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat.

Der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, mahnte: "Kinder gehören nicht in Ankerzentren." 45 Prozent der Geflüchteten seien 2017 Kinder und Jugendliche gewesen, und diese hätten wie alle Kinder ein Recht auf Schutz vor Gewalt, auf gesundheitliche Versorgung und Teilhabe sowie Zugang zur Bildung.

dop/höh/dpa



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