Befragung Deutsche zweifeln an schnellem Atomausstieg

In der Debatte um die Energieversorgung haben die Bundesbürger ein klares Votum abgegeben: 51 Prozent empfehlen der Regierung, einen schnellen Atomausstieg zu überdenken. Das ergab eine Umfrage im Auftrag des SPIEGEL.


Hamburg – Angesichts der Abhängigkeit Deutschlands von Energie-Importen haben 51 Prozent der Befragten Zweifel an dem Koalitions-Beschluss zum Ausstieg aus der Kernenergie. Dagegen sprachen sich 45 Prozent dafür aus, die Bundesregierung solle an dem Atomausstieg festhalten. Damit nähern sich die beiden Meinungsgruppen einander an, noch im April vergangenen Jahres war das Ergebnis deutlicher: Damals waren 60 Prozent der Befragten dafür, die Regierung solle den Atomausstieg überdenken, während sich lediglich 34 Prozent uneingeschränkt für den Ausstieg aus der Kernenergie aussprachen.

Eine Forsa-Umfrage, die von der Bild am Sonntag in Auftrag gegeben worden war, kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Demnach seien 61 Prozent der Deutschen gegen einen schnellen Atomausstieg, bevor nicht klar sei, was die Alternativen sind. Die Meinungen gehen dabei entlang der Parteiengrenzen auseinander: 71 Prozent der Unions-Wähler und 57 Prozent der SPD-Anhänger halten den endgültigen Atomausstieg für nicht vertretbar, solange nicht Energie aus Sonnen- und Windkraft in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Bei den FDP-Wählern teilen sogar 83 Prozent diese Meinung.

Kernkraftwerk Biblis: Atomausstieg als Streitpunkt der Koalition
AP

Kernkraftwerk Biblis: Atomausstieg als Streitpunkt der Koalition

Lediglich die Anhänger der Grünen und Linkspartei sprachen sich mehrheitlich für einen schnellen Ausstieg aus der Kernenergie aus: 59 Prozent der Grünen-Wähler und 54 Prozent der Linkspartei-Anhänger äußerten sich dementsprechend.

In einem Radio-Interview stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel klar, dass CDU und SPD grundsätzlich am Atomausstieg festhielten - schließlich sei dies Teil der Koalitionsvereinbarung. "Zumindest in dieser Legislaturperiode gibt es daran keine Änderung", sagte sie im Deutschlandfunk-Interview.

Klimawandel eine der größten Menschheitsherausforderungen

Allerdings sei bekannt, dass die CDU eine andere Einstellung zur Atomenergie habe als deren Kritiker. Diejenigen, die einen schnellen Ausstieg befürworten, müssten jetzt Wege aufzeigen, wie die Kernenergie ersetzt werden könnte. Zur Förderung und zum Einsatz erneuerbarer Energien sagte Merkel, man müsse "realistisch gucken, in welchem Zeitablauf kann man wie viel schaffen".

Wenn die zurzeit noch bestehenden Atomkraftwerke in Deutschland durch Kohlekraftwerke ersetzt würden, bedeutete das einen zusätzlichen CO2-Ausstoß von 100 Millionen Tonnen, erklärte die Kanzlerin. Und auch bei der Energiegewinnung durch Erdgas wären es noch immer 50 Tonnen mehr an CO2. Dies müsse vor dem Hintergrund des Klimawandels berücksichtigt werden.

Manche Konsequenzen des Klimawandels, die bereits jetzt auch in Deutschland spürbar seien, seien nicht mehr umkehrbar, sagte Merkel weiter. So werde die Zugspitze bald keine Gletscher mehr haben und auch die Trockenheit in Deutschland würde zunehmend zum Problem. "Die Kernenergiefrage alleine löst das Klimaproblem mit Sicherheit nicht, aber wir müssen realistische Szenarien entwickeln", erklärte Merkel.

jkr/ddp/AP



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