Berlin Arabisches Magazin diffamiert Schwule als Krankheitsüberträger

Homosexuellenverbände sind empört: In einem arabischen Anzeigenmagazin aus Berlin wird davor gewarnt, schwule Männer anzufassen. Das übertrage tödliche Krankheiten, heißt es in einem pseudowissenschaftlichen Artikel - doch unter Muslimen ist diese Ansicht durchaus verbreitet.

Von und Yassin Musharbash


Berlin - Der Boxtrainer Oktay Urkal, genannt "Ali von Kreuzberg", wirkt wie der Prototyp eines Draufgängers aus einem Migrantenviertel: Er spricht Ghettodeutsch, sagt "isch" statt ich und hat eine breite gebrochene Nase. Der 38-Jährige war früher Profikämpfer, das hat Spuren hinterlassen. Oktay Urkal will dieses Gesicht nutzen, um mit festgefahrenen Bildern zu brechen: Er ließ sich für eine türkische Informationsbroschüre des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg (LSVD) ablichten. "Wer vor anderen keinen Respekt hat, geht K.o.", wird er dort zitiert.

Pseudowissenschaftlicher Hetzartikel gegen Schwule: "Wer sie anfasst, wird krank"
Al-Salam

Pseudowissenschaftlicher Hetzartikel gegen Schwule: "Wer sie anfasst, wird krank"

Urkal weiß: Im Migrantenmilieu ist das "Outing" als Homosexueller für viele besonders schwer. Selbst er wurde wegen seines Testimonial-Auftritts von Leuten aus seinem Umfeld mehrfach angepöbelt. Doch das stört ihn nicht weiter: "Muss doch jeder sagen können, was er denkt." Er finde Schwule und Lesben nun mal okay, sagt Urkal.

Mit dieser Einstellung ist er nicht allein. Immer mehr Persönlichkeiten aus dem Migrantenmilieu zeigen Zivilcourage für Homosexuelle. Dennoch gilt gleichgeschlechtliche Liebe unter vielen konservativen Muslimen weiter als Sünde vor Gott und in vielen Familien als Schande. Wie verkorkst das Verhältnis einiger Muslime zur Homosexualität in Deutschland ist, zeigt die Diskussion über einen scheinbar belanglosen Artikel im Berliner Anzeigenblatt "al-Salam".

Zwischen Lifestyle-Angeboten, Kochrezepten und unzähligen Werbeflächen findet sich unter der Rubrik "Medizin" eine regelrechte Hetzschrift gegen schwule Männer. Der Titel: "Ein fleischfressendes Bakterium und geschlechtliche Anormalität". Neben abschreckenden Bildern von Hautausschlägen und Ekzemen erklärt der Autor, dass Homosexuelle "von tödlichen Krankheiten befallen werden" und, falls doch nicht, "zumindest im Jenseits für ihre Handlungen aufs Schärfste bestraft" würden.

Auch wird wissenschaftlich argumentiert: "Die Weltgesundheitsorganisation bestätigt, dass sie Dutzende Millionen Dollar ausgibt, um Krankheiten zu bekämpfen, die mit anormalem Geschlechtsverkehr einhergehen", schreibt der Autor. Deshalb sollen "muslimische Brüder" einem Homosexuellen nicht die Hand schütteln - "man weiß nie, was für Bakterien und Keime sich daran befinden".

Der Autor informiert sich bei christlichen Institutionen

In Deutschland lag die Aprilausgabe von "al-Salam" mit dem Artikel schon monatelang in Hunderten Berliner Imbissen, Cafes und Frisörläden kostenlos aus. Erst nachdem die Medienforscher des Online-Portals ufuq.de den Text kürzlich ins Deutsche übersetzt hatten, brandeten bei Schwulen- und Lesbenverbänden Proteste auf.

Der Verfasser des "Aufsatzes", der 31-jährige Syrer Mohammad Ladschain al-Zayn, wusste nicht, dass sein Text von "al-Salam" in Berlin abgedruckt worden war. "Aber es ist okay für mich, wenn es eine Gratiszeitung ist", sagte er SPIEGEL ONLINE. Die Kritik an dem Text sieht er gelassen: "Jeder ist frei zu sagen, was er will."

Medizinisches Vorwissen hat al-Zayn nicht. "Ich habe vor drei, vier Jahren angefangen, im Internet zu recherchieren", sagt er über seine Arbeitsmethode. Er verweist darauf, dass einige seiner Belegstellen Texte aus dem Umfeld christlicher Organisationen in San Francisco seien. "Ich bin nicht der erste und nicht der einzige, der das schreibt", sagte der ausgebildete Diplomingenieur, der für die Website kaheel7.com arbeitet.

Auf dem Portal behandelt man die "Wunder des Korans": Aufgeregt werden auf der Seite "neueste wissenschaftliche "Erkenntnisse" präsentiert - und mit Koranstellen in Verbindung gebracht, die zeigen sollen, dass alle diese Forschungsfortschritte nur Gottes Offenbarung bestätigen. Einen ähnlichen Ansatz hat der Syrer, der vier Jahre lang in London lebte, offenbar auch für seinen Text über Homosexualität gewählt: Ausgehend von der Überzeugung, dass Schwulsein nicht gut sein kann, weil es religiös verboten ist, hat er "Belege" gesammelt, die die These stützen.

Vom Herausgeber der Werbezeitung war keine Stellungnahme zu bekommen.

Götz Nordbruch von ufuq.de findet diese Inhalte vor allem deswegen beunruhigend, weil sie eine unter Einwandererkindern verbreitete Feindsinnigkeit gegenüber Schwulen und Lesben fördern: "Die Botschaft ist, dass Homosexuelle sich nicht nur gegen Gott versündigen, sondern auch eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen." Dieser Zündstoff richte sich in "al-Salam" an alle Muslime in Berlin. Die Folge dieser Einstellung sei, dass Jugendliche schwule Männer auf der Straße beschimpfen und bespucken, sagt Nordbruch.

Alexander Zinn vom Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg glaubt auch, dass der geschmacklose Artikel für eine gängige Haltung unter Muslimen steht: Das "Schwule Überfalltelefon" registriere "sehr häufig" Pöbeleien durch Migranten. Als Homosexueller, egal welcher Herkunft, sei die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, Opfer durch Gewalt von muslimischen Jugendlichen zu werden. "Das ist ein großes Problem für uns", sagt Zinn.

Der Staatsschutz wird den Hetzartikel prüfen

Der Verband widme sich dem Thema schon seit zehn Jahren. Zinn glaubt, dass sich die Politik bei dem Thema "ein wenig drückt". Sein Verein fordert Hilfe vom Berliner Integrationsbeauftragten Günther Piening, der zwischen Homosexuellen- und Islamverbänden vermitteln soll. "Die wollen von sich aus nicht mit uns reden", sagt Zinn. Damit ein Dialog zustande kommt, brauche es daher öffentlichen Druck durch Politiker.

Immerhin: Nach der Aufregung um den Artikel in "al-Salam" hat sich Piening aus dem Urlaub gemeldet und den polizeilichen Staatsschutz um die Bewertung des Zeitungsartikels gebeten. Außerdem erwägt er, das Thema auf die Tagesordnung des Berliner "Islamforums" zu setzen, das viermal im Jahr tagt.

Nicht alle Betroffenen betrachten Homophobie allerdings als Problem, das im Islam wurzelt. Koray Yilmaz-Günay, von der Organisation türkeistämmiger Schwulen und Lesben "Gladt e.V." erkennt in der feindlichen Haltung gegenüber seiner Klientel vielmehr ein "gesellschaftliches Phänomen". Außerdem sei es falsch, alle muslimischen Gemeinschaften in einen Topf zu werfen: Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg distanziere sich zum Beispiel "ausdrücklich von schwulenfeindlichen Aussagen", sagt Yilmaz-Günay.

Genau wie Profiboxer Urkal: "Viele Ausländer haben Respekt vor mir", steht neben seinem Foto in der Broschüre für türkische Homosexuelle. "Und wenn ich sage, dass Schwule und Lesben nicht schlechter sind als wir, dass man sie nicht schlagen oder verarschen muss, dann ist das sicher ganz gut".

Dass der Kasten mit seinem Statement ausgerechnet auf einer Seite zum Thema Coming-out plaziert ist, dürfte übrigens Zufall sein. Der Sportler ist mit einer Frau verheiratet.

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