Erfundener Flüchtlingstod Gefährlicher Tunnelblick

Die Erfindung eines toten Syrers ist ein weiterer Beleg für die zunehmende Hysterie in der Flüchtlingsdebatte. Das gefährdet die Gesellschaft - denn selbst gemachte Wahrheiten erlauben keinen Kompromiss.

Ein Kommentar von


Dem Lügner Dirk V., dem Erfinder des toten Flüchtlings vom Berliner Lageso, haben wir den Beweis zu verdanken: Agitierte Gegner der Willkommenskultur haben kein Monopol darauf, haltlose Gerüchte zu verbreiten. Auch von Befürwortern wird offenbar gerne alles geglaubt und in sozialen Netzwerken geteilt, wenn es nur die eigene Weltsicht stützt. Auf beiden Seiten scheint Schnappatmung den genauen Blick auf die Fakten unmöglich zu machen.

Über die Motive des Dirk V., der sein Geld ausgerechnet als PR-Berater verdient, kann man nur spekulieren - so betrunken oder verwirrt kann er gar nicht gewesen sein, dass ihm nicht klar sein musste, wie schnell sein dramatischer Bericht aus dem Krankenwagen als Märchen auffliegen würde. Dass eine Sprecherin von "Moabit hilft" beim Aufkommen erster Zweifel davon gesprochen hatte, es wäre "eine Katastrophe", wenn sich der tote Syrer als erfunden herausstellen würde, war höchst unglücklich formuliert - tatsächlich ist es ja eine sehr gute Nachricht, dass niemand gestorben ist.

Die Darstellung ihres Mitstreiters haben die Flüchtlingshelfer allerdings verbreitet und gestützt, als hätten sie persönliche Kenntnis von dem todkranken Mann. Die Medien, auch SPIEGEL ONLINE, haben den Fall schnell aufgegriffen - wenn auch stets mit dem Verweis darauf, dass die Behörden den Tod nicht bestätigen würden.

Am Mittwochabend war klar: "Es gibt keinen toten syrischen Flüchtling", hieß es aus Berliner Senatskreisen, später folgte die Bestätigung durch die Polizei. Und so wanderte der Satz "Es gibt keinen toten syrischen Flüchtling" in die Schlagzeilen, zurecht, denn er stimmt. Aber er stimmt eben nur im direkten Zusammenhang mit der erfundenen Geschichte des ehrenamtlichen Lageso-Helfers. Tatsächlich gibt es Tausende tote syrische Flüchtlinge, auf der Flucht über das Mittelmeer ertrunkene Familien.

Es gibt keinen toten syrischen Flüchtling am Berliner Lageso, doch das bedeutet nicht, dass im und vor dem Lageso alles in Ordnung wäre. Tatsächlich sind die Zustände dort nach wie vor so verheerend, ist das Versagen der Berliner Verwaltung so enorm, dass sich auch deshalb die Lügengeschichte des Dirk V. schnell verbreiten konnte: Niemand konnte sie als allzu unwahrscheinlich abtun.

Ein Gerücht für wahrscheinlich oder gar für eine Tatsache zu halten, weil es eigene, lange gehegte Befürchtungen bestätigt, ist eine sehr menschliche Schwäche. Ihre Folgen sind fatal. Sollte Deutschland an der Bewältigung der Flüchtlingskrise scheitern, dann nicht etwa, weil es unmöglich wäre, all die Ankommenden zu versorgen und mühsam langfristig zu integrieren. Das bereitet zwar Probleme, aber die sind lösbar.

Die größere Gefahr besteht in der durch diese Krise ausgelöste Spaltung der Gesellschaft, die nur noch ein Ja oder Nein erlaubt - getrieben von Emotionen, nicht von Fakten. Wenn sich nur noch selbstgemachte, absolute Wahrheiten feindlich gegenüber stehen, ist kein Dialog mehr möglich. Doch wenn die Zivilgesellschaft ihre Fähigkeit zur Hinterfragung der eigenen Position und zum Kompromiss verliert, dann gibt sie sich auf.

Es stimmt, die deutsche Gesellschaft ist offenbar zunehmend überfordert. Allerdings nicht von den Flüchtlingen - sondern von sich selbst.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Stefan Kuzmany leitet den Bereich Meinung und Debatte bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Kuzmany@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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air plane 28.01.2016
1. Gefährdung der Gesellschaft
Im Artikel wird die Ursache mit der Wirkung verwechselt. Die Gefährdung ging und geht von der verantwortungslosen "Flüchtlingspolitik" der Regierung (ohne Kabinettsbeschluss, ohne Zustimmung des Parlamente, ohne demokratische Grundlage) aus. Vorfälle wie am Lageso sind lediglich Stilblüten in Folge dieser Politik.
clara78 28.01.2016
2.
Natürlich ist die deutsche Gesellschaft in Wirklichkeit eher von "den Flüchtlingen" überfordert - bzw. von der eigenen "Willkommenskultur", mit der man sich einfach überfordert hat. Der Grund hierfür ist übrigens auch gerade, dass wir an die Grenzen der idealisierten "Zivilgesellschaft" kommen. Freiwillige Helfer sind eben keine Profis, die eine professionelle Distanz zu dem Geschehen und auch zu der Begrenzung eigener Möglichkeiten gelernt haben. Es geht so einfach nicht und darum muss der Zustrom wirklich begrenzt werden - sonst ist es auch so oder so nur noch eine Frage der Zeit, bis es doch den ersten Toten gibt, weil das einfach alles nicht mehr zu stemmen ist.
hausierer 28.01.2016
3. Wortverdreher
Die Argumentation zur Entschuldigung dieser offensichtlich überspannten Helfer und Kommentatoren sind der Hammer : " Es hätte aber sein können " oder " es wäre ja durchaus möglich gewesen ".....Solche vorsätzlichen Lügen oder Vermutungen von AFD und anderen hätten wesentlich mehr Beachtung gefunden und wären ausgeschlachtet worden ohne Ende....Aber die sind ja völlig überfordert , die Armen und dann trinken sie auch noch Alkohol....na dann Prost und weiter so....Meine Güte sind wir tief gesunken.....
br0iler 28.01.2016
4. Das zeigt auch, das die Presse auf alles aufspringt ohne zu ...
Das zeigt auch, das die Presse auf alles aufspringt ohne zu ... recherchieren. Bild, Spon usw. zeigt, in wirklich großen Lettern, das was schreckliches passiert ist und treibt bestimmte Meinungen erst recht in falsche Richtungen. Als sich dann alles als "Blase" erwiesen hat, wird in kleinen, unauffälligen Beiträgen dann wieder alles dementiert, nach dem Motto: "Sorry, konnten wir ja nicht vorher wissen" Erstmal veröffentliche um Klicks zu bekommen. Hängt ja schließlich auch Werbung bzw. Geld mit dran. Eigentlich gehts ja nur darum. Schade.
Sabi 28.01.2016
5. gut
Gutmensch erfindet gute Geschichte und meint es gut....
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