Anschlag am Breitscheidplatz Amri-Überwachung lieferte Hunderte Hinweise auf Straftaten

Nach dem Lkw-Anschlag in Berlin setzte die Polizei eine Taskforce ein, um die Ermittlungen gegen Attentäter Amri aufzuarbeiten. Ihr Bericht listet nach SPIEGEL-Informationen schwere Fehler auf.

Tatort am Berliner Breitscheidplatz
DPA

Tatort am Berliner Breitscheidplatz


Interne Ermittler haben weitere grobe Versäumnisse der Berliner Polizei im Fall des Attentäters Anis Amri entdeckt. So wurden zahlreiche abgehörte Telefonate nicht übersetzt und Observationen zu früh beendet - und damit Chancen verpasst, Amri vor dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz ins Gefängnis zu bringen. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

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Heft 16/2018
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Das geht nach SPIEGEL-Informationen aus dem 188 Seiten langen Bericht der Taskforce "Lupe" hervor, die der Berliner Polizeipräsident im Mai vergangenen Jahres eingesetzt hatte. Die Berliner Ermittler, so heißt es in dem Bericht, hätten es versäumt, "Vorgänge zusammenzuführen, Ermittlungen zu bündeln und auszuweiten sowie zielgerichtet Maßnahmen der Inhaftierung oder der Abschiebung gegen ihn zu initiieren".

Insgesamt stellte die Taskforce 254 Mängel im Umgang mit Amri fest, 32 bezeichnet sie als schwer, weil sie sich auf das Ermittlungsergebnis ausgewirkt hätten. So sei zum Beispiel in 590 der abgehörten Telefongespräche von strafbaren Handlungen die Rede gewesen, es habe klare Hinweise auf mindestens zehn verschiedene Straftaten Amris gegeben. Die Ermittler hatten allerdings jedes vierte Telefongespräch erst gar nicht auf Deutsch übersetzen lassen. Andere Dialoge seien nur unzureichend übersetzt worden.

"Grob lückenhafte Aktenführung"

Insgesamt rügten die Kontrolleure eine "grob lückenhafte Aktenführung". Konkrete Hinweise auf einen geplanten Anschlag habe es in den zwischen April und September 2016 abgehörten Telefonaten nicht gegeben. Allerdings bezeichnete Amri sich selbst als "Krieger", seine eigene Familie in Tunesien hielt ihn für einen Terroristen.

Anis Amri hatte wenige Tage vor Weihnachten 2016 in Berlin einen Lkw-Fahrer erschossen und dessen Sattelschlepper auf den Breitscheidplatz gesteuert, wo elf Menschen starben. Amri konnte fliehen und wurde wenige Tage später in Italien von der Polizei erschossen. In einem von der Terrororganisation "Islamischer Staat" veröffentlichten Video bekannte er sich zu der Terrorgruppe.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

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kno/wow

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Seite 1
***** 14.04.2018
1. Unglaubliche Schlamperei
Die schaffen das einfach nicht. Ueber Verdaechtige werden Akten angelegt und diese dann lediglich verwaltet. Deutsche Gruendlichkeit eben.
steinbock8 14.04.2018
2. wen wundert es
schlecht bezahlt schlecht behandelt unterbesetzt und die innere Kündigung schon vollzogen die Berliner Polizei hat Millionen Überstunden angesammelt mit wenig Aussicht auf Ausgleich der Vorwurf muss an die Politik gehen allerdings werden dann wieder Allgemeinplätze geflötet und die Konsequenz weiter so
frenchie3 14.04.2018
3. Hinterher ist man immer schlauer
Mich interessieren auch die Bedingungen unter denen gearbeitet wurde. Gab es genug Mittel? Und mit welchem Aufwand muß man jeden einzelnen bekannten Gefährder überwachen um den bekennenden Terroristen zu finden? Wie sehen die Verbindungen unter den Abteilungen unter dem Gesichtspunkt Datenschutz aus, usw? Man sollte vor allem aus all diesen Fehlern lernen und deren Vermeidung sofort in die Strategie mit aufnehmen, passende Infrastrukturen schaffen wo es fehlt. Und verpasste Abschiebung vorzuwerfen ist schon fast Satire wo man bei jedem Abschiebeflug die Menschenrechtler von der Startbahn schieben muß. Es wird die Betroffenen niemals trösten, aber wenn die Aufarbeitung zu besseren Methoden führt hatte es wenigstens ein bißchen Sinn
tallinn1960 14.04.2018
4. Hätte einfach festgenommen werden können
"Am 30. Juli nahmen Bundespolizisten Amri in Friedrichshafen (Baden-Württemberg) fest, als er mit zwei gefälschten italienischen Ausweisen in die Schweiz reisen wollte. – Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/28575030 ©2018" Bei Amri wäre daraufhin ein Untersuchungshaftbefehl ohne weiteres möglich gewesen, im Sinne der Strafverfolgung ggf. sogar geboten. Das Amri hier freiblieb, ist für mich der unverständlichste Punkt in der Geschichte. Ich hab da bloss eine Verschwörungstheorie im Angebot: man liess Amri weiter frei herumlaufen, weil man hoffte, über ihn weitere Gefährder zu finden.
erdmann.rs 14.04.2018
5. Mangelhafte Amri-Überwachung
Wurde die Taskforce zur Aufklärung von Mängeln bei der Überwachung Amris von der Politik angeordnet oder geschah sie auf polizeiinterne Veranlassung? Ein großes Interesse daran müssten beide haben. Jetzt liegt ein umfassender und vielleicht auch abschließender Bericht über die zahlreichen Versäumnisse der Polizei vor. Von 234 Mängeln ist die Rede, 32 davon schwerwiegende Fehler, die das Ermittlungsergebnis erheblich beeinträchtigt hätten. Zwei Fragen ergeben sich daraus: 1.) Wenn die Fehler so genau herausgearbeitet werden konnten, muss man wissen, w e r sie gemacht hat. Welche Konsequenzen hat das für die verantwortlichen Personen? 2.) Was gedenken die Berliner Polizei u n d Politik zu tun, damit sich so etwas nicht wiederholen kann?
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