Zukunft nach der Wahlpleite "Seehofer wird nicht CSU-Chef bleiben"

Die Bayernwahl ist gelaufen, die Personaldebatte der CSU noch lange nicht. Hier erklärt Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld, warum die Partei harte Entscheidungen nicht zu lange aufschieben sollte.

CSU-Vorsitzender und Bundesinnenminister Horst Seehofer
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CSU-Vorsitzender und Bundesinnenminister Horst Seehofer

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Zur Person
  • Werner Weidenfeld, Jahrgang 1947, ist emeritierter Professor für Politische Wissenschaft. Weidenfeld ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München und Rektor der Alma Mater Europaea der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg). Von 1987 bis 1999 war er für die Bundesregierung als Koordinator die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit tätig.

SPIEGEL ONLINE: Die CSU hat in Bayern eine historische Pleite erlebt, noch heftiger hat es die SPD getroffen. Ist das Konzept der Volkspartei in Deutschland überholt?

Werner Weidenfeld: Wir erleben gerade eine Zeitenwende im Parteiensystem. Die Traditionsparteien haben in dramatischer Form ihre Bindewirkung verloren. Die CSU schien bisher immun gegen das, was zuvor schon CDU und SPD erlebt haben. Doch nun wird auch die CSU von dieser Welle erfasst.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Grünen auf dem Weg zur neuen Volkspartei?

Weidenfeld: Die Grünen sind zu einer bürgerlichen Partei geworden. Wir alle wollen doch die Natur schützen und das Klima retten und so. Und ansonsten sind wir freundlich und lächeln gern. Damit können sich viele identifizieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen nicht überzeugt …

Weidenfeld: Doch - denn er Erfolg vermittelt doch mehr als nur die Antwort auf die eine oder andere programmatische Detail-Position.

SPIEGEL ONLINE: Wird die CSU nach diesem Ergebnis umdenken, gar neue Wege gehen?

Weidenfeld: Davon hängt das Schicksal der CSU ab. Wenn die CSU nur sagt: Hach, das war traurig, aber eigentlich sind wir doch die wahre Bayernpartei, dann wird sie den Weg der letzten Jahre weitergehen. Nämlich nach unten. Das alte Bayern, auf das sich die Partei beruft, das gibt es so nicht mehr. In den vergangenen Jahren sind viele Menschen zugereist, übrigens auch aus Deutschland. Das ist also nicht mehr die alte bayerische Traditionsgesellschaft. Aber schon am gestrigen Abend konnte man erleben, wie gut die CSU darin ist, die Stimmung für sich umzudeuten. Und wie schwer es ihr fällt, Konsequenzen zu ziehen. Da hieß es dann plötzlich, dass man ja doch gar nicht so viel verloren habe. Nur zehn Prozent Verlust, so gut wie nichts. Wenn sich das weiter fortsetzt, wäre das fatal für die Partei.

Landtagswahl Bayern 2018

Vorläufiges Endergebnis

Gesamtstimmenergebnis
Anteile in Prozent
CSU
37,2
-10,5
SPD
9,7
-10,9
Freie Wähler
11,6
+2,6
Grüne
17,5
+8,9
FDP
5,1
+1,8
Die Linke
3,2
+1,1
AfD
10,2
+10,2
Sonstige
5,4
-3,3
Sitzverteilung
Insgesamt: 205
Mehrheit: 103 Sitze
22
38
27
11
85
22
Quelle: Landeswahlleiter

SPIEGEL ONLINE: Eine Koalition mit den Freien Wählern gilt als wahrscheinlich. Koaliert da in Wahrheit die CSU mit der CSU?

Weidenfeld: Ja. Die Freien Wähler sind Fleisch aus dem Fleisch der CSU. Programmatisch haben die beiden Parteien fast keine Differenzen. In den letzten Jahren hat die CSU immer wieder Initiativen der FW übernommen, sei es das zusätzliche Gymnasialjahr oder die Abschaffung der Studiengebühren.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben dann die Leute überhaupt FW statt CSU gewählt?

Weidenfeld: Weil die Freien Wähler in einem Punkt tatsächlich anders sind als die CSU - sie sind eine Kümmerer-Partei, immer vor Ort. Damit sind sie groß geworden. Die FW überzeugen ihre Wähler nicht durch ein großes, neues Konzept. Sondern weil sie da sind, wenn die Straßenlaternen im Dorf nicht funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Welche Veränderungen sind von einem solchen schwarz-orangen Bündnis zu erwarten?

Weidenfeld: Diese Koalition ist die einfachste und bequemste Lösung, das ist ganz klar. Große Veränderungen wird es nicht geben.

SPIEGEL ONLINE: Die Personaldebatte hat die CSU erst einmal vertagt. Ist Horst Seehofer noch haltbar?

Weidenfeld: Nein. Das, was wir momentan erleben, ist eine Inszenierung, die auf Tag und Stunde genau geplant ist. Am Wahlabend hat noch jeder eine Personaldebatte abgelehnt, um sich nicht selbst zum Buhmann zu machen, der sie losgetreten hat. Vor der Hessen-Wahl am 28. Oktober soll es sowieso nicht zu einem Eklat kommen. Danach wird es ernst. Mittelfristig ist doch klar: Seehofer wird nicht CSU-Chef bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Und Markus Söder?

Weidenfeld: Der wird es überstehen. Söder hat schon lange zur Erneuerung gedrängt. Genauso lange ist er davon abgehalten worden. Deshalb kann man ihn, der erst so kurz im Amt ist, nicht zum Hauptschuldigen machen.CSU



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