Streit um Asylbewerberheim in Berlin Der überforderte Kiez

Im Berliner Bezirk Hellersdorf wird eine ehemalige Schule zu einem Asylbewerberheim umgebaut, Ende des Monats sollen die ersten Flüchtlinge kommen. Anwohner sind verunsichert, viele lehnen die Unterkunft vor ihrer Haustür ab. Die NPD versucht die Stimmung für sich zu nutzen.

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Berlin - Viel musste er sich schon anhören: "Ich habe erfahren, ihr beschäftigt Polen, da wollte ich doch mal schauen." Oder: "Mal sehen, wann es hier brennt." Eine Drohung? "Hunde, die bellen, beißen nicht", sagt der Mann, aber weiß man es? Er zuckt mit den Schultern, seinen Namen will er lieber nicht nennen.

Er arbeitet für ein privates Unternehmen, das sich im Auftrag der Stadt Berlin um den Umbau der seit Jahren leerstehenden Max-Reinhardt-Schule im Bezirk Marzahn-Hellersdorf kümmert. Einen Umbau, den viele im Kiez ablehnen. Das ehemalige Gymnasium, drei graue vierstöckige Plattenbauten, ein mit Unkraut zugewucherter Schulhof, wird zu einem Asylbewerberheim umfunktioniert, so hat es der Bezirk kürzlich entschieden.

Bauarbeiter sind nun dabei, aus Klassenzimmern Wohnräume zu machen - auch an diesem Samstag, die Zeit drängt. Erst soll das Gebäude 200, später einmal 400 Flüchtlingen Zuflucht bieten. Ende Juli sollen die ersten 50 Asylsuchenden aus Syrien und dem Irak kommen.

Mischung aus Ängsten und Vorurteilen

Fremde, die im Kiez nicht so recht erwünscht sind. Das Wort Asylbewerberheim macht hier Angst, erinnert es doch an 1992, an den Überfall des Flüchtlingsheims in Lichtenhagen, randalierende Neonazis, Anwohner, die zuschauten. In den bunt angemalten DDR-Plattenbauten, die sich kilometerweit am nordöstlichen Rand Berlins aneinanderreihen, wollen die Leute vor allem eins - ihre Ruhe.

Und so ist "aber" das Wort, das man häufig zu hören bekommt, wenn über das Flüchtlingsheim gesprochen wird. Dann folgen Erklärungen wie: "Das alte Gebäude ist aber doch gar nicht geeignet für die Flüchtlinge" oder "Uns fehlen aber doch Schulen, unsere Schülerzahlen wachsen". Es ist eine verquere Melange aus Ängsten und Vorurteilen in einem Viertel, in dem Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit hoch sind, der Alkohol bei manch einem schon am Morgen fließt.

Nicola Ponitka ist eine der wenigen im Kiez, die ihren Ausländerhass direkt und mit Namen äußert. Die 18-jährige Mutter sagt Sprüche wie: "Ausländer machen Dreck und Müll, bringen Kriminalität. Ich will eine Mauer um Deutschland."

"Die haben uns überrumpelt"

Ein Bewohner, der gegenüber der Schule wohnt und anonym bleiben will, formuliert es so: "Jetzt kommt da so was rein - der Asylant." Alle im Block hätten Angst, um ihre Kinder, ihre Autos, sagt er, als er Hundefutter und Brot aus seinem grünen Kleinwagen lädt. "Die haben uns überrumpelt", schimpft er.

Mit die meint er den Bezirk und die Politiker. Diese haben im Fall des Hellersdorfer Flüchtlingsheims in der Tat keine gute Figur gemacht - trauriger Höhepunkt: eine Informationsveranstaltung am Dienstag. Bis zu 900 Anwohner waren gekommen, um sich über das Asylbewerberheim zu informieren, angereist waren auch 70 NPD-Anhänger aus Berlin und Brandenburg. Sie nutzten den Abend, um Stimmung zu machen. Es war kein guter Abend für Hellersdorf, von den Politikern widersprach den Rechtsextremen so gut wie niemand.

Immer wieder ergriffen sie das Mikrofon - auch NPD-Landeschef Sebastian Schmidtke, der vom Landesverfassungsschutz als langjährig aktiver Neonazi bezeichnet wird. Auf einigen T-Shirts von Teilnehmern stand laut Beobachtern das Datum: 22. bis 26. August 1992 - die Tage von Rostock-Lichtenhagen. "Nein zum Heim", "Volksverräter", "Lügen" skandierten Mitglieder der NPD. Linke riefen "Nazis raus", es kam zu Rangeleien.

Von Pogromstimmung sprach später die Linken-Bundestagabgeordnete Petra Pau. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD), sah sich genötigt, die Berliner zur Besonnenheit zu mahnen.

Lärm gegen NPD-Parolen

Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD) nennt die Veranstaltung "schlimm". Er hatte mit dem für Asylbewerber zuständigen Landesamt für Gesundheit und Soziales dazu eingeladen. Komoß muss sich nun Fragen gefallen lassen, warum das Treffen so eskaliert ist. Er steht am Samstag auf dem Platz vor dem Rathaus Hellersdorf, Demonstranten rufen "Nazis raus" und "Haut ab". Laute Musik dröhnt aus Boxen, Trillerpfiffe ertönen.

Die NPD versucht wenige Meter weiter einmal mehr, gegen Ausländer zu hetzen. Sie tourt an diesem Tag mit einem Laster durch die Hauptstadt, darauf prangt die Aufschrift "Einwanderung stoppen!" Das NPD-Fahrzeug hält auch vor dem Asylbewerberheim. Ein Anhänger macht Fotos - eine Provokation. In Kreuzberg, an der ersten geplanten Station, waren die Rechtsextremen am Morgen allerdings erst gar nicht aufgetaucht, 450 Gegendemonstranten warteten dort.

Doch in Hellersdorf will die NPD nun Flagge zeigen, auch wenn sie nur mit 15 Leuten vertreten ist. Landeschef Schmidtke versucht gegen den Lärm der mittlerweile 500 Gegendemonstranten anzukommen - er hält nur eine kurze Rede. Eier fliegen, Schmidtke muss mit Schirmen geschützt werden.

Neuer Anlauf für Info-Veranstaltung

SPD-Mann Komoß räumt derweil ein, dass die Behörden die Lage einige Tage zuvor unterschätzt hätten. Dabei gab es Anzeichen genug, dass Rechtsextreme die Diskussion über das Flüchtlingsheim ausnutzen würden. Auf Facebook hetzt die "Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf" gegen die Unterkunft. "Wir sind das Volk! Nein zum Heim!" steht da. Es sollen auch Flugblätter verteilt worden sein. Mit den Flüchtlingen kämen Müll, Drogenhandel, Gewalt und Prostitution in den Kiez, heißt es dort. Laut Verfassungsschutz gehört der Bürgerinitiative mindestens ein ehemaliges Mitglied der NPD an.

Komoß weiß, dass in den kommenden Wochen viel Arbeit auf ihn zukommt. Er will den Anwohnern die Angst nehmen, ihnen erläutern, dass die Flüchtlinge ein Recht auf Asyl haben, sagt er. Es sei Zeichen der Menschlichkeit, die Flüchtlinge in Hellersdorf aufzunehmen. Auf Facebook hat sich mittlerweile eine Unterstützer-Gruppen "Hellersdorf hilft Asylbewerbern" gegründet. Ende August will der Bürgermeister zu einer zweiten Informationsveranstaltung einladen, dieses Mal soll sie besser vorbereitet werden, verspricht er.

Noch ein Eklat kann sich der Bezirk nicht leisten, dessen Ruf nun noch mehr gelitten hat. "Jetzt sind wir nicht nur Plattensiedlung, sondern auch Rechtenhochburg", seufzt eine junge Frau. Die Politiker müssen das wieder geradebiegen", fordert Angelika Schulze, eine 65-jährige Anwohnerin. Sie kann die Ängste der Menschen nicht verstehen: "Die sind doch nur künstlich geschürt." Die Politiker müssten den Leuten endlich vor Augen halten, was es für Flüchtlinge bedeute, kein Zuhause mehr zu haben.

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