Berlin-Wedding "Beck hätte auf den Tisch hauen müssen"

Die Genossen im Berliner Arbeiterbezirk Wedding sind nach dem Drama um Kurt Beck fassungslos und wütend. Mit dem neuen Spitzenduo können sie zwar leben. Dass jetzt alle geschlossen mitziehen, daran glauben sie trotzdem nicht.

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Berlin - "Ganz mies" findet Christopher Vetter die Art und Weise, mit der sein Parteivorsitzender Kurt Beck gegangen wurde. Vetter ist ein junger Genosse, wie ihn sich die SPD-Parteispitze wünscht. Er hat sich hochgearbeitet. Der 27-Jährige war als Maler- und Lackierergeselle tätig, dann hat er sein Abitur nachgemacht, jetzt studiert er Jura. Er glaubt an die Sozialdemokratie und Chancengleichheit. Doch was in seiner Partei passiert, hat ihn "umgehauen".

SPD-Mitglieder im Wedding: "Vieles ist schiefgelaufen"
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SPD-Mitglieder im Wedding: "Vieles ist schiefgelaufen"

Vetter trägt ein T-Shirt mit dem Konterfei von Beck. Dabei sieht er den Mann aus Rheinland-Pfalz auch kritisch. "Vieles ist schiefgelaufen, vor allem in Hessen. Irgendwann hätte Beck auf den Tisch hauen und sagen müssen: Vorwärts - da geht es lang." Trotzdem, so mit dem Parteivorsitzenden umzugehen, "nein, das geht nicht". Vetter schüttelt heftig mit dem Kopf.

Ein warmer Spätsommerabend in Wedding im Norden Berlins. Der ehemalige Arbeiterbezirk ist eine Hochburg der SPD, hier ist sie noch erste Kraft. Vetter und 14 seiner Parteigenossen der Abteilung Berlin-Mitte 16 "Grünes Dreieck" sitzen draußen bei Bier und Apfelschorle vor ihrem rustikal-mediterranen Stammlokal "L'Escargot".

"Der Umgang mit Beck ist eine Respektlosigkeit"

Einmal im Monat treffen sie sich, um zu plaudern. Heute machen sie vor allem ihrem Ärger Luft. Dabei geht es vielen um den Stil, nicht um das Ergebnis: Dass nun Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier an der Spitze stehen, finden die meisten "in Ordnung".

"Der Umgang mit Beck ist eine Respektlosigkeit gegenüber allen Mitgliedern. Die Parteiführung haut uns in die Pfanne", ruft Andreas, der seinen Nachnamen lieber nicht nennen will. Der 31-jährige Gastronom ist gerade auf Jobsuche. "Früher konnte man mal mit Stolz sagen, wenn man in die Kneipe kam: Ich bin Sozi. Heute wird man doch nur noch gefragt, was macht ihr denn da?" Seit über 13 Jahren ist Andreas in der SPD. Er glaubt, dass Beck "vor allem von Mitarbeitern im Willy-Brandt-Haus torpediert wurde".

Andreas stand mit Christopher Vetter am Sonntag beim Afrikafest vor dem Weddinger Rathaus, um Werbung für seine Partei zu machen. Er verteilte Karten von Beck, als einer von der PDS, "gerade von denen", kam: "Hähä. Bei euch ist schon wieder ein Vorsitzender zurückgetreten."

"Müntefering gibt der Partei Seele"

Schon wieder, das hat auch Elisabeth Drieschner gedacht. Die 46-jährige Hartz-IV-Empfängerin ist fassungslos. "Das hat doch alles nichts mehr mit Demokratie zu tun."

Mittlerweile ist der Vorsitzende Udo Sack da. Er ist Mitarbeiter im Abgeordnetenbüro von Ulla Schmidt und musste noch Papiere fertig machen. Seine Abteilung bezeichnet der 43-Jährige als "überwiegend links", sich selbst als "pragmatischen Linken".

Sack legt auf einen der Plastiktische den Ausdruck einer E-Mail, die er noch am Sonntagabend an Steinmeier schrieb und in Kopie an alle in der Abteilung schickte. Da heißt es: "... wie ihr in der Führungsspitze, auf beiden Flügeln, miteinander umgegangen seid seit der Hessenwahl, ist nicht akzeptabel." Beck habe nie eine Chance gehabt, glaubt Sack.

Müntefering und Steinmeier seien die besten in der jetzigen Situation. "Sie haben die nötige Autorität, gerade Müntefering gibt der Partei Seele." Einige Sozialdemokraten fänden aber, Steinmeier müsse noch wärmer werden mit den Genossen, denn er hat bisher vor allem in der Verwaltung gearbeitet.

Sack wählt seine Worte bedächtiger als andere Genossen, nach einigem Überlegen gibt er zu: "Vom Bauchgefühl bin ich eher skeptisch, ob das klappt, dass wir alle, wie Steinmeier gesagt hat, jetzt zusammen Wahlkampf machen. Dafür ist zu viel passiert."



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