Berliner Flüchtlingsamt Das Scheitern des Lageso - das Protokoll

Tagelanges Warten, keine Auszahlung von Essensgeld, Gewalt - jetzt angeblich ein Toter: Seit Monaten steht das Berliner Flüchtlingsamt Lageso in den Schlagzeilen. Die Chronologie des Scheiterns.

Schlangen vor dem Lageso: Auch an diesem Mittwoch warten Dutzende
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Schlangen vor dem Lageso: Auch an diesem Mittwoch warten Dutzende

Von , Maximilian Gerl und


Es ist immer noch so. Auch an diesem Mittwoch warten Flüchtlinge vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit, dem berüchtigten Lageso, stundenlang. Manche kommen jeden Tag wieder. Einige erzählen, sie hätten die Nacht im Freien verbracht.

Unter der Hand berichtet ein ehrenamtlicher Helfer, dass sich am Lageso nichts gebessert habe. Immer noch lange Wartezeiten und eine schlechte Versorgung ließen den Schwarzmarkt blühen. "Für 100 Euro verkaufen manche Security-Mitarbeiter Wartemarken." Auch einige Asylbewerber stellten sich tagelang an, um ihre Marken später teuer zu verkaufen.

Das Lageso ist in der Flüchtlingskrise zum Symbol geworden für das Behördenversagen in der deutschen Hauptstadt. Nun klagen Helfer, es gebe einen ersten Toten. Ein 24-jähriger Syrer soll in der Nacht gestorben sein, nachdem er tagelang - auch mit Fieber - beim Lageso angestanden haben soll, berichten sie. Die Behörden konnten das nicht bestätigen. "Wir haben alle Aufnahmekrankenhäuser abgefragt", sagte eine Sprecherin der für das Lageso zuständigen Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales. "Dort gibt es keine Informationen darüber." Auch ein Sprecher der Feuerwehr sagte, sämtliche Einsätze des Rettungsdienstes in dem entsprechenden Zeitraum seien geprüft worden - allerdings ohne Ergebnis.

Fakt ist: Seit Monaten ändert sich am Lageso trotz aller Beteuerungen nichts Grundlegendes. Die Liste des Scheiterns ist lang - seitdem im Spätsommer die Zahl der Flüchtlinge rasant angestiegen ist.

August 2015

  • Es ist heiß in Berlin, die Schlangen vor dem Lageso werden immer länger. Es gibt kaum Wasser und Nahrung für die Flüchtlinge, immer häufiger müssen Ehrenamtler einspringen. Der zuständige Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) wirft CDU-Sozialsenator Mario Czaja vor, die Lage zu unterschätzen. Das Amt sei "praktisch kollabiert".

Oktober 2015

  • Der vierjährige Mohammed verschwindet vor dem Lageso. Seine Eltern sind Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina. Die Polizei geht zahlreichen Hinweisen nach - schließlich stellt sich heraus, dass der Junge entführt und getötet wurde.
  • Es gibt erste Warnungen vor Kältetoten. "Wir können nicht mehr ausschließen, dass Menschen sterben", sagt die Berliner Caritas-Direktorin Ulrike Kostka. Schon um ein Uhr nachts bildeten sich vor dem Lageso Warteschlangen, in denen auch "zitternde und blau angelaufene" Kleinkinder stünden.
  • In der Bundesallee wird eine Erstaufnahmestelle eröffnet, um das Lageso bei der Registrierung zu entlasten. Senator Czaja sagt: "Wir werden hier bald 1000 Flüchtlinge am Tag registrieren."
  • Immer wieder wird von Übergriffen der Security-Mitarbeiter auf Flüchtlinge vor dem Lageso berichtet, auch entsprechende Video-Aufnahmen tauchen auf.

November 2015

  • Nach erneuten Übergriffen von Sicherheitsleuten vor dem Lageso auf Flüchtlinge wird der bisherigen Sicherheitsfirma gekündigt.
  • Berlins SPD-Regierungschef Michael Müller greift die CDU an - und ganz offenbar den fürs Lageso zuständigen Senator Czaja. Ohne diesen beim Namen zu nennen, sagt Müller, wer nur versuche, Verantwortung wegzuschieben und über Haftung statt gute Lösungen nachzudenken, arbeite vielleicht an der falschen Stelle. "Wer sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlt - das ist in Ordnung. Aber der sollte nicht im Weg stehen, sondern Platz machen."

Dezember 2015

  • Der Berliner Senat hat entschieden, das Lageso zu entlasten: Ein neues Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten soll entstehen. Ende Januar 2016 ist der Eröffnungstermin der neuen Behörde immer noch unklar.
  • Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth von den Grünen hat das Lageso besucht - und schreibt in einem Brandbrief an Regierungschef Müller von "koordinierter Verantwortungslosigkeit".
  • Mitarbeiter des Lageso schildern gegenüber dem Sender RBB anonym, wie groß das Chaos in der Verwaltung ist - und wie stark selbst verschuldet.
  • Im Lageso beharrt man darauf, dass sich die Situation ja verbessert habe, dass kein Flüchtling mehr tagelang dort warten müsse. Die Realität ist anders.
  • Lageso-Chef Franz Allert tritt zurück. Berlins Regierungschef Müller hatte zuvor seinen Sozialsenator Czaja im Fernsehen aufgefordert, Allert abzusetzen. "Wir sind jetzt in einer Situation, in der wir nicht mehr länger warten können."
  • Der Berliner Landesrechnungshof wirft Czaja in einem vertraulichen Sondergutachten vor, rechtswidrige Praktiken im Lageso bei der Unterbringungvon Flüchtlingen jahrelang geduldet zu haben - das berichtet der SPIEGEL.
  • Von Weihnachten bis Neujahr bleibt das Lageso trotz des großen Andrangs geschlossen. Als es im Januar wieder öffnet, warten wieder Menschen im Freien - bei Minusgraden.

Januar 2016

  • Sozialsenator Czaja erklärt, es gebe neue Regeln für die Auszahlung von Taschengeld, sodass die Flüchtlinge nicht jeden Monat neu anstehen müssen. Außerdem hätten Flüchtlinge am Standort Bundesallee inzwischen Gesundheitskarten und müssten nicht mehr für Krankenscheine anstehen. Neues Personal soll helfen, die chaotische Lage zu ändern.
  • Flüchtlinge berichten über neue Gewalt durch Security-Mitarbeiter.
  • McKinsey-Berater Sebastian Muschter wird kommissarischer neuer Chef des Lageso. Er wolle "so geordnete Verhältnisse wie möglich" schaffen.
  • An diesem Montag werfen Betreiber von Flüchtlingsunterkünften dem Lageso vor, Asylbewerbern kein Geld für Essen mehr auszuzahlen. Es gibt Berichte, wonach diese nun hungern müssten. Czaya räumt ein, dass sich die Lage am Lageso in den vergangenen Tagen verschlechtert habe. Schuld sei auch der hohe Krankenstand von Mitarbeitern aus dem Lageso.
  • Am Mittwoch berichten Helfer über einen gestorbenen Syrer. "Seit Monaten warnen wir davor", sagt Christiane Beckmann, Sprecherin der "Moabit hilft"-Initiative.

Im Video: Syrer soll nach Warten vor Lageso gestorben sein

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