Marzahn Hills Platte, Nazis, Hollywood

Marzahn steht für vieles - für Glanz und Glamour sicher nicht. Nun aber nimmt sich der Berliner Ostbezirk das US-Filmmekka zum Vorbild.

Von Maximilian Gerl

So sollen die "Marzahn Hills" einmal aussehen
marzahnhills.de / N. Mühlberg, K. Körber

So sollen die "Marzahn Hills" einmal aussehen


Die Ahrensfelder Berge sind eigentlich nur ein paar grüne Buckel. Kaum mehr als hundert Meter erheben sie sich ganz im Osten von Berlin. Ursprünglich waren sie nur halb so hoch, aber der Schutt, den sie hier beim Neubau der Siedlungen ringsum in den Achtzigerjahren aufgehäuft haben, hat sie wachsen lassen. Heute hat man von hier oben einen guten Blick auf das Betonmeer von Marzahn-Hellersdorf, man kann aber auch bis zum Zentrum der Hauptstadt schauen.

Bald sollen die Leute nicht mehr nur der schönen Aussicht wegen kommen. Auf den Ahrensfelder Bergen soll künftig ein Hauch von Hollywood wehen. Ein Schriftzug aus zwölf Meter hohen Buchstaben ist geplant, so wie auf den berühmten Hollywood Hills in Kalifornien. Nur soll da natürlich nicht Hollywood stehen, sondern: Marzahn.

Marzahn. Der Name verheißt nicht gerade Glanz und Glamour. Marzahn steht noch immer für Platte, Tristesse, Arbeitslosigkeit. Als bekannteste Einheimische gilt die Komikerin "Cindy aus Marzahn": eine übergewichtige Langzeitarbeitslose im pinken Schlabberlook, vom Leben zum Scheitern verurteilt. Tatsächlich stammt Cindy aus Brandenburg und lebt im Berliner Westen.

Selbstironie gegen den schlechten Ruf

Das traurige Bild von Marzahn soll nun aufpoliert werden - mit einem Wahrzeichen für einen Bezirk, "dessen Sternchen immer noch mit allem anderen außer Ruhm bekleckert werden", wie es auf der Website des Projekts heißt. Die Idee für den Schriftzug stammt von Nicole Mühlberg und Karoline Köber. Mühlberg arbeitet im Filmgeschäft, Köber im Marketingteam einer Berliner Kunsthochschule. Beide hatten das miese Ansehen ihres Viertels satt und beschlossen, ein Zeichen zu setzen. Seitdem sammeln sie Spenden und suchen Sponsoren. Für sie sind die sogenannten Marzahn Hills der "selbstbewusste und selbstironische Umgang mit dem Image von Marzahn".

Blick von den Ahrensfelder Bergen auf Marzahn
SPIEGEL ONLINE

Blick von den Ahrensfelder Bergen auf Marzahn

"Marzahn ist viel besser als sein Ruf", sagt auch Bezirksbürgermeister Stefan Komoß. Stolz führt der SPD-Mann durch Marzahn-Hellersdorf, wie der Verwaltungsbezirk offiziell heißt, dabei sagen selbst die Hellersdorfer Marzahn. Komoß zeigt sanierte Wohnblöcke, neue Schulgebäude, Parks, eine Einkaufspassage mit Kletterhalle. Sogar ein Kinderforschungszentrum gibt es, Kinder sollen dort spielerisch die Naturwissenschaften kennenlernen. "Einmalig in Deutschland", sagt Komoß.

Grund für derlei Schwärmereien gab es in Marzahn lange nicht. Vor der Wende war Marzahn ein DDR-Siedlungsprojekt. Nach der Wende folgte ein kurzer Boom, als sich viele Russlanddeutsche ansiedelten. Die Bevölkerung stieg auf fast 300.000. Ab 1994 hieß es: Wer kann, sucht das Weite. Marzahn verlor 60.000 Menschen.

Inzwischen scheint die Trendwende geschafft. Rund 260.000 Menschen leben wieder in Marzahn. Die wirtschaftliche Entwicklung macht Hoffnung. Die Arbeitslosenquote ist auf 9,6 Prozent gesunken und niedriger als der Berliner Durchschnitt. Vor acht Jahren betrug sie 16 Prozent.

In den vergangenen Jahren schloss Komoß 60 von 110 Schulen, weil es so wenige Kinder gab. Heute ziehen wieder junge Familien aus anderen Berliner Bezirken zu, der niedrigen Mieten wegen. "Kaum hast du die Schulen abgerissen, könntest du zehn brauchen", sagt Komoß. Es klingt, als wäre ihm der neue Boom fast unheimlich.

Bezirksbürgermeister Stefan Komoß vor dem Rathaus in Marzahn-Hellersdorf
SPIEGEL ONLINE

Bezirksbürgermeister Stefan Komoß vor dem Rathaus in Marzahn-Hellersdorf

Bald bekommt Marzahn sogar eine Seilbahn. Mit ihr sollen Besucher über den Freizeitpark "Die Gärten der Welt" schweben. 2017 findet dort die Internationale Gartenausstellung statt, der Bezirk hofft auf 1,2 Millionen Gäste. Die Stützen für die Bahn stehen bereits.

Hollywoodschriftzug, Park mit Seilbahn, Touristen - Marzahn scheint auf dem Weg der Besserung. Wäre da nicht die rechtsextreme Szene, die immer wieder für Negativschlagzeilen sorgt. 2015 hat sich im Bezirk die Zahl fremdenfeindlicher Vorfälle auf rund 300 verdreifacht. Hier erprobte die NPD ihre "Nein zum Heim"-Kampagne gegen Flüchtlinge, bevor sie die ins übrige Deutschland exportierte. Unterkünfte und Parteibüros wurden mit Steinen oder Buttersäure angegriffen. Es gab Schläge und Drohungen gegen Migranten, Journalisten und Homosexuelle.

Von den Russlanddeutschen abgesehen, lebten hier früher nur wenige Migranten. Komoß sagt, einige Marzahner hätten Angst vor den Fremden, die jetzt kämen: "Sobald sie sehen, dass das Zusammenleben problemlos funktioniert, verschwinden die Vorurteile." Es gebe eine starke Zivilgesellschaft, die sich gegen rechte Umtriebe wehre. Wie gut, wird der 18. September zeigen, wenn in Berlin gewählt wird.

Komoß läuft zwischen zwei renovierten Plattenbauten entlang. "Eigentlich ist das hier ein Brennpunk", sagt er, "uneigentlich lässt es sich gut leben." Es sei schwierig, gegen den schlechten Ruf Marzahns anzukämpfen, zu fest habe der sich bei vielen festgesetzt. "Aber wenn die Leute mal da sind, sehen sie: So schlimm ist es ja hier gar nicht."

Wenn 2017 die Leute zur Gartenausstellung reisen, können sie vielleicht auch die Marzahn Hills bewundern. "Das hängt davon ab, wann der Bauantrag genehmigt wird - daran sitzen wir derzeit - und wann das Projekt durchfinanziert ist", schreiben die Organisatorinnen Mühlberg und Körber in einer E-Mail. Sie rechnen pro Buchstaben mit Kosten im niedrigen fünfstelligen Bereich. "Jede Spende ist weiterhin willkommen."

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
naklar261 26.03.2016
1. bitte umsetzen dieses Projekt
und zwar schnell, ich wuerde das gerne sehen...wie viel kann sowas schon kosten? Hoechsten soviel wie der BER schaetze ich...
multi_io 26.03.2016
2.
Ich find's gut. Wird aber wahrscheinlich zerredet und verteufelt werden, wie bei derartigen Projekten in D üblich.
mattbarna 26.03.2016
3. Germany Copy Cat
Immer schön alles von den Anderen abgucken. Das gilt nicht nur für Unternehmen sondern scheinbar auch für den Bürgermeister von Marzahn.
dergenervte 26.03.2016
4. 2017
Bis 2017 wird es nichts mit dem Schriftzug. In Berlin dauert es im Durchschnitt 4 Jahre bis ein Bauantrag genehmigt wird. Bis dahin springen die Investoren wieder ab.
Ontologix II 26.03.2016
5. Hollywood - Kronstadt/Brasov - Marzahn
So einen Schriftzug gibt es auch in Transsylvanien, in der Nähe des Dracula-Schlosses: https://de.wikipedia.org/wiki/Brașov
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