Berlin Türkische Medien hetzen gegen liberale Moschee von Seyran Ates

Für die Gründung einer liberalen Moschee in Berlin wird Frauenrechtlerin Seyran Ates massiv angefeindet. Türkische Medien stellen das Gebetshaus als Gülen-Projekt dar - neue Morddrohungen sind die Folge.

Moschee in einem Raum der Berliner Kirche St. Johannes
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Moschee in einem Raum der Berliner Kirche St. Johannes

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Das Berliner Stadtmagazin "Zitty" kürt Seyran Ates auf dem Titel zur "mutigsten Berlinerin", die "Washington Post" schreibt von einer "feministischen Revolution des muslimischen Glaubens", ein Bericht der "Deutschen Welle" über das Projekt wurde auf Facebook rund 1,7 Million Mal angesehen.

Für die Eröffnung der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee am vergangenen Freitag in Berlin-Moabit hat die 54-jährige Ates viel Aufmerksamkeit bekommen. In dem Gebetshaus, das in einem Nebengebäude einer evangelischen Kirche untergebracht ist, leiten auch Frauen ohne Kopftuch das gemeinsame Freitagsgebet, Homosexuelle sind genauso willkommen wie Gläubige anderer Religionen.

Dass es nicht nur bei lobender Anerkennung bleiben würde, war Ates klar. Seit Jahren lebt die Anwältin mit Bedrohungen und Anfeindungen - durch radikale Muslime auf der einen Seite und Islamfeinde auf der anderen, aus Deutschland wie aus dem Ausland. So ist es jetzt auch wieder.

Mit einem aber hat Ates nicht gerechnet: Diesmal wird die Hetze aus der Türkei mit einem politisch pikanten Dreh geschürt. Türkische Medien berichten, die von Ates gegründete Moschee sei ein vom Gülen-Netzwerk gesteuertes Projekt.

In die Welt gesetzt hat diese Behauptung der Privatsender AHaber, bekannt für seine schrillen, oft wild konstruierten Beiträge. AHaber berichtete, die Berliner Ibn Rushd-Goethe-Moschee sei in Wahrheit ein Projekt der islamistischen Gülen-Bewegung.

Als Beleg diente dem Sender eine Aufnahme, die Ates mit dem Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi zeigte, welchen die AHaber-Journalisten fälschlicherweise als Ercan Karakoyun, den Vorsitzenden des deutschen Gülen-Sprachrohrs Stiftung Dialog und Bildung, identifizierten.

Falscher Bericht wird von anderen Medien aufgenommen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und die Gemeinde des Predigers Fethullah Gülen waren lange Zeit enge Verbündete, haben gemeinsam säkulare, liberale Intellektuelle verfolgt. Inzwischen haben sie sich überworfen. Die Regierung bezeichnet die Bewegung als Fethullahistische Terrororganisation, kurz Fetö, und verdächtigt sie, hinter dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 zu stehen. Erdogan hat die Bundesregierung in den vergangenen Monaten vergeblich gedrängt, mutmaßliche Gülen-Unterstützer in Deutschland an die Türkei auszuliefern.

Abdel-Hakim Ourghi und Elham Manea leiten das Gebet
DPA

Abdel-Hakim Ourghi und Elham Manea leiten das Gebet

AHaber bezeichnet das Berliner Moschee-Projekt als "Skandal" und "Verrat". Deutschland zeige sein "hässliches Fetö-Gesicht". Regierungsnahe türkische Medien griffen den Beitrag auf: "Sabah", eine der größten Zeitungen, titelte: "In der Fetö-Kirche beten Männer und Frauen". Das Boulevardblatt "Takvim" berichtete unter der Überschrift "Gülen Ketzerei, Applaus aus Israel". Die Gülenisten in Deutschland verzerrten den Islam nach ihren "eigenen, perversen Ansichten", schrieb die Tageszeitung "Star".

Auch in den sozialen Medien in der Türkei wird Ates heftig angegriffen. Türkische Twitter-Nutzer beschimpfen sie als "Fetö-Handlangerin" und "Terrorhelferin".

"Ich habe an alle möglichen Bedrohungsszenarien gedacht, aber nicht daran, dass die türkische Seite die Moschee in die Nähe des Gülen-Netzwerkes bringt, um uns zu diffamieren", sagte Ates dem SPIEGEL. "Das ist einfach absurd." Sie habe nach den Berichten neue Morddrohungen erhalten. Ates vermutet, dass es der türkischen Seite darum gehe, die in der Moschee praktizierte liberale Auslegung des Islam zu bekämpfen. "Aber auf der Schiene bekommen sie uns nicht. Deshalb werden uns Gülen-Verbindungen unterstellt, um uns zu Terroristen zu erklären, die zum Abschuss freigegeben sind", so Ates.

Für Ates hat die Bedrohung eine neue Dimension

Gülen-Funktionär Ercan Karakoyun, dessen Name in den türkischen Berichten über die Berliner Moschee genannt wird, distanziert sich deutlich von Ates' Projekt: Seine Bewegung habe nichts mit der Moschee zu tun. Weder seine Stiftung noch irgendeine Gülen-nahe Einrichtung seien daran beteiligt - auch er persönlich "in keinster Weise".

"Die Moschee entspricht nicht unseren Vorstellungen", sagte Karakoyun gegenüber dem SPIEGEL. Dass etwa eine Frau ohne Kopftuch das gemeinsame Freitagsgebet leite, sei seiner Auffassung nach nicht mit den Regeln eines rituellen Gebets vereinbar. Trotzdem sei er bei der Eröffnung der Moschee kurz vor Ort gewesen, weil er Ates seit Langem kenne.

Ates ist nun nach eigenen Angaben mit den Sicherheitsbehörden im Gespräch, wie sie und ihre Mitstreiter der liberalen Moschee künftig besser geschützt werden können. Für die Frauenrechtlerin hat die Bedrohung aktuell eine neue Dimension, die auch ihre Familie betrifft. "Ich bekomme Anrufe aus der Türkei. Verwandte von mir haben jetzt Angst, dass sie nach den Berichten in Sippenhaft genommen werden, dass sie behandelt werden wie Gülen-Anhänger."



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