Befreiter Gholam Ghaus Z. Blitz-Heimkehr aus dem schwarzen Loch

Stundenlange Verhöre, Einzelhaft, schlechtes Essen: Nach fünf zermürbenden Monaten in einem US-Gefängnis in Afghanistan ist die Odyssee des Deutsch-Afghanen Gholam Ghaus Z. zu Ende. Den Amerikanern galt Z. als Guantanamo-Kandidat - im Auswärtigen Amt war seine Befreiung Chefsache.

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Berlin – Richtig frei fühlte sich erst, als ihm am frühen Samstagmorgen gegen acht Uhr deutsche Bundespolizisten am Kabuler Flughafen eine Plastiktüte übergaben. Darin war ein schlichter grauer, ganz normaler Anzug. Nach fünf Monaten konnte der 41-jährige jetzt erstmals den orangefarbenen Overall ablegen, in den die US-Armee ihren Gefangenen gesteckt hatte. In diesem Overall hatten die Amerikaner ihn auch zwei Stunden zuvor den Deutschen übergeben.

Gholam Ghaus Z.: Der Deutsche sei ein Guantanamo-Kandidat, sagten die Amerikaner - die deutschen Behörden reagierten alarmiert
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Gholam Ghaus Z.: Der Deutsche sei ein Guantanamo-Kandidat, sagten die Amerikaner - die deutschen Behörden reagierten alarmiert

Von nun an war Gholam Ghaus Z. kein Gefangener mehr - der Mann aus Wuppertal hatte seine Freiheit zurück. Gesundheitlich, das jedenfalls befand ein angereister Arzt, ging es Z. nach der Haftzeit gut. Trotzdem hatten die Diplomaten auch extra einen Bonner Psychologen nach Kabul bringen lassen. Erleichtert habe Z. gewirkt, sagte wenig später einer derjenigen, die auf dem Flughafen dabei waren.

Ein bisschen Normalität, ein bisschen Alltag nach einer Odyssee, die der in Afghanistan geborene Deutsche wohl bis heute nicht ganz verstanden hat. Wortlos, ja geradezu überwältigt, habe er dagestanden. In der Haftzeit war er vollbärtig geworden.

Nun wartete er nur noch auf das Flugzeug der Bundeswehr, das ihn zuerst nach Termez in Usbekistan und dann noch am Samstagabend nach Deutschland zurückbringen sollte, seine wirkliche Heimat.

Am Samstagmorgen endete ein langes Tauziehen um den Deutschen Gholam Ghaus Z., diesen leicht stämmigen Mann mit dem sanften Lächeln. Er wurde zwar in Kabul geboren, ist aber seit 1999 ein Deutscher mit Wohnsitz in Wuppertal. Fünf Monate hat es gedauert, bis die Deutschen den Amerikanern die Freilassung abringen konnten. Fünf Monate, in denen im Auswärtigen Amt in Berlin jeden Tag über die Causa Z. geredet wurde.

Am Ende ging es schnell. In der Dämmerung war der deutsche Botschafter Hans-Ulrich Seidt mit seinem Konvoi nach Bagram, rund 60 Kilometer nördlich von Kabul, aufgebrochen, um Z. in der hermetisch abgeriegelten US-Basis abzuholen. Alles war vorbereitet, als er kam: Z. wurde in der durch die Guantanamo-Bilder bekannt gewordenen orangefarbenen Häftlingskleidung vorgeführt, die Handfesseln wurden gelöst, es konnte losgehen.

"Wir sind überglücklich", sagte der Cousin

Die Erleichterung war groß, auch in Berlin kam die Nachricht schnell an. Nachdem SPIEGEL ONLINE die Freilassung gemeldet hatte, kam die Bestätigung aus dem Ministerium von Frank-Walter Steinmeier (SPD). Die Bundesregierung, erklärte ein Sprecher, habe sich intensiv um die Freilassung bemüht, letztlich habe man mit den USA eine Einigung erzielen können.

Als kurz zuvor in Wuppertal das Handy eines Cousins von Z. geklingelt hatte, brachen alle in der Wohnung in Jubel aus. Endlich hatte ihnen ein Beamter mitteilen können, dass es geklappt hatte. "Wir sind überglücklich, das Gholam Ghaus endlich frei ist", sagte der Cousin. Die Verwandten hoffen nun, dass sie ihren Onkel möglichst bald nach seiner Ankunft in Deutschland sehen können.

Die tragische Odyssee begann am Nachmittag des 4. Januar 2008. Mit einem von einem Freund geliehenen Toyota Corolla fuhr er zur US-Basis "Camp Phoenix" an der Jalalabad Road im Osten Kabuls. Die Basis ist schwer gesichert, doch im Innenhof gibt es auch einen afghanischen Basar, auf dem US-Soldaten Teppiche und lokale Güter kaufen können. Dort, so sollte Z. später den deutschen Diplomaten erzählen, wollte er Rasierapparate kaufen und mit diesen später gewinnbringend weiter handeln.

Wie Z. in die Basis gelangte, ist bis heute unklar. Hier liegt einer der für ihn fatalen Widersprüche. Wochen nach der Festnahme berichtete seine Familie per Videoschalte von zwei Eingängen, einer zum Basar und der andere zur Basis, die er verwechselt habe. Den deutschen Diplomaten erzählte er, die US-Soldaten hätten ihn eingelassen, nachdem er seinen deutschen Pass gezeigt habe.

Die US-Armee hingegen verdächtigte Z., sich konspirativ mit einem gefälschten Pass eines Händlers eingeschlichen zu haben.

Der Fall Z. steht beispielhaft für die Praxis der US-Truppen: Nervös und stets in Alarmbereitschaft, reichen oft vage Indizien, um die meist afghanischen oder pakistanischen Verdächtigen in Bagram festzuhalten. Mit rund 650 Insassen längst größer als Guantanamo, gilt das hermetisch abgeschirmte Lager mittlerweile unter Menschenrechtlern als das wahre Übel des Kampfs gegen den Terror.

Wenige Indizien reichten den Amerikanern aus

Hätte nicht zufällig ein Rotkreuzler Z. in Bagram als Deutschen erkannt, säße er wohl noch heute dort, ohne Zugang zu Anwälten, ohne Kontakt zu seiner Familie. Unter einer strengen Nachrichtensperre bemühte sich das Rote Kreuz jedoch von da an um Z., benachrichtigte seine Familie und ermöglichte in den langen Monaten sogar zwei Video-Schaltgespräche für die Verwandten.

Für die US-Armee galt Z. als Terror-Verdächtiger, möglicherweise soll er die Sicherheitseinrichtungen des Lagers für Anschläge ausgespäht haben. Für Z. wurde sein Trip zum "fatalen Einkaufsbummel". US-Soldaten fanden bei ihm rund 1000 Euro in verschiedenen Währungen, dazu SIM-Karten aus Ländern wie Iran und Pakistan. Für die US-Militärs reichte dies, um auf Kontakte zum international agierenden muslimischen Terroristen zu schließen.

In stundenlangen Verhören und mit Einzelhaft ohne jeden Kontakt zur Außenwelt oder anderen Gefangenen versuchten die Militärs, den mutmaßlichen Attentäter weichzuklopfen. Er jedoch wirkte verwirrt, gab immer wieder unterschiedliche Versionen an und konnte manches gar nicht belegen - beispielsweise wie er nach Afghanistan eingereist war.

Immerhin der Bundesnachrichtendienst (BND) wurde von den USA schnell informiert. Der Fall Z., das war in Deutschland schnell klar, drohte nun eine Fortsetzung der Vorgänge um den Deutsch-Türken Murat Kurnaz zu werden, die im Kanzleramt und im Auswärtigen Amt ein Trauma hinterlassen haben. Deutsche Behörden tragen zumindest eine Mitverantwortung dafür, dass Kurnaz erst nach viereinhalb Jahren Haft, unter anderem in Guantanamo, nach Deutschland zurück durfte. Der US-Verdacht, Kurnaz sei ein Terrorist, hatte sich nicht erhärtet.

Folglich bemühte man sich in Berlin aktiv um den Deutschen in US-Haft, keinesfalls wollte sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) noch einmal wie im Fall Kurnaz attestieren lassen, er sei ein "herzloser Technokrat" ("Süddeutsche Zeitung"). Diesmal, so sein fester Wille, sollte es anders laufen.



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