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Berliner Demonstration: "Guckt euch an, was das Volk denkt!"

Von Domenika Ahlrichs

Zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor ging nichts mehr. 500.000 Menschen zeigten, was sie von den Plänen der US-Regierung halten, den Irak zu bombardieren: Gar nichts.

Demonstranten am Brandenburger Tor: Nicht zu hören
AP

Demonstranten am Brandenburger Tor: Nicht zu hören

Berlin - Die frohe Botschaft kam um 15 Uhr: Mehr als eine halbe Million Menschen waren in Berlin gegen einen möglichen Irak-Krieg auf der Straße. Mehr als je zuvor bei einem Friedensmarsch in der Bundesrepublik. So viele, dass die Polizei die Demonstration kurzerhand zur Kundgebung erklärte. Zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule bewegte sich nichts mehr. Die Massen standen. Bis hin zum Alexanderplatz waren Menschen mit Transparenten, Plakaten und Luftballons unterwegs. "Berlin ist dicht", sagte die Moderatorin Jutta Kausch auf der Bühne an der Siegessäule unter großem Jubel derer, die sie hören konnten.

Das waren längst nicht alle 500 000. Denn weil die Veranstalter zwar mit vielen, nicht aber mit so vielen Demonstranten gerechnet hatten, reichten die Lautsprecher nicht aus. Kausch nutzte die Gelegenheit, um für Spenden zu werben. "Damit wir nächstes Mal eine verständliche Kundgebung gewährleisten können", rief sie in die Menge. Helfer zwängten sich mit blauen Eimern durch die dicht gedrängten Menschen, um Geld einzusammeln.

Nichts von alledem drang zu denen durch, die geduldig der eisigen Kälte trotzend im unbeschallten Bereich standen. Kein singender Konstantin Wecker, kein rezitierender Rolf Becker, nicht die Reden von Friedrich Schorlemmer und Frank Bsirske erreichte sie dort. "Schade", sagte ein junger Mann, der extra frühmorgens aus Göttingen angereist war. "Das hatte ich mir anders vorgestellt." Andererseits: "Das Gemeinschaftsgefühl ist grandios."

Rund 50 Organisationen hatten zu der Demonstration aufgerufen. So unterschiedlich wie deren Gründe für eine Teilnahme an dem Protestmarsch, so bunt gemischt war auch die Menschenmenge am Samstag auf der Straße des 17. Juni. Da standen ondulierte, perfekt geschminkte Damen mit Hut rauchend neben Jugendlichen, deren Gesichter mit dem Friedenszeichen bemalt waren. Blasse Männer mit Schnauzer, Verdi-Fahnen in der einen und Bierflaschen in der anderen Hand haltend, daneben junge Familien und Senioren in pastellfarbenen Wintermänteln.

Die "Partito Comunista"-Fahne der italienischen Kommunisten wehte neben dem Wimpel der IG-Metall, und überall waren "Kein Krieg für Öl"- und "Kein Krieg im Irak"-Parolen auf handbemalten Schildern und zwischen Stangen gespannten Bettlaken zu lesen. Wo nichts von der Kundgebung zu hören war, unterhielten sich die Menschen, waren sich einig in ihrer Ablehnung eines Irak-Kriegs, schenkten mitgebrachten Tee aus Thermoskannen aus und teilten ihre Keksvorräte.

Wer in Hörweite der Bühne stand, konnte ein zweieinhalbstündiges Programm erleben, das zwar die Aufmerksamkeit nicht so zu fesseln vermochte, dass man darüber die eigenen Eis-Füße oder die frierenden Ohren vergessen konnte. Aber abwechslungsreich war es. Da fasste Reinhard Mey die Frage in ein Lied "Wann ist Frieden, endlich Frieden?", erntete Applaus, als er singend forderte: "Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen." Im Publikum kannten viele den Text.

Der Kirchenmann Friedrich Schorlemmer konnte punkten, als er wortspielerisch formulierte "Besser von Donald Rumsfeld verspottet zu werden, als vor sich selber zum Gespött zu werden" und angesichts der mehreren Millionen zeitgleich in Rom und London Protestierenden ausrief: "Silvio und Toni, geht hin und guckt euch an, was das Volk denkt!"

Eine Chance, die eingefrorenen Füße zu bewegen kam mit Konstantin Wecker, dessen eingängiges "Steh auf und misch dich ein: Sage Nein!" viele zum Tanzen animierte - soweit bei aller Enge überhaupt möglich. An die Adresse des US-Präsidenten George W. Bush gerichtet, forderte Wecker wie alle Redner an diesem Nachmittag in Berlin einen Stopp der Kriegsvorbereitungen. Es sei noch nicht zu spät. Bush solle sich nicht um seinen Ehrverlust, sondern um das Leben Unschuldiger besorgt sein. "In welcher Welt leben wir eigentlich, dass man sein Gesicht verliert, wenn man sich entscheidet, keinen Massenmord zu begehen?", rief Wecker unter tosendem Applaus.

Die Schauspieler Rolf Becker und Walfriede Schmitt rezitierten Gedichte gegen den Krieg, der Rockpoet Tino Eisbrenner sang für den Frieden, Paddy Kelly, Hannes Wader und die Puhdys taten es auch.

Für Verdi-Chef Frank Bsirske war klar: Öl ist der Grund für das US-amerikanische Interesse am Irak. Er habe "kein Verständnis für Politiker, die eine Beteiligung deutscher Soldaten an einem Angriffskrieg unterstützen", sagte er und appellierte an die Menge: "Setzen wir den Kriegstreibern die Kraft der internationalen Friedensbewegung entgegen." - Applaus, Jubel und zustimmende Pfiffe.

Überhaupt jubelte das Publikum gern, oft und ausgiebig. Es bedurfte nur weniger Schlagworte, schon konnte der jeweilige Redner sicher sein, die entsprechende Zustimmung zu ernten. Es hatte etwas reflexartiges. Aber so ist das wohl, wenn sich alle einig sind.

Nur einmal kam der Applaus unpassend. Die palästinensische Friedenskämpferin Sumaya Farhat-Naser hatte gerade ein engagiertes Plädoyer für das Recht des irakischen Volks auf Selbstbestimmung gehalten. Nun berichtete sie von einer Verwandten in Bagdad, die ihre Lebenssituation derzeit als fast hoffnungslos betrachte. "Wir schaffen das irgendwie", habe die Frau gesagt, erzählt Farhat-Naser. Die Menge jubelte ausgelassen.

Am Ende kam doch noch die Sonne heraus, alle sangen ein aserbaidschanisches Friedenslied und beeilten sich dann, nach Hause zu kommen. Ins Warme.

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