Beitrittsstreit: Linke hadern mit der roten Lucy

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Lafontaine-Gegnerin, Trotzkistin, PDS-Kritikerin: So wurde Lucy Redler bekannt, als sie 2006 gegen die Fusion von WASG und PDS zur Linken protestierte. Jetzt möchte sie in die von ihr so vehement bekämpfte Partei eintreten - doch führende Genossen wollen es bei der nun anstehenden Entscheidung verhindern.

Berlin - Sie war "Wowereits schönste Feindin", die "ultralinke Front-Frau mit Durchschlagskraft" oder einfach nur die "rote Lucy". Vor zwei Jahren stieg Lucy Redler zum Berliner Medienliebling auf und wurde eine Hoffnungsträgerin für viele Gleichgesinnte. Dann ist es still um sie geworden. Nun will Redler ausgerechnet in die Linke eintreten, die sie bekämpft hat - und hat damit einen heftigen Streit ausgelöst. Gegen ihren Antrag haben führende Parteimitglieder Einspruch eingelegt.

Lucy Redler: "Die Kräfte in der Partei stärken, die für einen kämpferischen Kurs eintreten"
DDP

Lucy Redler: "Die Kräfte in der Partei stärken, die für einen kämpferischen Kurs eintreten"

Vor zwei Jahren geißelte Redler die rot-roten Regierungskoalition der Hauptstadt wegen "neoliberaler Politik". Die PDS war ihr Lieblingsgegner. 2006 trat sie als Spitzenkandidatin der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) in Berlin an. Eine Fusion von PDS und WASG kam für sie damals nicht in Frage - doch ein Jahr später schlossen sich die Parteien zusammen. Redler protestierte und gründete ihren eigenen Verein, die Berliner Alternative für Solidarität und Gegenwehr. Dieser war weitgehend erfolglos. Im Gegensatz zur Linken, die inzwischen in vier westdeutsche Landtage eingezogen ist, 53 Abgeordnete im Bundestag hat und dort die zweitstärkste Oppositionspartei ist.

Hartz IV, Ein-Euro-Jobs, Privatisierungen: An Redlers Kritik hat sich heute nicht viel geändert. Für sie ist die Linke in Berlin immer noch "Erfüllungsgehilfe der SPD". Im Gegensatz zu den reformorientierten Genossen in der Hauptstadt lehnt sie die Beteiligung der Linken an einer Regierung vehement ab.

Lose-Lose-Situation

Doch Redlers Erwartung, von außen Druck auf die Berliner Linke machen zu können, hat sich nicht bestätigt. Deshalb will sie nun zusammen mit Gesinnungsgenossen dem 10.000 Mitglieder zählenden Landesverband der Partei beitreten - und "die Kräfte in der Partei stärken, die für einen kämpferischen Kurs und ein sozialistisches Programm eintreten". Viele in der Basis hätten sie zu dem Eintritt ermutigt, sagt Redler. Dutzende E-Mails hätten sie erreicht.

Doch sie hat mächtige Gegner in der Führung der Linken. Gegen ihren Mitgliedsantrag hat der stellvertretende Fraktions- und Parteivorsitzende Klaus Ernst zusammen mit WASG-Mitgründer Thomas Händel Einspruch erhoben.

In dieser Nacht beriet der Vorstand in Berlin-Neukölln über Redlers Fall. Keine leichte Entscheidung für einen Bezirk, der wie Redler als sehr kritisch gilt - aber unter starkem Druck der Bundespartei steht.

Kreolen-Ohrringe und Jeans

Linke-Politiker Ernst möchte sich mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht äußern. Dafür wird Parteikollege Hüseyin Aydin, auch ein Gründungsmitglied der WASG, sehr deutlich: "Frau Redler sieht jetzt die großartige Entwicklung der Linken und nochmal eine Chance, sich hervorzuheben", sagt Aydin und klingt verärgert. "Konstruktive politische Arbeit" erwarte er von ihr nicht. Auch Bodo Ramelow, Vizefraktionschef im Bundestag und vor zwei Jahren Fusionsbeauftragter für WASG und Linkspartei, sagt: "Mit der Partei den Kampf gegen die Landesregierung zu eröffnen, ist absurd."

Er scheint sich darüber zu ärgern, dass Redler so viel Aufmerksamkeit erhält. Das ist freilich nicht erstaunlich. Sie ist 29, hat einst im ARD-Talk "Sabine Christiansen" diskutiert, ihre Anhänger mit einer Rede gegen Oskar Lafontaine begeistert. 2006 kürte die Zeitschrift "Neon" sie zu eine der 100 wichtigsten Deutschen.

Redler ist trotz der Kritik zuversichtlich, dass sie Mitglied der Linken wird. In der Partei müssten doch unterschiedliche Strömungen ihren Platz haben. Sie ist die Sprecherin der trotzkistischen Gruppierung "Sozialistische Alternative" (SAV), die laut Verfassungsschutzbericht aus dem vergangenen Jahr rund 400 Mitglieder zählt.

"Das beschädigt die innerparteiliche Demokratie"

Die Frage für die Linke ist auch, wie offen sie sein soll. Die Auseinandersetzung wird intern heftig geführt. Gegen zwölf Mitgliedschaftsanträge liegen in Berlin Einsprüche vor. Am vergangenen Donnerstag lehnte der Bezirk Pankow den Eintritt von zwei ehemaligen WASG-Mitgliedern in die Linke ab. Durch ihr Verhalten in der Vergangenheit hätten die beiden deutlich gemacht, dass sie sich an Beschlüsse der Partei nicht gebunden fühlen, heißt es aus der Partei.

Den viel gerühmten Pluralismus der Linken sehen Redlers Mitstreiter nun gefährdet. Mit einer "Hexenjagd" sollten Mitglieder der "Sozialistischen Alternative" und linke Kritiker aus der Partei herausgehalten werden. So weit will Redler nicht gehen, sie spricht aber auch von einem "Wendepunkt" für die Linke: "Auf alle Fälle beschädigt so etwas die innerparteiliche Demokratie."

Falls auch Redlers Antrag abgelehnt wird, kann sie Einspruch bei der Landesschiedskommission einlegen und bis zur Bundesschiedskommission gehen. Einen Rechtsanspruch auf Mitgliedschaft hat sie nicht.

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