Todesfahrt über Berliner Weihnachtsmarkt Unfassbare Stille

Mindestens zwölf Menschen starben, weitere 48 wurden verletzt: In Berlin ist ein Lkw-Fahrer auf einem Weihnachtsmarkt in eine Menschenmenge gerast. Die Hauptstadt steht unter Schock. Szenen und Eindrücke von vor Ort.

Polizei Berlin

Aus Berlin berichten , , , und


Was als Erstes auffällt, ist die Stille. Am Berliner Breitscheidplatz flackern die Blaulichter von Polizei- und Krankenwagen, doch Sirenen sind keine zu hören. Fernsehreporter blicken konzentriert in Kameras und erklären ihre Eindrücke. Ansonsten ist es ruhig.

Dabei ist hier, direkt neben der Gedächtniskirche mit der berühmten Turmruine, Furchtbares passiert. Am Montagabend gegen 20 Uhr raste ein Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz, mitten in eine fröhliche Menge, mitten in die Stände mit Glühwein, Leckereien und Tand.

Der Breitscheidplatz ist der zentrale Platz im Westen der deutschen Hauptstadt, jedes Jahr steht hier einer von etlichen Weihnachtsmärkten. Zeugen beschreiben, wie der grau lackierte Sattelschlepper mit polnischem Kennzeichen durch eine Budengasse fuhr.

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Fotos und Videos unmittelbar nach dem Vorfall zeigen zersplittertes Holz und am Boden liegende Menschen. Der Lkw, so rekonstruiert die Polizei, sei 50 Meter über den Markt gefahren, bevor er abbog, eine weitere Bude rammte, und auf einer benachbarten Hauptstraße zum Stehen kam.

Nach offiziellen Angaben gibt es zwölf Todesopfer und mindestens 48 Verletzte, darunter auch Schwerverletzte. Manche wurden vom Lkw erfasst, andere von herunterfallenden Holzbalken getroffen.

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Angriff in Berlin: Der Tag nach der Katastrophe

Der mutmaßliche Fahrer des Lkw wurde auf der Flucht gefasst, sein Beifahrer ist nach Polizeiangaben tot (verfolgen Sie alle aktuellen Ereignisse in unserem Newsblog). Die Behörden gehen von einem Anschlag aus, prüfen aber auch die Möglichkeit eines Unfalls.

Maschinenpistolen und Schaulustige

Am Abend bleibt der Platz um die Gedächtniskirche weiträumig abgesperrt, Polizisten sichern mit Maschinenpistolen das Gelände. Einige Passanten verharren zunächst in der Sperrzone, darunter Mitarbeiter der angrenzenden Geschäfte, etwa aus dem Europa Center. Viele filmen das Geschehen mit ihren Handys, andere starren fassungslos vor sich hin. Es gibt auch Schaulustige, die vor der Polizeiabsperrung Selfies machen.

Martin Germer, Pfarrer der Gedächtniskirche, ist erschüttert. "Unter den Opfern sind Schausteller, die wir seit Jahren kennen. Die Gedächtniskirche ist ein Ort des Gedenkens und Friedens." Er hält es für möglich, dass der Ort "bewusst gewählt" wurde.

Polizeisprecher Winfried Wenzel gibt bei nasskaltem Wetter ein Interview nach dem anderen, im Hintergrund steht der Lkw mit seiner dunklen Plane. Der Lastwagen habe sich "zwischen den Ständen mit hoher Geschwindigkeit bewegt", sagt er.

Einsatzkräfte am Breitscheidplatz
DPA

Einsatzkräfte am Breitscheidplatz

Über den oder die Täter ist wenig bekannt. Eine männliche Person flüchtete aus dem Führerhaus, heißt es. Im Bereich der Siegessäule, gut einen Kilometer vom Tatort entfernt, sei wenig später ein Tatverdächtiger festgenommen worden. Eine zweite Person, wahrscheinlich der Beifahrer, starb in den Armen der Rettungskräfte. Wenzel betont immer wieder: Es sei zu früh, um von einem Terroranschlag zu reden.

Tatsächlich verhalten sich Medien und Beobachter in Berlin vorsichtig und besonnen. Zwar drängt sich sofort ein Vergleich mit dem Terroranschlag auf der Strandpromenade von Nizza auf, wo ein weißer Lastwagen in Besuchermengen raste und mehr als 80 Menschen tötete.

Doch die Berliner Polizei versucht, Fakten zu liefern; die Beamten warnen in sozialen Netzwerken vor Spekulationen. Noch sind es Bruchstücke, die das Geschehen leidlich zusammenfügen. Gerüchte von weiteren Tätern auf der Flucht zerstreuen sich schnell, die Polizei gibt Entwarnung: Es gebe "keine Anhaltspunkte, dass gefährliche Personen im Stadtgebiet unterwegs sind".

Kinobesucher schauen überrascht auf rennende Menschen

Doch sollte sich bewahrheiten, dass der Lkw gezielt für einen Anschlag genutzt wurde, wäre das eine Zäsur. So eine Tat kurz vor Weihnachten, an einem der belebtesten Orte Deutschlands - ein Albtraum. Sicherheitsbehörden warnen seit Jahren konstant vor einer Terrorgefahr in Deutschland. Im Sommer erschütterte eine Anschlagsserie den Süden der Republik. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte am späten Abend, vieles spreche für einen Anschlag.

Es sind Ängste vor unberechenbaren Attentaten, die die Menschen in der Gegend um den Weihnachtsmarkt aufwühlen und verunsichern. Um kurz nach 22.30 Uhr werden ein paar Hundert Leute durch eine Seitentür des Kinos Zoo Palast ins Freie gelassen, Polizisten in Signalwesten eskortieren sie.

Georg Gielen und sein Bruder Max, beide Berliner und Mitte 20, haben gerade den neuen "Star Wars"-Film gesehen. Kaum aus dem Kino, sehen sie Menschen davonrennen, sehen sie unzählige Polizeiwagen. Georg schaut auf sein Handy, er hat ein Dutzend Anrufe von Freunden und Familie. Sie fragen, ob es ihnen gut gehe. Der Lkw liegt im Flutlicht wie ein gestrandeter Walfisch.

"Das ist es also, was wir alle befürchtet haben", sagt Georg. "Das ist jetzt der Terror in Deutschland." Er ruft seine Mutter an. Auf die Glastüren des Kinos werden Zettel geklebt, dass alle Spätvorstellungen bis auf Weiteres ausfallen.

Polizist am Weihnachtsmarkt
AFP

Polizist am Weihnachtsmarkt

Anderswo in Berlin ist die Stimmung entspannter. Die Laufbänder des Nahverkehrs informieren, dass einige Buslinien "wegen eines Feuerwehreinsatzes" umgeleitet werden. Die Stadt ist etwas leerer als sonst, aber das kann auch an den nahenden Feiertagen liegen.

"Das ist schon schlimm", sagt eine junge Frau im U-Bahnhof Jannowitzbrücke, geschminkt, mit Handtasche und in Ausgehmontur, zu ihrem Gesprächspartner am Telefon. Aus Angst zu Hause bleiben dürfe man allerdings nicht. Das sei schließlich genau das, was "die" wollten. "Ich lass mir doch meinen Spaß nicht verderben!"

Am Dienstagmorgen wollen die Polizei und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), über weitere Details informieren.

Protokoll: Annett Meiritz



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