Beinahe-Kanzler Schumacher Der geschundene Kandidat

Schröder, Kohl, Merkel - über sie wurden Geschichten, Artikel, Bücher geschrieben. In Vergessenheit gerieten diejenigen, die Kanzler werden wollten, aber ihr Ziel nie erreichten. SPIEGEL ONLINE stellt die Erfolglosen vor. Als erstes: Kurt Schumacher, den Adenauer abhängte. Von Ina Brandes.


Im Grunde hatte anfangs, in der westzonalen Trümmergesellschaft, alles für die SPD und ihren Vorsitzenden Kurt Schumacher gesprochen. So schien es jedenfalls. Denn: Schumacher war der unumstrittene Führer der deutschen Sozialdemokratie, im Volk weithin bekannt und von den Alliierten respektiert, währenddessen sich die CDU noch nicht einmal bundesweit als Partei etabliert hatte. Dagegen waren außerhalb des Rheinlandes die Person und die Ambitionen von Konrad Adenauer, dem Gegenspieler Schumachers, kaum bemerkt worden. Sodann: Der sozialdemokratische Kanzleranwärter stand bereits einer 700.000 Mitglieder starken, disziplinierten Parteiformation vor, als die CDU sich noch als organisationsschwacher Honoratiorenverein präsentierte, der sich kaum auf ein ordentliches Programm hatten einigen können.

Kurt Schumacher (1895-1952): Im Volk bekannt, von den Alliierten respektiert
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Kurt Schumacher (1895-1952): Im Volk bekannt, von den Alliierten respektiert

Überdies: Schumacher und viele seiner sozialdemokratischen Mitstreiter waren in den braunen Jahren in nationalsozialistischen Konzentrationslagern gequält worden, hatten tapfer gegen die Barbarei gekämpft, ohne Rücksicht auf die eigene körperliche Unversehrtheit oder persönliche Freiheit. Kurzum: Zunächst galt Schumacher etlichen Beobachtern des politischen Treibens als wahrscheinlicher und im Übrigen ganz und gar legitimer erster Bundeskanzler der Bundesrepublik.

Doch dann brachte der 14. August 1949 einen hauchdünnen Sieg für die Christdemokraten und eine satte 65%-Mehrheit für das bürgerliche Lager. Konrad Adenauer, nicht aber Kurt Schumacher, zog in die Regierungszentrale der neuen deutschen Republik ein. Das war der Beginn einer langen christdemokratischen Hegemonie und markierte den Anfang einer ebenso langen sozialdemokratischen Unterlegenheit im Bonner Staat. Und dies hing eng mit Schumacher zusammen. Seine zunächst gemutmaßten Stärken hatten sich bis zum Wahlabend unverkennbar in Schwächen verwandelt.

Fixiert auf die Stunde Null

Schumachers Leben hatte sich schon immer in politischen Versammlungen, Besprechungen und Diskussionsrunden abgespielt, in denen er selbst die bestimmende Rolle einnahm. Eine Realität außerhalb dieser politischen Arenen nahm er über Jahre hinweg kaum in den Blick. So entging ihm die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung Deutschlands zwischen 1945 und 1949 weitgehend - er machte keine Konzessionen an die großen Veränderungen, die in diesen vier Jahren Raum gegriffen hatten. Er blieb in der Stimmung der “Stunde Null” verhaftet, als kaum jemand an eine Rückkehr der bürgerlichen Gesellschaft mit ihrer kapitalistischen Wirtschaftsordnung glauben mochte. In seiner Wahrnehmung gab es keinen Platz, dass es inzwischen eine erfolgreiche Währungsreform gegeben hatte, dass die Regale in den Kaufhäusern sich wieder füllten, der Wiederaufbau zügig voran ging und die Menschen Vertrauen zu dem unter dem Wirtschaftsdirektor Ludwig Erhard allmählich entstehenden, neuen Wirtschaftssystem fassten. Im Wahlkampf geißelte er die Politik Erhards gewohnt aggressiv und apodiktisch als “Ausplünderung der kaufkraftschwachen Massen” und verfehlte die wirtschaftlichen, politischen und psychologisch-emotionalen Bedürfnisse der Bevölkerung so vollständig. Denn die für das Wahlvolk einzig entscheidende Frage: welches politisch-soziale Modell bringt uns am schnellsten den Wohlstand zurück, war im Grunde bereits entschieden.

Bitter und sarkastisch

Aber nicht nur in der Bewertung dieser Rahmenbedingungen hinkte Schumacher seiner Zeit hinterher. Auch in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner und der politischen Kommunikation seiner Ziele wählte er die falschen Methoden. Er führte seinen Wahlkampf wie er es aus Weimarer Zeiten gewohnt war. Er kannte keine professionellen Berater, keine demoskopischen Experten oder erfahrene Redenschreiber. Er hatte nur das Vertrauen in seine eigene intellektuelle und moralische Überlegenheit, schrieb alle Reden selbst, meist nachts, strotzend vor Sarkasmus und Spott, Bitterkeit und Hohn. Sein zerfurchtes, hartes Gesicht, in dem das Leid der KZ-Jahre eingebrannt war, gepeinigt von unablässigem Nervenzucken, fand während seiner öffentlichen Auftritte niemals Ruhe.

Schumacher hatte sich ein Bein und einen Arm amputieren lassen müssen, litt unter höchst schmerzhaften Magengeschwüren, die selbst ein freundlicheres Gemüt unleidlich gemacht hätten, war schwer zuckerkrank, seine Sehkraft eingeschränkt, er hatte keinen einzigen Zahn mehr. Jede größere Aufregung konnte ihn in Lebensgefahr bringen. Dennoch zeichnete ihn ein geradezu unerbittlicher Kampfeswille aus.

Diese selbstlose Konsequenz und Überzeugungstreue – gepaart mit überragenden intellektuellen Fähigkeiten – machte ihn für seine Anhänger zu einem charismatischen Anführer, der den Weg in eine lichte sozialistische Zukunft wies. Die nicht-sozialdemokratische deutsche Bevölkerung jedoch wurde durch Schumachers bloße Existenz ständig an die eigene unrühmliche Geschichte erinnert. Dieser schwer geschundene und doch Feuer sprühende Mann hielt ihnen schon in seiner körperlichen Erscheinung zu jeder Zeit die Schuld vor, die sie auf sich geladen hatten. Während sie sich in Ruhe und Privatheit von den vergangenen zwölf bis fünfzehn Jahren erholen wollten, kündigten Schumacher und seine SPD grundlegende ökonomische und soziale Umbauten an. Wie ein nicht enden wollendes politisches Umerziehungslager musste den Deutschen erscheinen, wenn der sozialdemokratische Kanzlerkandidat verkündete: „Es ist an der Zeit dem deutschen Volke klar zu machen, dass es jetzt die unabwendbaren Folgen dessen erlebt, was es in großen Teilen selbst verschuldet hat.” Den Zeitgeist traf Schumacher damit jedenfalls nicht, die körperlich, seelisch und ökonomisch kriegsversehrte Bevölkerungsmehrheit sehnte sich nach Wohlstand, Frieden und Entspannung.

Politische Isolation der SPD

Für die Bundestagswahl 1949 kam erschwerend hinzu, dass Schumacher sich weigerte, den wichtigsten politischen Konkurrenten, die CDU/CSU, als ernsthafte Herausforderung wahrzunehmen. Er orientierte sich auch in der Bewertung der demokratischen Mitbewerber im neuen Parteiensystem an seinen Weimarer Erfahrungen. Die Entstehung einer funktionsfähigen bürgerlichen, konfessionsübergreifenden Sammelpartei lag eingedenk der parteipolitischen Zersplitterung der Weimarer Zeit außerhalb seines Vorstellungsvermögens. Deshalb unterschätzte er die neu entstehende christliche Volkspartei und ihre Erfolgsbedingungen bis zuletzt in sträflicher Weise; er weigerte sich strikt zu taktieren, Chancen für Kooperationen auszuloten, die Türen für mögliche Verhandlungen nach der Wahl auch nur einen spaltbreit offen stehen zu lassen. Und auch Konrad Adenauer nahm er als Konkurrenten um die Macht nicht hinreichend ernst.

Als er dann mit dem deprimierenden Wahlergebnis – die SPD kam lediglich auf 29,2 % der Stimmen - die Quittung erhielt, gab es für die Sozialdemokratie keinerlei Handlungsspielraum mehr. Denn der aus Schumachers politischer Analyse abgeleitete unbedingte Führungsanspruch für sich und seine Partei, der in dieser Absolutheit und Ausschließlichkeit nicht nur weltfremd, sondern auch politisch hemmend war, sorgte für eine umfassende politische Isolation nach der Wahl. Eine Alternative zu der fest einkalkulierten absoluten Mehrheit der Sozialdemokratie hatte in Schumachers politischer Strategie keinen Raum gefunden. So konnte Adenauer trotz seines nur sehr knappen Vorsprunges – von 1,8 Prozentpunkten - mithilfe seiner vor der Wahl taktisch geschickt eingebundenen politischen Freunde von den bürgerlichen Kleinparteien aus Schumachers relativer Niederlage eine absolute machen. Die SPD brauchte fast zwanzig Jahre, um sich von dieser Niederlage und ihrer formativen Wirkung auf das Machtgerüst der bundesdeutschen Republik zu erholen.



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