Obdachlose im Regierungsviertel Platte machen in Merkels Vorgarten

Hier die politischen Eliten, dort die Ärmsten der Armen: Mitten im Berliner Regierungsviertel schlafen Obdachlose, nur wenige Hundert Meter vom Kanzleramt entfernt. Der Winter macht ihr Leben noch härter.

Von Maximilian Gerl

SPIEGEL ONLINE

Peer* hat Kinder. Sie leben nicht bei ihm auf der Straße, sondern bei den Großeltern in den Niederlanden. Peer zuckt mit den Schultern. "Was sollen die hier", sagt er. "Den Kindern geht es da besser."

Peer ist obdachlos. Trotz Schnee und Eis campiert er mitten in Berlin am Ludwig-Erhard-Ufer, im Herzen des Regierungsviertels. Ein paar Meter vor ihm fließt die Spree. Hinter Peer, ein paar Hundert Meter entfernt, ragen Kanzleramt und Bundestag empor.

Menschen, die regieren, und Menschen, die überleben: In Deutschlands Hauptstadt kommen sich die Mächtigen und die Unmächtigen ganz nahe. Zumindest im Winter, wenn Obdachlose am Ludwig-Erhard-Ufer ihre Zelte aufschlagen. Das ist zwar verboten. Aber solange das Bezirksamt keine Mitarbeiter vorbeischickt, bleiben sie.

Ungefähr 3000 Obdachlose leben in Berlin, so die offizielle Schätzung. Sozialarbeiter schätzen aber, es könnten in Wahrheit doppelt so viele sein. "Es fehlen mindestens 1500 Notbetten", sagte der Leiter der evangelischen Bahnhofsmission am Zoo, Dieter Puhl, dem "Tagesspiegel". Der Senat tue zu wenig, klagte er, seit Jahren steige die Zahl der Obdachlosen. Doch das Budget für Einrichtungen bleibe gleich. Die Stadt bemüht sich, die Helfer zu entlasten - erst vor Kurzem ließ Sozialsenator Mario Czaja (CDU) die Zahl der Notbetten wieder erhöhen, mittlerweile gibt es 836 Notschlafplätze in Berlin.

Erfroren auf dem Kudamm

Sinken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt, öffnen die Berliner Verkehrsbetriebe einige Bahnhöfe, als Notlösung für die Obdachlosen. Probleme mit Fehlverhalten der Wohnungslosen gab es nie, heißt es aus der Zentrale. Ganz im Gegenteil: Die U-Bahn-Wachen seien vielmehr angehalten, Obdachlose vor aggressiven Passagieren zu schützen. Es gibt geförderte Wohnprojekte, öffentliche Duschen und Toiletten, Kältebusse. Manchmal nutzen aber alle Initiativen nichts. Im Januar fanden Passanten einen Toten auf dem Kurfürstendamm, vermutlich erfror er.

Zelt an der Spree: Geschätzt leben bis zu 6000 Obdachlose in Berlin
SPIEGEL ONLINE

Zelt an der Spree: Geschätzt leben bis zu 6000 Obdachlose in Berlin

Peer gehört zu denen, die lieber draußen schlafen. Er und seine Kumpel, wie er sie nennt, meiden die Notunterkünfte. Dort sei es ihm zu voll, sagt er, zu laut, und der Gestank der anderen kaum zu ertragen. In die Missionen gehe er nur, um etwas zu essen, sich zu waschen oder sich aufzuwärmen.

Die Zelte von Peer und seinen Kumpeln stehen nebeneinander unter Betonstreben, die die Aussichtsterrasse am Spree-Ufer stützen. Hier sind die Obdachlosen einigermaßen vor Wind und Wetter geschützt.

Fünf, sechs, sieben Euro am Tag

Mit festen Gebäuden hat er es nicht so, sagt Peer. Am meisten hasse er den Hauptbahnhof. Dorthin geht er, um einzukaufen. In manchen Geschäften habe er Hausverbot. "Die denken, ich will klauen." Sicherheitsleute sollen ihn am Arm gepackt, geschubst haben. Respektlosigkeit ärgert Peer. "Wir sind keine Tiere, wir sind Menschen."

Wie Leute auf ihn reagieren, beschäftigt Peer. Immer wieder erzählt er von Begegnungen mit Polizei, mit Security, mit Passanten. Einmal sei er versehentlich mit jemandem zusammengestoßen. Da habe ihn die Person festgehalten und gerufen: Du hast meine Brieftasche gestohlen. Dabei stiehlt Peer schon lange nicht mehr, versichert er. Stattdessen sammle er Flaschen. Fünf, sechs, sieben Euro verdiene er so am Tag. Genug, um sich Brot, Milch oder eine Flasche Wodka zu leisten.

2014 führte die Technische Universität München die sogenannte Seewolf-Studie durch, eine der größten deutschen Untersuchungen zur Wohnungslosigkeit. Ihr zufolge sind rund 80 Prozent der Obdachlosen suchtkrank, etwa zwei Drittel leiden an einer psychischen Erkrankung. Es gibt Sozialstationen, die Hilfe anbieten, doch nicht alle nehmen sie an. Manchmal wirken auch die Helfer selbst überfordert. "Das Sozialamt ist personell auf die rapide steigende Zahl der Vorsprachen und Ansprüche nicht eingestellt", schreibt das Bezirksamt von Berlin Mitte vergangenen September.

"Ich finde die tollsten Sachen"

Peer ist schwer zu verstehen, er spricht ein Gemisch aus Niederländisch, Deutsch und Englisch. Er sagt, dass er früher Scharfschütze in der Armee war, und verheiratet. Dann kam der Absturz, Drogen, er landete im Gefängnis. Er scheint darüber nicht gern zu reden. Seine Sätze werden unverständlicher. Irgendwann wechselt er das Thema.

Heute lebt Peer in seinem kleinen Zelt. Er kriecht hinein, holt ein Smartphone, der Bildschirm ist gesplittert. "Gefunden", sagt er. "Ich finde die tollsten Sachen, da kann ich dir Geschichten erzählen." Einmal überraschte er ein Pärchen beim Sex unter freiem Himmel. Ein anderes Mal fand er eine Packung Marihuana. Peer hat es aufgeraucht.

Obdachlose campieren in Sichtweite zum Kanzleramt
SPIEGEL ONLINE

Obdachlose campieren in Sichtweite zum Kanzleramt

Es ist Peers zweiter Winter am Ludwig-Erhard-Ufer. Er habe schon an vielen Orten gepennt, sagt er, es aber nirgends lange ausgehalten. Außer hier, im Regierungsviertel. Seine Kumpel sind Polen, Tschechen, Deutsche. Manche leben ständig in Berlin, manche ziehen von Stadt zu Stadt oder ins Ausland. Über die Hälfte aller Berliner Obdachlosen stammen vermutlich nicht aus Deutschland.

Ob Peer heim in die Niederlande will zu seinen Kindern, weiß er offenbar selbst nicht genau. Peer widerspricht sich manchmal. Einmal sagt er, seinen Kindern gehe es besser ohne ihn. Ein andermal lässt er durchblicken, dass er schon gern zu ihnen reisen wolle. Er habe seine Papiere verloren, erzählt er, aber um neue zu bekommen, wolle die Botschaft Geld, zu viel Geld. Ohne Papiere komme er nicht nach Hause.

Was Peer an diesem Tag glücklich macht, ist ein Rucksack, den er am Alexanderplatz gefunden hat. Ein Riss an der Seite, ansonsten gut in Schuss. Stolz präsentiert er den Rucksack einem Kumpel. Der hebt den Daumen.

"Ich finde die tollsten Sachen", sagt Peer wieder. "Da kann ich dir Geschichten erzählen."

*Name von der Redaktion geändert

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
joG 29.01.2016
1. Aber das ist nicht neu....
....denn als ich vor Jahren von den Vierjahreszeiten aus einen Abendspaziergang machte, es war bitter kalt, kam ich an einem Herrenausstatter vorbei. Unter einem Ausgestelten Kiton Anzug lage ein Straßenmensch und schlief im kalten Dreck, während über seinem Kopf das Preisschild 4500.- hinter Glass leuchtete.
swandue 29.01.2016
2.
Obdachlose werden zwar nur bescheiden versorgt, aber immerhin gut erforscht. Teilweise ist es aufgrund ihres eigenen Verhaltens oder weil sie den zu engen Kontakt zu anderen Obdachlosen lieber meiden, schwierig zu helfen. Eine Kommune, die ihre Bemühungen in diesem Bereich erhöht, muss damit rechnen, dass sich auch die Nachfrage erhöht, weil sie dann attraktiver wird im Vergleich zu anderen Kommunen. Vertrackt . . .
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.