Wahlkampf in Berlin Wem gehört "Oma Anni"?

Anni Lenz, 95 Jahre, gilt als Mietrebellin aus Berlin-Reinickendorf. Die Linke hat sie für den Wahlkampf entdeckt. Doch nun meldet auch eine andere Partei Ansprüche an.

Die Linke Berlin

Am 18. September wählt Berlin ein neues Parlament, deshalb wird die Hauptstadt gerade mit Plakaten vollgeklebt. Die meisten Motive sind nicht sonderlich originell, aber einige fallen auf. Zum Beispiel das Plakat vom SPD-Bürgermeister Michael Müller mit einer Kopftuch tragenden Frau, was in der Flüchtlingskrise als mutiges Statement gilt.

Oder das vom CDU-Spitzenkandidaten Frank Henkel, auf dem er "mehr Videotechnik" verspricht - was spontan Fantasien über eine Gratisverteilung von Retro-Camcordern anregt.

Seit einigen Tagen sorgt auch ein Plakat der Linken für Gesprächsstoff. Darauf schaut eine alte Dame verschmitzt aus Fensterrahmen, die schon sehr lange nicht mehr gestrichen wurden. "Mietrebellin" sagt ein Schriftzug, "Oma Anni bleibt".

Tatsächlich ist "Oma Anni" in der Lokalpresse so etwas wie eine Symbolfigur des Widerstands gegen Mieterhöhungen. Mit vollem Namen heißt sie Anni Lenz und ist 95 Jahre alt. Die Rentnerin wohnt seit mehreren Jahrzehnten in der Siedlung Am Steinberg in Berlin-Reinickendorf.

2014 wurde Lenz viel und häufig als Fallbeispiel zitiert und fotografiert, als sie sich gegen die Sanierung und Mietenerhöhung in ihrem Viertel engagierte ("Die kriegen mich hier nicht raus"). Ein privater Investor hatte das Gelände gekauft und bewirbt es im Internet als Projekt "Stonehill Gardens". Einige Mieten sollen durch Modernisierungen von knapp 400 auf 1700 Euro ansteigen, wie der "Berliner Kurier" vorrechnete. Die Verhandlungen zwischen Mietern und Eigentümer laufen noch immer.

"Ich bin nicht für Die Linke"

Zwei Jahre nach der ersten Aufregung haben die Berliner Linken nun Anni Lenz als Plakatmodel gebucht. "Die haben mich gefragt und ich hab Ja gesagt", zitiert der "Kurier" die alte Dame.

Allerdings: Taugt "Oma Anni" überhaupt als Linken-Ikone? Eigentlich nicht, schreibt das Boulevardblatt, denn Anni Lenz wählt SPD. "Ich bin nicht für Die Linke. War immer SPD, das bleib ich auch."

Die Aussage sorgte bei den örtlichen Parteien für einen kleinen Streit, schließlich ist Wahlkampf. Auf Twitter reklamierte die Berliner SPD "Oma Anni" stolz für sich. Der Linken-Spitzenkandidat Klaus Lederer entgegnete, dass Mieterinnen wie Anni Lenz von der SPD doch nur "in den Arsch getreten" würden.



Hinter dem Scharmützel steckt ein ernsthaftes Problem: Wie in vielen Großstädten ist bezahlbarer Wohnraum auch in Berlin ein absolutes Reizthema. Nach Jahrzehnten der moderaten Mieten sind in der Hauptstadt die Preise rasant angestiegen, viele Parteien werben mit Slogans gegen die Wohnungsknappheit. Ob es nützt, ist fraglich: Schon jetzt halten sich viele Vermieter nicht an die von der Bundesregierung beschlossene Mietpreisbremse.

In Berlin heißt das Landesparlament Abgeordnetenhaus, bei der Wahl im September kämpft SPD-Bürgermeister Michael Müller darum, im Amt bleiben zu können. Im Dezember 2014 hatte Müller den langjährigen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit abgelöst. Im Wahl-O-Mat für Berlin können Sie testen, welche Partei am ehesten Ihre Ansichten vertritt.

Offiziell gehen die Strategen der Linken betont gelassen damit um, dass Anni Lenz' politisches Herz für eine andere Partei schlägt. "Schon in Ordnung", sagte Wahlkampfleiterin Katina Schubert dem "Kurier".

Man gönnt sich ja sonst nichts. Vor allem nicht in Wahlkampfzeiten.

amz



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