Berlin Leitende Piraten-Mitarbeiterin irritiert mit Esoterik-Thesen

Die neue Geschäftsführerin der Berliner Piratenfraktion sorgt für Wirbel. Im Nebenjob gibt sie Esoterik-Seminare und verbreitet merkwürdige Thesen über Aids und Hunger. Piraten-Anhänger sind empört.

Screenshot von Scherlers Internetauftritt: "Ich öffne die Herzen"

Screenshot von Scherlers Internetauftritt: "Ich öffne die Herzen"

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Hamburg/Berlin - Kurzentschlossene Freunde der Esoterik können jetzt noch zugreifen: Das zweitägige Einstiegsseminar "Du hast die Macht über Dich" am 17. und 18. Dezember bei Scherler Seminare in Potsdam gibt es für 180 Euro. Wer danach noch nicht genug über sich selbst und seine eigenen Kräfte weiß, kann das Vertiefungsseminar "Lebe Deine Macht!" dazu buchen.

Die Politologin und Heilpraktikerin Daniela Scherler leitet die Seminare. Sie "schaffe Klarheit, öffne die Herzen und zeige Lösungswege auf", schreibt Scherler auf ihrer Website. Normalerweise wäre das kein Fall für öffentliche Aufmerksamkeit. Aber die 39-Jährige ist auch Fraktionsgeschäftsführerin der Berliner Piratenpartei - und das ändert die Sache.

Die Piraten, die im September mit neun Prozent der Stimmen bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl für Furore sorgten und seitdem 15 Abgeordnete stellen, stehen seit ihrem Wahlerfolg im Fokus des Interesses.

Die Personalie Scherler sorgt nun vor allem für Empörung: Weil sie in ihrem Buch "Du hast die Macht über Dich" durchaus merkwürdige Thesen zu Krankheit und Tod verbreitet, bricht ein kleiner Proteststurm über die Mitarbeiterin der Piraten herein. In Blogs empören sich auch Wähler der Piratenpartei über die Ausführungen Scherlers.

Julia Reda, Chefin der Jungen Piraten, sagte SPIEGEL ONLINE: "Ich finde es vor allem befremdlich, dass sich Frau Scherler mit ihren Ansichten auch explizit an Jugendliche wendet". Scherler bietet auf ihrer Seite unter anderem Esoterik-Kurse für Abiturienten an ("Wie komme ich stressfrei durch die Abi-Prüfungen?").

"Unbewusstes Verhungern"

Allein Scherlers Buch gibt einigen Anlass für Irritationen: An einer Stelle schreibt sie etwa über das Fasten. Sie sei sich vorher sicher gewesen, die Zeit locker zu überleben. Es gebe aber Menschen, die in vergleichbaren Situationen sterben würden, "weil sie noch in ihrem begrenzten Ego-Denken gefangen sind".

Als Beispiel zieht Scherler dafür eine Flugzeugkatastrophe heran: Sie habe davon gelesen, dass nach dem Unglück in den Bergen einige der Überlebenden gestorben seien, nachdem sie drei Tage nichts zu essen hatten: "Und das, weil sie sich nicht vorstellen konnten, länger ohne Essen zu überleben. Sie manifestierten so unbewusst ihr Verhungern."

Die Verhungerten waren also selbst schuld? Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt sie, wenn es um Krankheiten geht. Diese seien die "'Quittung für (falsches) Projektionsverhalten", meint Scherler.

Zur Immunschwächekrankheit Aids fällt Scherler dies ein: "Bei der Krankheit Aids steht die Bereitschaft zur Hingabe an das ganze Leben, einschließlich seiner dunklen Seiten, im Vordergrund. Zu integrierende Lernaufgaben sind meist die Fähigkeit, sich auf einen Menschen wirklich einzulassen, oder Verbindlichkeit mit all ihren Konsequenzen in Beziehungen zu leben. Gefordert ist die Integration der Urprinzipien Pluto und Neptun."

Fraktion bleibt gelassen

Auf der Seite Scienceblogs.de wird kritisch über die Thesen Scherlers diskutiert: "Wirklich ekelhaft. Und scheinheilig", schreibt ein User. "Ich bin entsetzt. Und ich habe die Piraten gewählt", meint ein anderer. "Frisch erfolgreiche Parteien ziehen das Eso-Gesindel geradezu magisch an. Es wird Zeit für einen Selbstreinigungsprozess", meint der User "Arnd".

Und "FunkFish" stellt die Eignung Scherlers für ihren Job als Fraktionsgeschäftsführerin in Frage: Die Piraten hätten sich "Wissen und Wissenschaft auf die Flagge geschrieben", Scherler verbreite aber "Esoschwachsinn". Das Festhalten an "solchen Märchen" disqualifiziere für ein "Mitwirken in höherer Position in einer aufgeklärten und denkenden Partei".

Scherler selbst war für eine SPIEGEL-ONLINE-Anfrage am Freitag nicht erreichbar. JuPi-Chefin Reda sagte, sie habe sich an ein Mitglied der Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus gewandt, mit der Bitte, die Personalie näher zu erläutern. Man müsse nun die Begründung abwarten. "Ich persönlich hätte Daniela Scherler aber nicht eingestellt", so Reda weiter.

Die Berliner Piraten, die sich derzeit mit einer Erpressungsaffäre herumplagen, scheinen die Personalie indes gelassen zu sehen. "Solange ihre persönlichen Ansichten ihre Arbeit für die Fraktion nicht behindern, spielen diese für uns auch keine Rolle", heißt es in einem Blogpost der Piratenfraktion, der am Nachmittag veröffentlicht wurde.

Mitarbeit: Annett Meiritz



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insgesamt 168 Beiträge
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alocasia 16.12.2011
1. Immer noch besser
wie ein handaufhaltender Bundespräsident. Sie verdient ihr Geld wenigstens selbst :D
hdudeck 16.12.2011
2. Bedeutet das,
In Blogs empören sich selbst Wähler der Piratenpartei über die Ausführungen Scherlers. dass man keine Kritik mehr ueben darf, wenn man fuer eine Partei gestimmt hat ? Komische Ansicht des Autors.
jos777 16.12.2011
3. Wahrheiten über Krankheiten - 2011
Zitat von sysopDie neue Geschäftsführerin der Berliner Piratenfraktion sorgt für Wirbel. Als Nebenjob schreibt sie Esoterik-Bücher mit äußerst merkwürdigen Thesen*über Aids und*Hunger.*Piraten-Anhänger sind empört, die*Jugendorganisation der Partei spricht von einer Fehlbesetzung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,804278,00.html
- Als Nebenjob schreibt sie Esoterik-Bücher... = Sie schreibt Lebenshilfe-Bücher - mit äußerst merkwürdigen Thesen*über Aids und*Hunger. = Sie stellt bisher bekannte Thesen in Frage - Piraten-Anhänger sind empört,... = 0,5%, 3%, 50%, 100% ? - die*Jugendorganisation der Partei spricht von einer Fehlbesetzung. = wenn man es Jedem recht macht, ist man Jedermanns-Liebling. Eine grundlegende Änderung des Systems wird es dann aber nicht geben. Also soll alles so bleiben: - ein Medizin-System, welches nur noch Interessensgruppen dient (z.B. siehe Spiegel von 2011: Sinnlose Operationen....)
ecce homo 16.12.2011
4. Skandal über Skandal!
Skandal über Skandal! Was soll aus dieser jungen Partei nur werden. :) Hat man eigentlich Frau Meiritz auf die Piraten angesetzt? Und muss man nun ständig mit Artikel über irgendwelche Banalitäten rechnen, sofern diese nur irgendwie dazu geeignet scheinen, die Piraten zu diskreditieren? mfg ecce homo
elyq 16.12.2011
5. So what?
Wo ist das Problem? Wenn ich mir die kruden Thesen irgendwelcher Linkspolitiker angehöre oder die ständigen "Der-Euro-ist-sicher"-Jubelrufe aktuell in Verantwortung stehender Politiker ... und keiner regt sich darüber auf ... dann ist das ein Zeichen, dass eine neue Verfolgung anbricht. Die Dame wird doch wohl noch Meinung zum besten geben dürfen, die nicht Mainstream ist! Ich denke an Galileo, dem mit dem Scheiterhaufen gedroht wurde, wenn er sein "esoterisches Gerede" nicht widerruft.
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