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US-Überwachung: Botschafter im Shitstorm

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REUTERS

US-Botschafter John B. Emerson hat derzeit einen unangenehmen Job. Er muss lästige Fragen nach dem mutmaßlichen Spionage-Nest in seinem Haus beantworten. Dem Diplomaten ist die NSA-Affäre sichtlich peinlich. Jetzt lud er zum Besuch.

Was passiert wirklich im vierten Stock der US-Botschaft am Pariser Platz in Berlin-Mitte? Seit der SPIEGEL über das mutmaßliche amerikanische Spionage-Nest in Berlin berichtet hat, ist aus der US-Botschaft kaum ein Wort zu hören. Botschafter John B. Emerson ging tagelang auf Tauchstation. Alle Anfragen zu der Causa verliefen im Nichts.

Doch nun hat sich Emerson entschieden, die Sprachlosigkeit zu beenden. Er wolle verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, erklärt der Botschafter am Donnerstag in mehreren Interviews. Gleichzeitig lud er deutsche Journalisten in die US-Mission ein - allerdings nur in einen Besprechungsraum im Erdgeschoss. Die mutmaßlichen Spionage-Räume mit den hellgrauen Sichtblenden weiter oben blieben Tabu. Es war dennoch ein denkwürdiger Ortstermin.

Umringt von seinen Pressesprechern und Beratern, versucht Emerson, Optimismus zu verströmen. Im Revers trägt er einen kleinen Sticker mit der deutschen und der amerikanischen Flagge. Er lächelt viel und verbreitet gute Stimmung. Allerdings ohne die Dinge schönzureden. Ja, es knirsche im deutsch-amerikanischen Verhältnis, macht Emerson deutlich. "Von Zeit zu Zeit können Freunde einander enttäuschen. Aber in einer echten Freundschaft arbeitet man dann hart. Und hinterher kann die Freundschaft stärker sein als zuvor."

Der Diplomat befindet sich in einer mehr als unbequemen Lage. Er ist erst seit gut zwei Monaten Botschafter in Berlin. Seit dem Tag seiner Ankunft am Flughafen Tegel muss er sich mit den leidigen Spitzelvorwürfen gegen seine Regierung herumärgern. Und nun auch noch das: Die NSA soll Angela Merkels Handy belauscht haben. Was kann einem als Botschafter Schlimmeres passieren?

Konkreten Fragen nach dem Spionage-Nest weicht er aus

Normalerweise sind die amerikanischen Botschafter in Berlin Stars. Die Berliner Zeitungen berichten wohlwollend von jedem Auftritt, es wird allerorts bei netten Festen gute Laune verbreitet. Auch die Deutschen begegnen den Botschaftern meist überaus freundlich. Doch jetzt hat sich etwas verändert: Die Botschaft habe wegen der NSA-Sache viele erboste Briefe und E-Mails von Deutschen erhalten, sagt der Botschafter.

Auf gut Deutsch: Seit Tagen werden die Amerikaner am Pariser Platz von einem wahren Shitstorm heimgesucht. "Ich sehe tiefe Enttäuschung und Wut." Das habe er so auch nach Washington berichtet, sagt Emerson. "Und glauben Sie mir, es ist dort angekommen."

Konkreten Nachfragen zu den mutmaßlichen Spionage-Nest im vierten Stock des Botschaftsbaus weicht er mehrfach aus. Als ein Journalist ihm Wärmebildaufnahmen des Gebäudes zeigt, auf denen das mutmaßliche Spionage-Nest durch seine auffällige Einfärbung hervorsticht, lächelt der Botschafter nur freundlich und erklärt: "Dazu kann ich nichts sagen." Und: "Ich werde mich zur Struktur des Gebäudes nicht äußern."

Denkt er an eine offizielle Entschuldigung?

Schnell wird klar: Der gelernte Rechtsanwalt aus Kalifornien ist ein Routinier darin, unangenehmen Fragen auszuweichen. Und unangenehme Fragen gibt es genug: Haben ihn bereits offizielle Ersuchen von deutschen Stellen wie etwa der Bundesanwaltschaft erreicht, die die mutmaßliche Spionagetätigkeit der Amerikaner prüfen? Die Botschaft sei bislang "nicht kontaktiert" worden, so Emerson. Würde er deutsche Ermittler für Untersuchungen in die Botschaft lassen? Emersons klare und knappe Antwort: "Nein."

Ob er einer Vorladung vor das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages oder einen möglichen Untersuchungsausschuss Folge leisten würde, lässt Emerson offen. Dies sei für ihn eine "hypothetische Frage", antwortet er.

Emerson wiegelt ab. Gleichwohl bemüht er sich sehr, Zuversicht zu verbreiten. Es werde eine Menge passieren, verspricht der Botschafter. Sowohl US-Präsident Obama als auch der Kongress wollten die gesamte amerikanische Geheimdienstarbeit auf den Prüfstand stellen - also damit auch das mutmaßliche Ausforschen anderer Staatschefs.

Denkt er an eine offizielle Entschuldigung? Das sei nicht seine Aufgabe, sagt er. "Es geht nicht um Worte. Es geht um Taten." Auch auf die Frage, ob er selbst von der NSA gebrieft worden sei, bevor er nach Deutschland entsandt wurde, will er nicht direkt antworten.

Er habe monatelang in Washington Gespräche geführt, das gehöre zum Standardprocedere, so Emerson. Man darf wohl davon ausgehen, dass der Botschafter im Bilde ist, was in seinem Haus passiert. Nach Informationen, die der SPIEGEL einsehen konnte, legt der amtierende NSA-Chef Keith Alexander großen Wert darauf, Botschafter über die Möglichkeiten der technischen Aufklärung zu unterrichten.

Emersons Botschaft ist deutlich: Die NSA-Sache wird aufgeklärt - aber nicht in Berlin, sondern in Washington. Er will, dass Deutsche und Amerikaner weiter Freunde bleiben. Schon bald werde es mit Sicherheit einen regelrechten deutsch-amerikanischen Besuchsreigen geben, stellt der Botschafter in Aussicht. Sobald die deutsche Regierung stehe und alle Posten verteilt seien, würden mit Sicherheit sehr schnell viele weitere Gespräche stattfinden - auch auf Ministerebene.

Das wird wohl nötig sein.

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1. optional
allesmülleroder 31.10.2013
"Shitstorm"? Ich dachte das hier wäre SPON, und nicht 4chan oder Ähnliches...
2.
trevorcolby 31.10.2013
Zitat von sysopREUTERSUS-Botschafter John P. Emerson hat derzeit den schwierigsten Job Deutschlands: Er muss unangenehme Fragen nach dem mutmaßlichen Spionage-Nest in seinem Haus beantworten. Dem Diplomaten ist die NSA-Affäre sichtlich peinlich. Jetzt lud er zum Besuch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/berlin-us-botschafter-john-emerson-stellt-sich-fragen-in-nsa-affaere-a-931074.html
[QUOTE=sysop;14121059]US-Botschafter John P. Emerson hat derzeit den schwierigsten Job Deutschlands: Er muss unangenehme Fragen nach dem mutmaßlichen Spionage-Nest in seinem Haus beantworten. Dem Diplomaten ist die NSA-Affäre sichtlich peinlich. Jetzt lud er zum Besuch. QUOTE] Ooooch, da hab ich aba Mitleid. Echt jetzt. Sorry Alter, der Job wird fürstlich entlohnt und bei so einem Dreck muss man eben mal die Rübe hinhalten.....
3. Orakel
Nachnahme 31.10.2013
Man wird sich gegenseitig garantieren die Eliten aus Wirtschaft und Politik in ruhe zu lassen und sich auf die gegenseitige Bespitzelung des Dummvolkes einigen. Selbstverständlich kommt auch die Vorratsdatenspeicherung.
4.
z_beeblebrox 31.10.2013
Interessanter Beitrag. Richtig so, dem US-Botschafter so oft auf die Füße treten, wie es nur irgend geht. ---Zitat von SPON--- Schon bald werde es mit Sicherheit einen regelrechten deutsch-amerikanischen Besuchsreigen geben, stellt der Botschafter in Aussicht. ---Zitatende--- Da werden wir uns aber arg drauf freuen; zumindest die Catering-Services werden jubeln. Vielleicht wird dann auch mal über den Abriss dieses unsäglichen, völlig deplatzierten Gebäudes geplaudert. Vor allem sollten mal schleunigst die bekannten (ich hoffe, die sind bekannt) Diplomaten-Spione des Landes verwiesen werden. Nun ja, man darf doch wohl noch träumen, oder?
5.
Artgarfunkel 31.10.2013
Sofortige Ausweisung des Herren wäre angebracht und eine Schließung der US-Einrichtungen auf deutschem Boden. Über so einen kleinen Scheißsturm lacht der doch nur...
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Fotostrecke
Überwachte Regierungschefs: Spionage beim Freund

Fläche: 9.833.517 km²

Bevölkerung: 318,857 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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