Freie-Wähler-Chef Aiwanger Er nervt Söder - und kann ihn retten

Gegner verhöhnen sie als "Freibier-Partei" - und müssen sie doch sehr ernst nehmen: Die Freien Wähler liegen in Umfragen in Bayern im zweistelligen Bereich und könnten Söder im Amt halten. Und dann?

Hubert Aiwanger
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Hubert Aiwanger

Aus München berichten und


"Wir wünschen uns, dass die Freien Wähler ab Herbst dabei sind in dieser neuen Landesregierung" ruft Hubert Aiwanger. Er steht auf einer kleinen Bühne auf dem Marienplatz in München, um ihn herum hat sich eine Menschentraube gebildet, viele ältere Leute sind gekommen. Mehr Männer als Frauen.

Aiwanger ist der Chef der Freien Wähler. Er hat die Partei bereits zwei Mal in den Landtag geführt, 2008 und 2013. Nach der Bayernwahl am kommenden Sonntag will er mitregieren, endlich. Am liebsten als Juniorpartner der CSU. Heißt: Der 47-jährige Niederbayer könnte Markus Söder die Mehrheit beschaffen und ihm das Amt des Ministerpräsidenten retten.

Doch wer sind die Freien Wähler?

Außerhalb von Süddeutschland kennt sie kaum jemand. In Bayern und Baden-Württemberg regieren sie auf kommunaler Ebene mit, auch in Sachsen stellen sie Bürgermeister. Die Freien Wähler (FW) gelten als konservativ und pragmatisch und weil sie vor allem auf kommunaler Ebene aktiv sind, hatten sie lange kein einheitliches Programm.

Aiwanger ist das Gesicht der Partei. Wenn er spricht, zieht er die Worte lang wie Kaugummi, im niederbayerischen wird das "a" zum "o", das "ei" zum "ai". Von sich selbst sagt er, er sei sozial, ökologisch und konservativ. Da ist dann eigentlich auch fast alles drin, was der politische Markt im Angebot hat.

Das spiegelt auch das Programm der Freien Wähler wider:

  • sie fordern kostenlose Kitas und weniger befristete Arbeitsverträge - wie die SPD;
  • sie wollen mehr Tierschutz und eine dritte Startbahn am Flughafen München verhindern - wie die Grünen;
  • sie wollen den Familiennachzug für Flüchtlinge begrenzen und Rückkehrhilfen schaffen - wie die CSU;
  • sie wollen mehr Heimatkunde in den Schulen, sie wollen Dialekte fördern und Brauchtum erhalten.

Stimmenfang #69 - Bayern-Wahl: Wie Markus Söder um die absolute Mehrheit zittert

Ohne Aiwanger wäre der Erfolg der Freien Wähler in Bayern kaum denkbar. In keinem anderen Land sitzen sie im Parlament. Umfragen sehen sie derzeit bei zehn bis elf Prozent, im fränkischen Forchheim machen sie sich sogar Hoffnungen auf ein Direktmandat.

Aiwanger dominiert die Partei. Er ist ihr Chef im Bund und in Bayern, er ist der Fraktionsvorsitzende im Landtag, sitzt im Kreistag von Landshut und im Stadtrat von Rottenburg an der Laaber. Er besitzt einen Bauernhof in Niederbayern, jagt gern und mag den Wald. 2001 schloss er sich den Freien Wählern an. Mit der CSU hadert er schon lang, sie betrachte Bayern als ihren Privatbesitz, findet er.

Der Höhenflug der Partei basiert auf einer einfachen Strategie. Die Botschaft lautet: Wir sind eigentlich wie die CSU - nur vernünftiger. Man kann sie auch als Provinzversteher bezeichnen, etwa wenn es in Randregionen um die Ängste von Tierbesitzern vor Wölfen geht.

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In den Zeiten ohne die AfD im Landtag, die am kommenden Sonntag in Bayern aller Voraussicht nach zu Ende gehen, war es Aiwanger, über den sich die CSU am meisten ärgerte. Um eine Spitze gegen die Staatspartei muss man ihn nicht lange bitten.

"Sie müssen die absolute Mehrheit verlieren, damit Bayern vernünftig regiert wird", rief er etwa den Christsozialen in der letzten Parlamentssitzung vor der Wahl zu. Er gehe davon aus, dass die eigene Partei ab Herbst mitregieren werde: "Um die Dinge zu stabilisieren."

Politisch wäre es für die CSU zwar am verträglichsten, mit den Freien Wählern zu koalieren - wenn es die Ergebnisse denn zulassen. Doch viele Christsoziale würden eine Regierung zusammen mit den Freien Wählern als Demütigung empfinden. Sie sehen die Partei als Fleisch vom eigenen Fleische.

Aiwanger hat bereits Bedingungen aufgestellt, ohne die seine Partei keine Koalition eingehen würde: Unbedingt müsse die dritte Startbahn verhindert werden. Aiwanger warnt "vor einer weiteren Mietpreisexplosion und Verkehrsstress".

Der CSU gelten die Freien Wähler als "Freibier-Partei", die dem Wähler gern viel verspricht, ohne sich um die Finanzierbarkeit zu kümmern. Das hinderte freilich die CSU in der Vergangenheit nicht daran, lästige Themen abzuräumen, indem sie sich die FW-Forderung zu eigen machte: So führte die Landesregierung beispielsweise das neunjährige Gymnasium wieder ein, schaffte die allgemeinen Studiengebühren und erst unlängst die Straßenausbaugebühren für Anrainer ab. Allesamt Themenschlager der Freien Wähler.

An den Forderungen von Aiwangers Partei würde eine Koalition zwischen CSU und FW wohl nicht scheitern. Wehtun dürften der CSU aber die zu erwartenden Ansprüche: So könnten die Freien Wähler etwa die Ministerien für Landwirtschaft und Wissenschaft fordern, zwei Ressorts, die Ministerpräsident Markus Söder wichtig sind und in die er gerade neue Ministerinnen berufen hat.

Es liegt auch an den Freien Wählern, wenn die AfD in Bayern zumindest in Umfragen noch nicht die Stärke erreicht wie in anderen Bundesländern. Schließlich bedienen auch sie sich zum Teil einer scharfen Rhetorik . So mancher potenzielle AfD-Wähler bleibt möglicherweise doch lieber bei ihnen. Gleichzeitig ist der Aufstieg der Rechtspopulisten auch die stärkste Bedrohung für die Freien Wähler. Niederbayern zum Beispiel ist eine Hochburg beider Parteien.

Zurück auf dem Marienplatz in München: Aiwangers Rede ist zu Ende, er geht von der Bühne, schüttelt Hände, grüßt links und rechts. Ein Wähler kommt auf ihn zu, drückt dem Spitzenkandidaten eine CD in die Hand.

Eine tolle Politik mache Aiwanger, er wolle sich bedanken. "Sie sind der zukünftige Ministerpräsident", sagt er. Aiwanger blickt den Mann an, klopft ihm auf die Schulter: "Sie machen mich ja schwindlig", sagt er.

Vizeministerpräsident reicht ihm schon.



insgesamt 31 Beiträge
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a.wirth 12.10.2018
1. Wahlen
Hallo liebe Bayern, mit der Politik ist es wie mit dem Einkaufen. Wer etwas billig haben möchte holt sich ein "GUTES ANGEBOT" bei den Marktschreiern und schmeißt hinterher die Hälfte weg. Oder will danach beim Fachhandel reklamieren. Es war schon immer so, wer billig kauft, kauft 2mal. Nur haben Sie diese Chance erst in ein paar Jahren wieder, was wird in der Zwischenzeit? Die GRÜNE DAME kommt mir vor, wie Chefin der Marktschreiergilde, nur bei ihr ist alles besser und wird alles neu. So hätte sie auch auf dem Oktoberfest auftreten können und vor dem Gruselkabinet ihre Ware anzubieten, nur bei uns das" Genie ohne Kopf", nur hier die " Lügen mit den längsten Beinen, nur mit uns wird die" Wüste grün". Es liese sich beliebieg fortsetzen aber die Wahlen sind schon, es ist höchste Zeit Realist zu werden. Windkraft ohne Windräder Stromtrassen ohne Leitungen, Wasserkraft ohne Speicher das geht nun mal nicht, also brauche ich es auch niemand versprechen. Aber der Unterschied zwischen versprechen, verordnen und verbieten liegt bei den GRÜNEN eh nur in ein paar Buchstaben und einem arroganden Grinsen.
Pfaffenwinkel 12.10.2018
2. Die Freien Wähler
sind zumindest in Oberbayern beliebt. Sie gilt als bodenständig und könnte tatsächlich demnächst in der Regierung in Bayern eine Rolle spielen.
laermgegner 12.10.2018
3. Ach ja, wieder eine Pöstchengruppe
Der Beitrag stimmt nicht ganz, in Brandenburg sitzen im Landtag auch Freie Wähler , die mit den Bayern bzw. den Bürgerbewegung verbandelt sind. Diese Gruppe hat die richtige Gruppe der Freien Wähler Brandenburg mit Hilfe der Bayern an die Wand gefahren, so dass die Erkennis nur bleibt : Wer nichts wird, geht zu diesen, dann bekommt man da ein Pöstchen. Ziele hat diese Gruppe nicht, da gibt es wie bei allen anderen nur ein von Oben nach Unten - und oh Gott, eine eigene Meinung haben - geht nicht. Frau Pauli ist da das beste Beispiel ...
norgejenta 12.10.2018
4. Das ist alles eine Farce
Das kommt einem alles surreal vor. CDU oder CSU dümpeln bei 30 % rum. Die SPD bei 15% mit Tendenz nach unten. Die Grünen zwischen 15 und 20 und die Afd so ähnlich. Realität in Deutschland 2018. Wenn die CDU oder CSU wieder mal konservative Politik machen würde gäb es auch wieder andere Zahlen. Wenn die SPD wieder sozialdemokratische Politik machen würde für Arbeiter und Angestellte, (solange es diese noch gibt) und sich nicht auf Nebenkriegsschauplätzen aufarbeiten würde, auch da gäbe es wieder Zug nach oben. In meinem Bekanntenkreis gibt es viel Grünenwähler und keiner von ihnen verzichtet auf seine geliebten Fernreisen. Teils mehrfach im Jahr.. wie passt das zusammen? Ich selber wähle eher konservativ und saß dass letzte mal vor vier Jahren in einem Flugzeug, benutze kaum das Auto und fahre fast nur Rad, betrachte mich aber eher weniger als "grün". Was soll man wählen?
schorri 12.10.2018
5. CSU-Orgsnisation
Die sog. "Freien Wähler" sind doch nur eine Unterorganisation der CSU. Und dagegen spricht keineswegs, dass Aiwanger den Söder "nervt". Der Seehofer nervt den Söder auch - und vice versa. Inhaltlich haben die sog. Freien Wähler nichts zu bieten. Sie sind lediglich der Nebenspielplatz für enttäuschte CSU-Anhänger.
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