Von Mathias Zschaler
Es gab wahrlich Zeiten, in denen es den Berlinern leichter gemacht wurde, stolz auf ihre Stadt zu sein. Doch momentan taugt Ernst Reuters legendärer Appell an die Völker der Welt höchstens noch für sarkastische Abwandlungen. Man schaut auf diese Stadt und wundert sich. Nichts klappt, nichts geht voran - aber das macht offenbar nichts, auch wenn das alles andere als gut ist.
Hat denn Klaus Wowereit, der Urenkel Reuters, mit all den Pleiten, Pech und Pannen, die schon seit längerem das Bild der Hauptstadt im Rest der Welt prägen, etwas zu tun? Eigentlich schon, weil er ja schließlich der Regierungschef dieses Stadtstaats ist, aber irgendwie auch wieder nicht. Sagt er jedenfalls meistens. Doch richtig übel scheint ihm das auch kaum jemand zu nehmen. Man könnte fast meinen, seine Nonchalance im Umgang mit sämtlichen Widrigkeiten strahle zunehmend ab auch auf die Regierten. Und das mutet geradezu symptomatisch an für einen bestimmten Modus des Politischen, der die Merkmale eines Syndroms aufweist.
Da ist ja nicht nur die besonders spektakuläre Spottnummer mit dem verpatzten Eröffnungstermin für den neuen Großflughafen - und der neuen Frage, ob der Termin überhaupt 17. März 2013 erneut zur Disposition steht. Auch auf dem Boden läuft es einfach nicht:
An wenigstens halbwegs normalen Tagen macht garantiert die Polizei mit einem neuen Skandal von sich reden, wie überhaupt die innere bzw. öffentliche Sicherheit ein bedenkliches Kapitel für sich darstellt:
Die Liste der Misslichkeiten ließe sich leicht noch verlängern. Und dabei ist bisher noch nicht einmal vom Fußball die Rede gewesen. Den mag man zwar als Nebensache betrachten. Aber dass die größte Stadt zwischen Paris und Moskau die einzige Metropole in Europa ist, die nicht über einen Erstliga-Verein verfügt, gewinnt im Kontext der trüben Bilanzen und negativen Alleinstellungsmerkmale durchaus einen eigenen, metaphorischen Stellenwert.
Wäre Berlin nicht Berlin und mithin ohnehin etwas notorisch Besonderes, könnte man angesichts all dessen nun meinen, die Bewohner begönnen, allmählich etwas ungehalten zu werden. Doch das ist nicht so. Die Vorstellung beispielsweise, sie könnten in Scharen als Wutbürger auf die Straßen gehen, um für ein funktionierendes Verkehrssystem oder einen weltstadtgerechten Airport demonstrieren, wäre geradezu utopisch. Das Flughafen-Debakel erreicht bezeichnenderweise nicht mal den Rang eines richtigen Skandals. Allenfalls regen sich einige Unentwegte schon einmal prophylaktisch über Fluglärm auf, den es Gott weiß, wann geben wird. Demonstriert wird zwar dauernd für oder gegen irgendetwas, aber stets nur aufgrund von Partikularinteressen, nicht gegen die Handhabung der öffentlichen Angelegenheiten im Grundsätzlichen.
Kein Empfinden für allgemeine Verantwortung
Dies hat gewiss in erster Linie mit jener Art von Duldsamkeit bis an die Grenze der Gleichgültigkeit und mit dem irgendwie lässigen Alltagsgebaren zu tun, das überall auf der Welt typisch ist für die Mentalität der Bewohner der großen Städte. Was aber in Berlin erschwerend noch hinzukommt, ist das Fehlen einer historisch gewachsenen bürgerlichen Öffentlichkeit, wie es sie etwa in Hamburg, Stuttgart oder München gibt. Berlin ist letztlich eine Ansammlung von Kiezen, Rückzugsorten also, die es dem Einzelnen jederzeit ermöglichen, sich einfach rauszuhalten. Bei all dem vielen Zuzug und dem teils zweifelhaften Glamour der Mitte und dem neureichen Protz gab es stets auch einen starken Hang zum Proletarischen nach der Devise, dass die da oben einen sowieso alle mal können. Auch dies erschwert das Entstehen eines Empfindens für allgemeine Verantwortung, für produktive Unduldsamkeit in Bezug auf die Regelung der öffentlichen Angelegenheiten.
Wenn es stimmt, dass Berlin stets auch ein Labor für neue Lebenskonzepte und Daseinsgefühle war, dann sollte man jetzt jedenfalls besonders genau hinsehen, was dort geschieht. Denn es scheint sich, unter den Prämissen des neuen Jahrhunderts mit seinen postideologischen Ernüchterungen und der wachsenden Individualisierung, ein merkwürdiges Arrangement im Zeichen der wechselseitigen Desillusionierung, ja Lethargie zwischen Wählern und Gewählten zu entwickeln. Man traut einander ohnehin nicht mehr viel zu, fordert und erwartet kaum noch etwas und ist rasch bereit, sich abzufinden. Das fördert ein gesellschaftliches Klima, in dem der Typ des postmodernen Politikers, wie ihn ein Wowereit trotz seines sozialdemokratischen Parteibuchs verkörpert, ziemlich lange unbehelligt durchkommen kann.
Im Zweifelsfall wird so jemand immer einen Weg finden, sich die Macht zu bewahren, vorausgesetzt, er ist weiterhin an ihr interessiert. Dass er im Prinzip so ungefähr mit jedem koalieren kann, hat er schließlich nachgewiesen. Und falls es noch höhere Prinzipien geben sollte, lässt sich die Messlatte dafür zur Not so hoch legen, dass man auch schon mal darunter hindurch schlüpfen kann.
Als Pendant zur chronisch beklagten Politikverdrossenheit der Bürger, die im klassischen Sinne immer weniger als solche bezeichnet werden kann, bildet sich so eine bestimmte Art von Bürgerverachtung durch die Politik heraus. Diese testet in einer permanenten Folge von "Try and Error" nur noch aus, wie weit sie gehen kann und zieht dann ihr Ding durch, was auch schon mal heißen kann, dass sie einfach abwartet und nichts tut. Denn es sind zu ihrem Glück ja nicht einmal mehr Barrikaden da, auf die das Volk noch gehen könnte, nachdem die Idee der bürgerlichen Freiheit zur multioptionalen Beliebigkeit verkam.
Aber Klaus Wowereit kann gewiss keinen Gebrauchsmusterschutz für dieses dubiose Modell beantragen. Es gibt, nur ein paar Kilometer von seinem Amtssitz entfernt, eine Person, die dieses Spiel mindestens ebenso gut beherrscht wie er, wenn nicht noch besser - nämlich im Kanzleramt. Das Berlin-Syndrom mag typisch sein für den Status der Hauptstadt im Jahr 2012, doch er gilt nicht exklusiv für die Stadt, sondern kennzeichnet zunehmend auch die Art und Weise, wie das Land regiert wird. So weit wie Wowereit ist Angela Merkel allemal.
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