Berlin Lkw rast in Weihnachtsmarkt - Polizei geht von Vorsatz aus

"Unsere Ermittler gehen davon aus, dass der Lkw vorsätzlich in die Menschenmenge gesteuert wurde": Die Polizei Berlin hat sich auf Twitter zu dem möglichen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz geäußert. Ein Tatverdächtiger wurde festgenommen.


Die Ermittler in Berlin gehen davon aus, dass der Lkw am Breitscheidplatz vorsätzlich auf den Weihnachtsmarkt gesteuert wurde. Das teilte die Polizei über Twitter mit. In einem weiteren Tweet sprach sie zudem von einem "vermutlich terroristischen Anschlag", eindeutig geklärt ist das aber noch nicht.

Ein Lkw war am Montagabend in den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche gerast. Zwölf Menschen starben, 48 wurden teilweise schwer verletzt. Das Fahrzeug wird nach Angaben der Polizei nun derzeit für die Spurensicherung abgeholt.

Aus der Sicht des nordrhein-westfälische Innenministers Ralf Jäger handelt es sich bei der Todesfahrt höchstwahrscheinlich um einen Anschlag. "Nach allem, was wir wissen, müssen wir von einem Terroranschlag ausgehen", erklärte Jäger. Ein Sprecher Jägers sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Die Informationen, die wir bisher haben, lassen uns zu dieser Bewertung kommen."

Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte dagegen am Montagabend in der ARD gesagt: "Ich möchte im Moment noch nicht das Wort Anschlag in den Mund nehmen, obwohl viel dafür spricht."

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Attacke auf Weihnachtsmarkt: "Ein schlimmer Abend für Berlin"

Festgenommener soll aus Pakistan stammen

Der dunkle Lastwagen mit polnischem Kennzeichen fuhr laut Polizei gegen 20 Uhr auf einer Strecke von 50 bis 80 Metern über den Markt und zerstörte dabei mehrere Buden. Ein weiterer Mann, der auf dem Beifahrersitz saß, starb laut Polizei vor Ort. Er war Pole.

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Ein Verdächtiger wurde am Montagabend an der Siegessäule festgenommen. Es besteht der Verdacht, dass es sich dabei um den Fahrer des Lkw handelt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE heißt der Verdächtige Naved (oder Navid) B. Behördenkreisen zufolge soll er 23 Jahre alt sein und aus Pakistan stammen.

Am 1. Februar 2016 ist er demnach nach Deutschland eingereist, einen Aufenthaltstitel hat er seit dem 2. Juni 2016. Die Angaben sind allerdings mit Vorsicht zu betrachten. Der mutmaßliche Täter könnte mit gefälschten Dokumenten und Alias-Namen operiert haben.

Bereits zuvor hatten der rbb und die Nachrichtenagentur dpa berichtet, der Festgenommene könnte aus Pakistan stammen und über Passau nach Deutschland eingereist sein. Aus Sicherheitskreisen heißt es, besonders die Kommunikationsdaten des Verdächtigen würden nun intensiv untersucht. Davon erhofft man sich Rückschlüsse, ob der Mann möglicherweise aus der Ferne vor seinem Anschlag "gecoacht" wurde.

Der für den Staatsschutz zuständige Generalbundesanwalt in Karlsruhe übernahm die Ermittlungen. Vorerst sind diverse Protokolle für mehr Sicherheit aktiviert: Mehr Polizei auf den Straßen, die Schutzmaßnahmen für weiche Ziele wie Bahnhöfe, Flughäfen werden hochgefahren, Kontrollen verstärkt.

Lkw gehört polnischer Spedition

Der Lastwagen gehörte einer polnischen Spedition, wie deren Eigentümer Ariel Z. dem polnischen Sender TVN 24 sagte. Der Fahrer, sein Cousin, sei seit etwa 16 Uhr am Montag nicht mehr zu erreichen gewesen. Für ihn könne er die Hand ins Feuer legen, dass er kein Attentäter sei. "Ihm muss etwas angetan worden sein", mutmaßte er.

Der Lkw hatte Stahlkonstruktionen aus Italien nach Berlin transportiert, berichtete Z. Wegen einer Verzögerung habe der Fahrer bis zum Dienstag warten müssen und den Lastwagen in Berlin geparkt. Die Berliner Polizei teilte dagegen mit, es bestehe der Verdacht, dass der Sattelschlepper in Polen von einer Baustelle gestohlen worden sei.

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Berlins Bürgermeister Michael Müller sagte nach den Geschehnissen, es sei "sehr bedrückend, ein Schock, weil wir immer gehofft haben, dass wir diese Situation in Berlin nicht haben werden". Die Lage vor Ort sei aber unter Kontrolle. Auch die Polizei teilte mit, es gebe keine Hinweise auf weitere gefährdende Situationen in der City nahe dem Breitscheidplatz.

Weltweit löste der mögliche Anschlag Bestürzung aus. Der designierte US-Präsident Donald Trump bezeichnete den Zwischenfall als einen "schrecklichen Terrorangriff". "Unschuldige Zivilisten wurden auf der Straße ermordet, als sie sich gerade anschickten, die Weihnachtsfeiertage zu begehen", erklärte Trump in einer Mitteilung.

Frankreichs Präsident François Hollande zeigte sich betroffen. "Die Franzosen teilen die Trauer der Deutschen angesichts dieser Tragödie, die ganz Europa trifft." Premierminister Bernard Cazeneuve schrieb bei Twitter auf Deutsch: "Ganz Frankreich steht an Deutschlands Seite."

mho/anr/dpa/AFP



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