Juden zu antisemitischen Protesten "Jegliche Grenze des Akzeptablen ist überschritten"

Juden feiern den Beginn des Chanukkafestes vor dem Brandenburger Tor, sie wollen sich von Hetzern nicht beirren lassen. Doch die Sorge vor neuen antisemitischen Protesten wächst.

Von , Janita Hämäläinen und Thies Schnack (Video)


Vor dem Brandenburger Tor ist es am Dienstagmittag klirrend kalt. Yehuda Teichtal und Schmuel Segal stört das offenbar wenig. Die beiden Rabbiner lassen sich in einem Liftkorb zur Spitze des gut zehn Meter hohen, achtarmigen Leuchters emporfahren, segnen ihn, klatschen und singen. Am Abend beginnt das jüdische Chanukkafest.

"In diesem Jahr hat dieses Fest eine ganz besondere Bedeutung für die jüdische Gemeinde", ruft Teichtal über den Pariser Platz. Er wird ernst: "Wir bringen das Licht über die Dunkelheit. Berlin ist ein Ort des Lichts."

Was er meint, ist klar: Am Wochenende eskalierten hier Demonstrationen gegen die Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt, junge propalästinensische Männer skandierten antisemitische Sprechchöre. Politiker kritisieren das nun massiv.

"Wenn solche Chaoten versuchen, die nächste Intifada in unseren Innenstädten auszutragen", forderte etwa Hessens Innenminister Peter Beuth, "ist es Aufgabe der Polizei und die historische Verpflichtung eines ganzen Landes, sie gemeinsam in die Schranken zu weisen".

Erinnerung an den "Fall Friedenau"

Auch Juden in Berlin sind angesichts der Bilder vom Wochenende entsetzt. "Jegliche Grenze des Akzeptablen ist überschritten, wenn auf den Straßen Berlins 'Tod den Juden' skandiert wird", sagte Siegmount Königsberg. Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin fordert: "Nicht nur die Politik, sondern auch die Zivilgesellschaft ist in Berlin und in Deutschland dafür verantwortlich, dass in der Stadt ein angstfreies Klima herrscht."

Davon ist Deutschland weit entfernt. Zur scheinbaren Normalität ist es vielmehr geworden, dass viele Synagogen von der Polizei bewacht werden müssen, jüdische Einrichtungen Hochsicherheitszonen sind, auf deutschen Schulhöfen "Jude" als Schimpfwort verwendet wird.

In der Hauptstadt selbst wird immer wieder an "Friedenau" erinnert. Im Frühjahr dieses Jahres wurde der Fall eines jüdischen Jungen bundesweit bekannt. Monatelang sah sich ein 14-Jähriger den antisemitischen Beleidigungen und Angriffen seiner Mitschüler ausgesetzt, bis seine Eltern ihn schließlich von der Friedenauer Gemeinschaftsschule nahmen. Der Direktor wies die Kritik, er habe zu spät reagiert, zurück.

"Mit allen Mitteln des Rechtsstaates"

Elio Adler sieht die Entwicklungen in Deutschland kritisch. Nachdem während des Gazakonfliktes 2014 Demonstranten durch Innenstädte marschiert waren und "Hamas, Hamas, Juden ins Gas" gebrüllt hatten, gründete er mit anderen jüdischen Deutschen eine zivilgesellschaftliche Gruppe. Ihr Ziel: Politik und Gesellschaft auf den wachsenden Antisemitismus aufmerksam machen.

Zu den Vorgängen vom Wochenende hat er eine klare Meinung: "Es wäre die Aufgabe der Polizei gewesen, mit allen Mitteln des Rechtsstaates gegen Demonstranten vorzugehen", sagte er. "Konkret: einkesseln, Personalien feststellen und überprüfen, ob unter denjenigen, die ihren Hass wort- und tatenreich bekunden, vielleicht polizeibekannte Straftäter sind oder auch Gefährder."

Es sei falsch, Demonstrationen wie diese als "kulturelle Besonderheit" abzutun. Man müsse "die Freiheit" verteidigen - "rechtsstaatlich und nicht allein mit Tweets", wie das etwa Regierungssprecher Steffen Seibert gemacht habe.

Auch Justizminister Heiko Maas hat sich mittlerweile in die Debatte eingeschaltet. Der "Bild"-Zeitung sagte er: "Wer israelische Fahnen in Brand steckt, verbrennt unsere Werte."

"Die israelische Flagge ist ein nationalstaatliches Symbol"

David Ranan sagte: "Die israelische Flagge ist ein nationalstaatliches Symbol, keines, das die jüdische Religionsgemeinschaft repräsentiert. Deshalb ist nicht jeder, der eine israelische Flagge verbrennt, ein Judenhasser."

Der israelische Politologe und Autor wurde in eine deutsch-jüdische Familie geboren. Er hat unter anderem als Fellow des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin gearbeitet. "Das Referenzfeld darf nicht allein die deutsche Vergangenheit sein, sondern muss auch die Gegenwart sein", sagte er. "Die Sprache, die Populisten in vielen Ländern, darunter auch in Israel - wie etwa Verteidigungsminister Avigdor Lieberman - verwenden, ist mindestens genauso schlimm und beängstigend, wie man sie nun auf Demos in Deutschland hört."

Lieberman hatte nach den Ausschreitungen in Israel und Palästina am Wochenende zu einem Boykott arabischer Ortschaften im Norden Israels aufgerufen und erklärt: "Wir müssen ihnen das Gefühl geben, dass sie hier nicht willkommen sind."

Worte wie diese dürften palästinensischen und arabischen Gruppen in die Hände spielen. Einige wollen am Dienstagnachmittag und -abend wieder gegen die Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels durch US-Präsident Donald Trump protestierten - auf dem Washingtonplatz, zehn Fußminuten vom Brandenburger Tor entfernt und damit in Nähe zur Veranstaltung anlässlich des jüdischen Lichterfestes Chanukka.



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