Berlin-Lichtenberg Heftige Krawalle bei Nazi-Demo in Wohnviertel

Fliegende Flaschen, Sitzblockaden, Wasserwerfer - und das mitten in einem Wohnviertel: Hunderte Neonazis und Autonome haben sich zwischen Berliner Plattenbauten eine Straßenschlacht geliefert. Dutzende Demonstranten wurden festgenommen.


Berlin - Bei einer Demonstration von Rechtsextremen im Berliner Stadtteil Lichtenberg ist es am Samstag zu heftigen Ausschreitungen gekommen. Mehrere hundert Gegendemonstranten, überwiegend aus der linken Szene, versuchten immer wieder, den Zug durch Sitzblockaden aufzuhalten.

Ein Team von SPIEGEL TV berichtete von mehreren hundert auffallend jungen Demonstranten auf beiden Seiten. Anlass der Nazi-Demo war die Forderung nach einem "nationalen Jugendzentrum" gewesen. Immer wieder wurden Flaschen, Stöcke und andere Gegenstände zwischen dem Block der Rechtsextremen und den Gegendemonstranten hin und her geworfen.

Schließlich setzte die Polizei auch Wasserwerfer ein, um die Blockaden aufzulösen. Die Beamten gingen dabei teilweise grob vor: Es kam zu regelrechten "Jagdszenen" zwischen einem Wasserwerfer und einzelnen Demonstranten. Mehrere Angehörige der rechten und linken Szene sowie mindestens ein Polizist wurden leicht verletzt. Bis zum Abend wurden mindestens 70 Personen aus beiden Lagern festgenommen, sagte eine Polizeisprecherin.

Polizei von Gegendemos überrascht

Im Vorfeld der Demo war die Berliner Polizei heftig kritisiert worden, weil sie Proteste in Sicht- und Rufweite des Neonazi-Aufmarsches nicht zuließ. Der Lichtenberger Aufmarsch ist bereits die sechste Demonstration der Neonazis für ein nationales Jugendzentrum. Vor einem Jahr waren rund 550 Anhänger stundenlang durch Neukölln gezogen.

Eigentlich sollten die rechten und linken Demonstrationen durch einen massiven Polizeieinsatz von bis zu 1600 Beamten zeitlich und räumlich voneinander getrennt werden. Offenbar wurde die Polizei von der Zahl der Gegendemonstranten jedoch überrascht: Zahlreiche Einzelgruppen konnten sich laut Polizei dennoch den Neonazis nähern. Bei einer der Sitzblockaden fanden sich plötzlich Hunderte Gegner ein und versperrten den Demo-Teilnehmern den Weg.

Parteitag der Linken startet verspätet

Eine Gegenkundgebung fand am Vormittag auch im Einkaufszentrum Linden-Center in Hohenschönhausen statt. Dort demonstrierten laut Polizei rund 30 Teilnehmer vor einem Geschäft, das auch die bei Neonazis beliebte Kleidermarke Thor Steinar verkauft. Die Demonstranten hatten sich als Weihnachtsmänner und Engel verkleidet und unter anderem Flugblätter verteilt. Nach etwa zwei Stunden war die Aktion beendet.

Zu einem Zwischenfall kam es hingegen in der Schönhauser Allee im Bezirk Pankow. Dort griffen laut Polizeiangaben acht vermummte Mitglieder der linken Szene drei mutmaßliche Angehörige der rechten Szene an. Die Attackierten wurden dabei leicht verletzt.

Die Demo der Rechtsextremen zog sich vom S-Bahnhof Karlshorst durch Lichtenberg bis zum S-Bahnhof Friedrichsfelde Ost. Nach Polizeiangaben löste sich der rechtsgerichtete Zug um kurz nach 17 Uhr auf, der Zug der Gegendemonstranten etwa eine halbe Stunde später. Der Parteitag der Berliner Linken zur Neuwahl ihres Landesvorstandes begann mit deutlicher Verspätung, da zahlreiche der rund 170 Delegierten sich an den Gegendemonstrationen beteiligten.

amz/dpa

Mitarbeit: Sandra Sperber

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