Becks Abschied "Meine Leute und ich kennen die Büchsenspanner"

Kurt Beck spricht mit großer Bitterkeit über den Berliner Politikbetrieb - und das Mobbing, das er in seinen letzten Stunden als SPD-Chef erlebt haben will. Direkte Kritik an Steinmeier und Müntefering verkneift er sich. Doch er macht deutlich, was er vom Stil seiner Bundes-Genossen hält.

Aus Mainz berichtet


Mainz - Am Nachmittag scheint wieder die Sonne auf Kurt Beck. Er steht auf der Terrasse des Gästehauses seiner Landesregierung in Mainz, ein Glas Wasser in der Hand, sein Blick schweift über das vor ihm liegende Rheintal. "Man hat plötzlich wieder ganz andere Freiräume", sagt der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, der bis vor zwei Tagen Chef der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands war.

Ex-SPD-Chef Kurt Beck: "Meine Welt ist das nicht"
REUTERS

Ex-SPD-Chef Kurt Beck: "Meine Welt ist das nicht"

In der Ferne steigt ein Passagierjet vom nahen Frankfurter Flughafen auf. "Irgendwie ist es auch eine ganz reizvolle Vorstellung, mal wieder ein paar Sonntagnachmittage ohne Berlin-Flug zu haben", sagt Beck.

Der 59-Jährige wirkt entspannt, macht ein paar Witzchen. Vor nicht ganz einer Stunde hat er in seiner Staatskanzlei eine Pressekonferenz gegeben und nochmal klargemacht, dass er sich gezielt herausgemobbt fühlt aus dem Amt. Er hat keine Namen genannt, nennt sie auch jetzt nicht im Mainzer Gästehaus. "Aber meine Leute und ich wissen genau, um wen es sich handelt." Das seien keine Vermutungen, sondern Informationen "aus mehreren, absolut zuverlässigen Quellen", sagt er.

Beck spricht von "Büchsenspannern", die gezielte Falschinformationen verbreitet hätten über ihn und seinen vor Wochen gefassten Plan, Frank-Walter Steinmeier zum Kanzlerkandidat der SPD auszurufen. Er sei "wie ein Getriebener" dargestellt worden, nicht wie ein souveräner Parteichef, der sein vornehmstes Recht ausübe: selbst zu entscheiden, wer 2009 für die SPD als Spitzenkandidat in den Wahlkampf ziehen soll.

Später, beim Mittagessen, wird Beck deutlicher. Aus seinen Sätzen kommt Bitterkeit durch. Natürlich habe es "einen Vorlauf" gegeben, sei er schon häufig Opfer von Durchstechereien und gezielt gesetzten Desinformationen gewesen. Aber die Steinmeier-Sache habe nun ein "völlig andere Qualität" gehabt: "Das ist so etwas wie der Versuch, einem auch noch die Würde zu nehmen". Da sei ihm klar geworden, dass es nicht mehr geht in Berlin.

"Wir haben doch kein Gefängnis"

Kurt Beck hat sein Jackett über die Stuhllehne gehängt, er nippt am Weißwein, schiebt sich ein Stück Brot mit Kräuterquark in den Mund. Er atmet durch. Konnte man nichts unternehmen gegen die Illoyalität in der Parteizentrale? "Wir haben doch kein Gefängnis im Willy-Brandt-Haus", sagt Beck. Er selbst will mit "solchen Machenschaften" nichts zu tun haben.

Er sagt keinen Satz gegen Steinmeier oder gegen seinen Amtsnachfolger Franz Müntefering, mit denen er noch am vergangenen Donnerstag in Bonn das Vorgehen in der Kandidatenfrage im kleinen Kreis besprochen hatte. Aber zu Münteferings Angebot, das klärende Gespräch mit Beck suchen zu wollen, antwortet Beck nur kühl und kurz angebunden: Ja, man habe am Vormittag mal telefoniert. Und man werde sich wohl auch demnächst irgendwann mal treffen. Es klingt nicht wie eine Sympathiebekundung.

Erst mal, so klingt es aus vielen seiner Sätze durch, braucht Kurt Beck Abstand von dem Berliner Politikbetrieb, der so gar nicht funktionieren will wie die SPD in Rheinland-Pfalz, in der Loyalität zum Chef eine Schlüsselqualifikation ist und Vertrauensbrüche mit hoher Wahrscheinlichkeit das Ende der Karriere bedeuten. "Hier ist die Partei ja wirklich noch in Ordnung, Gott sei Dank", sagt Beck im Regierungsgästehaus. An gleicher Stelle hatte er am Montag sein Kabinett und die Parteispitze um sich gescharrt. Die Teilnehmer berichten von "herzlicher Atmosphäre"; man habe "dem Kurt" den Rücken gestärkt, ihn zum Weitermachen in Rheinland-Pfalz aufgefordert.

Als die Sitzung zu Ende war, haben alle dann noch erklärt, wie froh sie seien, dass Beck Regierungschef in Mainz bleibe und sich auch wieder zur Wahl des Landesvorsitzenden stellen wolle am nächsten Samstag. Es gab nicht einmal ein vernehmbares Murren bei denen, die sich schon Chancen ausrechnen konnten, Becks Amt als Ministerpräsidenten zu beerben, falls der Chef nach Berlin gewechselt wäre. Seine Wissenschaftsministerin Doris Ahnen etwa, der viele den Job zugetraut hätten, lobte stattdessen "die große Geschlossenheit der rheinland-pfälzischen SPD".

Er pflege, sagt Beck, einen "offenen, kommunikativen Führungsstil", der nur auf der Basis gegenseitigen Vertrauens funktioniere. In Berlin, habe er festgestellt, "geht das offensichtlich nicht". Eine Clique von Durchstechern und "Spin-Doctors" treibe die Politiker dort zu "einsamen Entscheidungen", die dann nur noch von oben herab verkündet werden könnten.

Das immerhin hat Kurt Beck in seinen zweieinhalb Jahren dort erkannt: "Meine Welt ist das nicht."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.