Bayerns JU-Vizin CSU-Granden staunen über neuen Jungstar

Karl-Theodor zu Guttenberg steht für die neue CSU - aber nicht nur er. Die Klartext-Rede von Katrin Poleschner, der 26-jährigen JU-Vize-Chefin in Bayern, verschlug den Delegierten beim Parteitag die Sprache. Das hat es bei den Christsozialen lange nicht gegeben.

Von , München

dapd

Es gab auch die, die ihr nachher zuraunten: "Du hast doch nicht alle Tassen im Schrank." Und natürlich viele, die applaudierten: "Toll, toll, toll." Es gab den Vorsitzenden Horst Seehofer, der sich ihr in den Weg stellte am Fuß des Podiums, zwei Meter groß und breitschultrig. "Sie waren gut", sagte der Chef. "Ich glaub', dass das, was wir heute erlebt haben, die neue CSU ist."

Dabei war sie ja gegen ihn.

Katrin Poleschner, 26, bayerische JU-Vizevorsitzende aus dem Kreis Neu-Ulm, war gegen Seehofer angetreten. Und gegen Hunderte seiner Anhänger in der Münchner Messehalle, wo die CSU auf ihrem Parteitag stundenlang mit der Frauenquote rang.

Gegen Staatsministerinnen und gegen die Landtagspräsidentin, gegen Karl-Theodor zu Guttenberg und am Ende fast gegen das gesamte Kabinett. Kaum jemand unter den rund tausend Delegierten hätte sich diese Rede zugetraut.

Eine Idee der "christlichen Nattern"

Es war 16.40 Uhr am vorvergangenen Freitag, 33 Wortmeldungen waren aufgelistet; man stritt, ob in der Männer-Partei CSU 40 Prozent der Vorstandsposten auf Landes- und Bezirksebene verbindlich mit Frauen besetzt werden müssen. So wollte es die Frauenunion (FU), so wollte es Seehofer. Die Delegierten vertraten sich die Beine, tranken Kaffee, lasen Zeitung. Man plauderte, wartete auf die Kanzlerin, man wartete auf den Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg und sein Werben für die Bundeswehrreform. Frauenquote war langweilig, eine Idee der FU, der "christlichen Nattern." Dann wurde es still im Plenum.

Draußen vor den Bildschirmen bildeten sich Gruppen, und drinnen sprach Katrin Poleschner gegen die Quote an, weil sie gute, engagierte Frauen degradiert. Blonder Schopf, dunkle Brille, weiße Bluse, laute Stimme. "Eine Partei, die sich draußen demokratischen Wahlen stellt, muss das auch in der Partei tun", rief sie in den Saal. Die Quote sei falsch und sie sei Unrecht. "Ich habe die Nase voll davon, dass wir dauernd faule Kompromisse machen."

Die ersten johlten, der Beifall wurde lauter.

Die JU-Frau auf dem Podium ließ sich anfeuern, manchmal drohte sich ihre Stimme zu überschlagen. "Sie müssen sich schon hinstellen und kandidieren - und dann haben sie die Chance in unserer Partei auch gewählt zu werden", forderte sie von der FU. Auch wer sie daraufhin ausbuhte, war beeindruckt. Poleschner war ohne Phrasen und Floskeln ausgekommen, ohne Schnörkel. Eine 26-Jährige, die sagt, was zu sagen ist. So etwas kannte man lange nicht in der CSU.

Seehofer musste die gesamte Parteiprominenz ans Mikrofon holen, um die Quote nach dieser Rede mit knapper Mehrheit durchzudrücken. Er hätte es ahnen können. Denn Katrin Poleschner hatte dem Parteichef schon Monate vor dem Delegiertentreffen gedroht, auf dem Parteitag eine Kampagne gegen die Quote zu fahren. Deswegen hatte Seehofer sie im September zum Parteivorstand eingeladen, und wollte ihre eine aufgeweichte Frauenquote anbieten. Sie war in der Vorstandsrunde Nummer 27 auf der Rednerliste.

"Im Grunde konservativ"

"Ich dachte mir, na gut, da musst du durch. Dann hab ich mir das angehört und meine Meinung gesagt." Den Kompromiss ging sie nicht ein. "Eine Alibi-Quote, da versteh ich keinen Spaß!", sagt Poleschner. Sie ist es gewohnt, sich ganz vorn hinzustellen, wenn Einsatz gefragt ist. "Ich hab mich immer engagiert, das zieht sich so durch mein Leben". Mit 15 wurde sie Schülersprecherin am Gymnasium, dann Tutorin. Mit 19 trat sie in Junge Union ein, zwei Jahre später in die CSU. Die Partei, an der es einiges zu verbessern gebe, die aber zu ihr passt. "Ich bin ja im Grunde konservativ." Irgendwie lief die Verantwortung immer auf sie zu, "das kam halt so, und ich hab auch nie nein gesagt".

Poleschner ist ein Heimat- und Familienmensch. Sie liebt das Land rund um ihre kleine Gemeinde Oberelchingen und will von dort nicht weg, bestimmt nicht für immer. Sie wuchs mit Eltern auf, für die Rollenteilung zwischen Mann und Frau kein Thema war. Die Mutter arbeitete immer und war ein paar Jahre Hauptverdienerin der Familie. Katrin bestritt Wettkämpfe im Kunstturnen, bis sie mit 1,80 Meter einfach zu groß war für den Sport. Danach bildete sie junge Turner und Tänzer aus und die Minigarde für den Karneval.

Sie studierte Politik und Volkswirtschaft, lebte ein Jahr in Australien, doch die JU Neu-Ulm wählte sie zur Kreisvorsitzenden, obwohl sie in Downunder war. Sie kam zurück, wurde Gemeinderätin und Kreisrätin und in den Vorstand der JU Bayern gewählt. Poleschner wollte Rundfunkjournalistin werden, Reden und Politik, das war genau ihre Sache. Doch dann gab es ein Jobangebot aus der Parteizentrale.

Poleschner wurde CSU-Referentin für Bildung, Kultur, Sport und Senioren. Das eine, sagt sie, sei der Job. Das andere ihre politische Überzeugung. Man wird also bald mehr von ihr hören. "Es gibt Themen, die muss die Partei jetzt bald anpacken." Organspende etwa, die Gentechnik und die Präimplantations-Diagnostik. "Man darf nicht immer warten, bis es irgendwo knallt und dann fragen: Wie reagieren wir jetzt?"

Horst Seehofer hat ihr nach der Quoten-Abstimmung gesagt, in der Politik "ist man mal oben dabei und mal bei den Verlierern". Poleschner weiß das längst. Auch, dass die alten Granden den Parteinachwuchs unterschätzen. "Der bayerische JUler", sagt sie, "lässt sich nicht viel gefallen. Aber er kann Mehrheiten akzeptieren."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde Poleschner als JU-Chefin betitelt - tatsächlich ist sie Stellvertreterin. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



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insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
MarkH, 10.11.2010
1. ooo
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg steht für die neue CSU - aber nicht nur er. Die Klartext-Rede von Katrin Poleschner, der 26-jährigen JU-Chefin in Bayern, verschlug den Delegierten beim Parteitag die Sprache. Das hat es bei den Christsozialen lange nicht gegeben.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,728081,00.html
war doch zu erwarten, dass Jemand erkennt, wo da eine Marktlücke bei der CSU ist. Als Frau gegen eine Frauenquote argumentieren - da ist man ganz schnell oben als Frau
Erz_Atheist 10.11.2010
2. Warum...
habe ich das Gefühl, dass sich der Kader von CDU/CSU mit gutaussehenden Menschen füllt? Anwendung psychologischer Erkenntnisse? Fehlender politischer Inhalt? Oder das beharrliche Klischee: Hübsch==Dumm?
franzdenker 10.11.2010
3. Hallo?!
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg steht für die neue CSU - aber nicht nur er. Die Klartext-Rede von Katrin Poleschner, der 26-jährigen JU-Chefin in Bayern, verschlug den Delegierten beim Parteitag die Sprache. Das hat es bei den Christsozialen lange nicht gegeben.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,728081,00.html
Ich habe mir die Videos angesehen und kann nur sagen, wenn diese Rede als "stauen über den Jungstar" gefeiert wird, dann wundere ich mich nicht mehr warum die CSU so sehr in der Krise steckt.
Currie Wurst 10.11.2010
4. Jungstar...?
Hallo ? Kann man vielleicht mal auf dem Teppich bleiben. Fällt denn den Medien nichts Besseres ein, als eine Mittzwanzigerin wegen ihres politischen Engagements in Bayern zum Jungstar hochzujubeln ? Finde ich ja gut und freue mich über guten Nachwuchs, aber bitte: so kürt man Sternchen, die schon kurze Zeit später am Himmel verglühen. Erinnert mich irgendwie an das Vorher-Fotomodell Detlef Kläglich (aus einem Reinhard-Mey-Lied): ...der stand neben ihm zufällig auf dem Bahnhofsklo, und er trällerte "Es fährt ein Zug nach Irgendwo". Da war er auch schon entdeckt, so ist das Leben. In diesem Job ist das alltäglich! Theres no business, like showbusiness....
der M 10.11.2010
5. Eingeschmiert
Das neue und junge Gesicht der CDU/CSU kann nicht darüber wegtäuschen, dass es immer noch ein Sumpf aus dicken alten Männern mit Profilneurose und Machtgeilheit handelt.
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