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Beck und die Nürburgring-Affäre: "Und das nette Mädchen schneidet die Haare"

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Bordellbesuche und andere erotische Abenteuer für Finanzvermittler: Kurt Beck wird das Nürburgring-Desaster nicht los. Die Millionenpleite seiner Landesgesellschaft verhagelt dem Mainzer Regierungschef den Sommer. Im Herbst beginnt vor dem Landgericht die juristische Aufarbeitung der Affäre.

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dapd

Kurt Beck: Die Nürburgring-Affäre als Endlosschleife

Ende vergangener Woche war Kurt Beck (SPD) mit einem Bus voller Journalisten auf Sommerreise in seinem Bundesland unterwegs. Er wollte ihnen die sanfte Hügellandschaft Rheinhessens zeigen, kulinarische Spezialitäten vorführen und die wirtschaftlichen Leistungen seines Landes präsentieren. Aber dann kamen immer wieder diese Fragen, die seine Stimmung merklich trübten. Mit wachsendem Missvergnügen musste Beck wieder einmal erklären, warum ständig alles schiefzugehen scheint am Nürburgring. Die zu 90 Prozent landeseigene Nürburgring GmbH war Ende Juli pleitegegangen, nachdem die Beck-Regierung mindestens 330 Millionen Euro in einen abschreibungsreifen Freizeit- und Vergnügungspark am Ring gepumpt und sich dabei heillos im Gestrüpp der europäischen Beihilfe-Vorschriften verheddert hatte.

Es dürfte Beck, 63, vorgekommen sein wie ein Déjà-vu: Vor drei Jahren, im Sommer 2009, hatte er schon einmal Journalisten aus der ganzen Republik durch das Land kutschieren lassen. Höhepunkt der Reise sollte die pompöse Eröffnung des neuen Freizeitparks am Nürburgring sein, ein damals schon hoch umstrittenes Großprojekt mit zwei Hotels, knapp hundert Ferienhäusern, Indoor-Vergnügungszentrum, Achterbahn, Spielbank, Veranstaltungshalle und anderem mehr.

Doch statt sich feiern zu lassen, musste Beck am Eröffnungstag vor allem erklären, wie er und seine Landesregierung so dämlich und naiv sein konnten, sich von windigen Geschäftemachern und vermeintlichen Kreditvermittlern plump ausnehmen und über den Tisch ziehen zu lassen.

Jahrelang hatte die Beck-Regierung der Bevölkerung vorgegaukelt, die monströsen Ring-Pläne seien so genial, dass man ganz problemlos auch private Kapitalgeber dafür finden könne. Vor allem Finanzminister Ingolf Deubel gefiel sich in der Rolle, immer neue, immer verworrener klingende Finanzierungsmodelle vorzustellen.

Doch die Pläne scheiterten regelmäßig, während in der kargen Eifellandschaft schon eifrig auf Kosten des Landes betoniert wurde: Mal verbreitete Deubel die Mär von Investoren, die angeblich ein Milliardenrad mit gebrauchten US-amerikanischen Lebensversicherungen drehen wollten und dafür, warum auch immer, einen Teil ihres Kapitals ausgerechnet in Nürburgring-Immobilien absichern wollten. Ein anders Mal sollte plötzlich ein Spross der Milliardärsdynastie Dupont aufgetaucht sein, der sein Herz für die Traditionsrennstrecke in der deutschen Provinz entdeckt habe.

Dumm nur, dass der Milliardär von seinem angeblichen Interesse gar nichts wusste, wie eine Nachfrage des SPIEGEL in den USA damals ergab. Kurz darauf kam heraus, dass die Millionen-Schecks, die laut Deubel von Pierre S. Dupont stammen sollten, auch nicht gedeckt, sondern vermutlich gefälscht waren.

Feudale Menüs in Schweizer Luxusrestaurants

Deubel hatte die Dupont-Geschichte und die Schecks von einem dubiosen Schweizer Finanzvermittler, dem er, wie zwei weiteren Beratern und Kreditvermittlern zweifelhaften Rufes, aus unerfindlichen Gründen über Monate und Jahre hinweg fast blind zu vertrauen schien. Dabei präsentierten die Vermittler ihm ständig neue Geschichten von angeblich interessierten Geschäftsleuten oder Unternehmen, die dann aber, kurz vor Abschluss des Geschäfts, aus den merkwürdigsten Gründen wieder absprangen.

Trotz ihres chronischen Misserfolgs lebten die Vermittler prächtig auf Kosten des Landes. Deubel billigte als Aufsichtsratschef der weitgehend landeseigenen Nürburgring GmbH trotzdem immer wieder äußerst großzügige Provisionen, Vorauszahlungen und Spesen in oft sechsstelliger Höhe an die Vermittler. Deren Geldbedarf war enorm, denn die "Verhandlungen" mit den vermeintlichen Geldgebern fanden in luxuriöser Umgebung statt: Meistens im Hotel Dolder Grand am Ufer des Zürichsees, zum Zimmerpreis von 490 Franken pro Nacht, oder bei feudalen Menüs in Schweizer Luxusrestaurants mit Champagner, Perlhuhnbrust und Gänseleberterrine. Abgerechnet wurde selbstverständlich über die Kreditkarte der Landesgesellschaft, wie der SPIEGEL schon im April 2010 berichtete.

Ein Untersuchungsausschuss des Mainzer Landtags brachte anschließend weitere pikante Details ans Licht. Neben einer Vorliebe für teure Zigarren und ausgedehnte Besuche im Wellness-Bereich des Hotels schienen einige der auf Landeskosten logierenden Dolder-Gäste offenbar auch dem spesenfinanzierten erotischen Abenteuer nicht abgeneigt. So berichtete der ehemalige Finanzchef der Nürburgring GmbH einem Kollegen in einer Mail aus dem Dolder Grand etwas verklausuliert, wie er für einen der Finanzvermittler "einen Termin beim Friseur im Haus gemacht" habe. Die Rechnung werde von einem anderen Vermittler bezahlt, "und das nette Mädchen schneidet die Haare". Auch von Bordellbesuchen ist in einem internen Vermerk die Rede.

Für Deubel endete die peinliche Geschichte vorläufig mit seinem Rücktritt und einer Anklage wegen Untreue beim Umgang mit Landesvermögen. Für Kurt Beck wird sie dagegen zur Endlosschleife. Denn wenn das Verfahren gegen Deubel und einige Mitarbeiter der Nürburgring GmbH sowie einer Förderbank des Landes Mitte Oktober beginnt, werden all die schillernden Details der Affäre wohl erneut zur Sprache kommen. Beck dürfte es dann wenig helfen, dass er seinem Ex-Finanzminister Deubel noch heute bescheinigt, dieser sei "ein anständiger Mensch" und habe "immer nur das Beste für das Land gewollt".

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