Erstmals seit der Wende: Abwanderung von Ost nach West ist gestoppt

Die Lage ist so gut wie noch nie seit der Wende. Im aktuellen Bericht zum Stand der deutschen Einheit sieht die Bundesregierung fast durchweg positive Tendenzen. Die Abwanderung ist gestoppt, der ostdeutsche Arbeitsmarkt wächst. Allein: Von gleichen Lebensverhältnissen kann keine Rede sein.

Augustusplatz in Leipzig: beste Bedingungen seit der Wiedervereinigung Zur Großansicht
Corbis

Augustusplatz in Leipzig: beste Bedingungen seit der Wiedervereinigung

Hamburg - Über Jahre verließen mehr Menschen die ostdeutschen Bundesländer als dort hinzogen. Die Abwanderung sorgte für düstere Prognosen, der Osten entwickle sich immer mehr zum Altenheim der Republik, so die Befürchtung. Denn es gingen vor allem die Jungen, die gut Qualifizierten, die Frauen. Diese Entwicklung scheint nun gestoppt. 2012 seien erstmals seit der Wiedervereinigung ungefähr so viele Menschen von Ost- nach Westdeutschland gezogen wie umgekehrt. Das geht laut "Bild am Sonntag" aus dem neuen Bericht zum Stand der deutschen Einheit hervor.

Darin heißt es: "Der Saldo der Binnenwanderung zwischen Ost- und Westdeutschland war 2012 erstmals seit der Wiedervereinigung nahezu ausgeglichen." Der Bericht wird am Mittwoch von Innenminister Hans-Peter Friedrich im Kabinett vorgestellt. Die Bundesregierung legt den Einheits-Bericht jedes Jahr vor.

Insgesamt kommt die Bundesregierung demnach zu dem Schluss, die Lage in Ostdeutschland sei so gut wie noch nie seit der Wende. In fast allen Bereichen finden sich laut "Bild am Sonntag" in dem Bericht positive Befunde zur Entwicklung im Osten. So steigt die Geburtenrate im Osten wieder an und liegt inzwischen gar über West-Niveau. Die Lage auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt habe sich, ebenso wie die wirtschaftliche Situation insgesamt, verbessert.

Teil einer "weltweiten Spitzengruppe"

"Fast eine Generation nach der Wiedervereinigung haben sich die ökonomischen Lebensverhältnisse in den ost- und westdeutschen Bundesländern, insbesondere der materielle Wohlstand, deutlich verbessert", heißt es in dem Bericht. In den vergangenen Jahren sei "aus der einstigen Planwirtschaft eine wissensbasierte Industrieregion mit zunehmend wettbewerbsfähigen Unternehmen geworden."

So gehörten die ostdeutschen Arbeitnehmer "im Hinblick auf Qualifikation, Engagement und Flexibilität zur weltweiten Spitzengruppe". Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes sei stark gestiegen und liege über dem EU-Durchschnitt, weit vor Frankreich und Großbritannien. Von einer "beeindruckenden Reindustrialisierung Ostdeutschlands" ist in dem Bericht die Rede.

Eine weitere Stärke der neuen Länder ist demnach die hohe Dichte an Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie das gut ausgebaute Kinderbetreuungsangebot. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung gemessen am Bruttoinlandsprodukt reichten fast an das Niveau in den USA heran, schreibt die "Bild am Sonntag". Zudem lebten die meisten jungen Deutschen (20 bis 24 Jahre) mit Hochschulreife in Sachsen und Thüringen. Zugleich gibt es in den ostdeutschen Ländern aber auch die anteilig meisten Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss.

Angleich kommt voran - aber nur langsam

Trotz aller Euphorie kommt der Bericht zu dem Schluss, dass sich die Angleichung an das Wirtschaftsniveau Westdeutschlands insgesamt verlangsamt habe. Grund dafür sei eine noch bessere Entwicklung im Westen. 2011 erreichte das ostdeutsche Bruttoinlandsprodukt je Einwohner nur 71 Prozent des westdeutschen Niveaus - dieser Wert bleibt unverändert.

Die jüngsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit verdeutlichen die Unterschiede: Die Arbeitslosenquote liegt in den ostdeutschen Bundesländern weiterhin deutlich über dem westdeutschen Durchschnitt: 9,5 Prozent waren es im Oktober in Ostdeutschland (Oktober 2012: 9,8), im Westen lag die Quote zuletzt bei 5,8 Prozent (2012: 5,6). Insgesamt aber ist die Arbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit 1991.

Der Osten Deutschlands ist im Vergleich mit dem Westen seit Jahren wirtschaftlich im Rückstand. Im vergangenen Jahr wurde bereits festgestellt, dass die Angleichung des Wirtschafts- und Wohlstandsniveaus zumindest vorangekommen ist.

Allerdings belegte der Bericht 2012 in vielen Bereichen auch einen enormen Aufholbedarf: Die Arbeitslosenquote in den neuen Ländern war noch immer fast doppelt so hoch wie im Westen, Löhne und Renten in Ostdeutschland deutlich niedriger.

han/AFP/dpa

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insgesamt 128 Beiträge
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1. Das sieht doch wieder so aus ...
wireless 17.11.2013
... als wolle man sich die aktuelle Situation in Ostdeutschland schön saufen. Nur aus der Tatsache heraus, dass die personelle Ausblutung des Ostens zum Stillstand gekommen ist, zu schlussfolgern, dass alles Friede-Freude-Eierkuchen ist, grenzt schon an pathologischem Wahrnehmungsverlust innerhalb der Merkel-Regierung. Die letzten Sätze des Artikels führen pseudo-marktwirtschaftliche Schreihälse ad absurdum: bei niedrigen Löhnen trotzdem eine höhere Arbeitslosigkeit - das kann gar nicht gehen, das ist doch marktpolitisch gar nicht möglich. Wir hören doch tagtäglich, dass Lohnerhöhungen den Wirtschaftsstandort gefährden und eine höhere Arbeitslosigkeit hervorrufen. Ja - watt denn nu ?
2. Das Argument
addit 17.11.2013
Für den flächendeckenden Mindestlohn! Von wegen schrittweise Angleichung. Mindestlohn sofort, am besten gleich 10 Euro. Mit 8 fuffzig kommt man doch hinten und vorne nicht klar.
3. Wenn das doch der Innenminister sagt...
Demokrator2007 17.11.2013
...dann muß die Nachricht ja stimmen. Der warnt ja auch immer vor den vielen Selbstmordattentäern in Deutschland und will deshalb alle Bürger deswegen zwangsbespitzeln, sozusagen zu Verteidigungszwecken. Damit ist dieser Bericht für mich ungefähr so glaubwürdig wie ein Artikel aus "Neues Deutschland" vor 1989. Ciao DerDemokrator P.S. Vielleicht hört das mit der "Völkerwanderung" ja einfach nur deshalb auf, weil die Chancen in den Altbundesländern eben auch nicht mehr vorhanden sind und man jetzt in Rumänien, Tchechien oder Malaysia suchen sollte.>;-)
4.
HuFu 17.11.2013
Wieso werde ich im Osten in der IT nach dem "Bruttoinlandsprodukt" von 71% bezahlt? Wieso gibt es in der IT ein "Bruttoinlandprodukt" oder werden "Gehirnleistungen" anders beurteilt zwischen Ost und West (ich habe die tatsächliche Erfahrungen gemacht, dass im Westen mehr "geschwafelt" wird als gearbeitet (Ausnahmen...)). In der Schweiz, wo ich kurzzeitig war, wurde gar wurde für jeden Kram ne "Konferenz" einberufen; also für das, was man direkt am Arbeitsplatz innerhalb von 2 min hätte bereden können! Also, WIE kommt man in der IT auf 71% "Bruttoinlandsprodukt" im Osten? Warum werde ich SO bezahlt?
5. Was soll denn da noch aus dem Osten kommen?
rolf.piper 17.11.2013
Wie schon richtig bemerkt, ist nach der Wende nahezu eine ganze Generation von bestens ausgebildeten und gut erzogenen jungen Menschen Richtung Westen abgewandert, und diese Generation ist aber nicht nur in der alten BRD gelandet, sondern auch in Frankreich, wo die Gehälter wesentlich höher sind, oder auch in den USA, etc. Wer soll denn jetzt noch kommen? Die Produkte eines, vorsichtig formuliert, abgespeckten Bildungssystems mit viel Individualität und weniger Wissen! Und einer an Westniveau angepassten Babyquote.
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