Berliner Flaggenkampf Mein Laden, mein Land, meine Flagge

Ibrahim Bassal feiert Deutschlands Elf - und zwar 22 Meter hoch, fünf Meter breit. Bloß gefällt die Riesenflagge über seinem Neuköllner Elektroladen nicht jedem. Mehrfach rissen Unbekannte das Banner ab, Autonome sind unter Verdacht. Ein Kiezkampf in Schwarz-Rot-Gold.

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DPA

Berlin - Nein, da ist mit ihm nicht zu spaßen. "Ich werde die deutsche Fahne verteidigen", sagt Ibrahim Bassal entschlossen und haut mit der flachen Hand dreimal auf den Glastresen, als wolle er ganz sicher gehen, dass seine Worte auch ankommen. Viel hat er erlebt in den letzten Tagen, seinen Willen hat es offenbar gestärkt. "Ich lass' da niemanden dran", schiebt er hinterher.

Ibrahim Bassal, 39, steht in "Bassal's Elektroshop" in Berlin-Neukölln. Kein Stadtteil der Hauptstadt liefert so viele Gegensätze. Linke Studenten treffen auf Multikulti in all seinen Farben. Geschäfte heißen hier "Snack al Hara" oder "Sultan Zwei Bäckerei".

In Bassals Elektroladen sieht es etwas chaotisch aus. An der Seite stapeln sich leere Pappkartons, gegenüber stehen ein paar Paletten mit Fruchtsaftflaschen auf dem abgewetzten Laminatboden. Kreuz und quer liegen darauf kleine Deutschlandfahnen, wie man sie zur WM-Zeit wieder an unzähligen Autofenstern sieht. Der hintere Teil des Raumes ist Baustelle. Er wird gerade renoviert.

Bassal, ein kleiner stämmiger Mann mit kurzen schwarzen Haaren und einem roten T-Shirt, lehnt sich über den Tresen. "Wir feiern jedes Fußballturnier auf der Straße. Das ist dann unsere kleine Fanmeile", erzählt er.

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"Seit Jahren haben wir auch immer kleine Deutschlandfahnen draußen hängen." Etwas anderes sollte es diesmal sein, hatten sich Bassal und seine Cousins gedacht. Ein Auftrag bei einer Textilfirma, ein bisschen Arbeit und schon hing der neue 500 Euro teure Deutschlandwimpel in der Sonnenallee. 22 Meter hoch, fünf Meter breit - über fünf Stockwerke erstreckt sich die überdimensionale Flagge. Für Bassal, ein Deutscher mit libanesischen Wurzeln, ein Zeichen der Integration. "Wir leben in Deutschland und wir gehören auch zu Deutschland", sagt er.

Steckt die autonome Szene hinter dem Flaggenklau?

Ein junges Mädchen läuft draußen vorbei und sieht kurz nach oben. "Das ist ja krass", sagt sie, als sie das riesige Stück Stoff erblickt. Doch nicht alle sind einfach nur überrascht vom Multi-Kuli-Nationalstolz am Bassal Shop. Zweimal mussten die Bassals schon eine neue Flagge kaufen. Seitdem sie die Hausfassade in schwarz-rot-gold gekleidet haben, sind sie immer wieder Zielscheibe von Angriffen vermutlich aus der autonomen Szene. Flaggenkrieg in der Sonnenallee.

Beim ersten Mal versuchte ein Mann an der Hauswand hochzuklettern und die Fahne herunterzureißen. Sie erinnere ihn an den Zweiten Weltkrieg, habe der "Herr", wie Bassal sagt, damals gerufen. Doch was ihm nicht gelang, wurde nur zwei Tage später vollendet. In der Nacht tauchten plötzlich zehn Maskierte auf und rissen den Stoff komplett von der Wand. Bassal und seine Cousins ließen sich dennoch nicht beirren und kauften sofort eine neue. Doch auch diese hielt nicht lange.

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Nur wenige Tage später war die Fahne wieder weg. Offenbar waren diesmal die Diebe aufs Dach des Hauses geklettert und hatten sich dort an der Befestigung zu schaffen gemacht. Mittlerweile hängt das dritte Exemplar über dem Bassal Shop. "1500 Euro hat uns das nun schon gekostet", sagt Bassal. Und die Anfeindungen nehmen kein Ende. Erst vor kurzem sei eine Frau in den Laden gestürzt. "Wie kann man nur die Deutschlandfahne aufhängen", habe sie gerufen. Dann wollte sie ein weiteres Abrisskommando zusammentrommeln. Da bleibt nur, die Polizei zu rufen, meint Bassal.

Dass die Proteste gerade von deutscher Seite kommen, kann er einfach nicht verstehen. "Für die Faschisten sind wir Ausländer und für die Autonomen…" - Bassal hält inne und denkt nach - "keene Ahnung watt". Einen Moment herrscht Stille, nur ein mannshoher Kühlschrank surrt vor sich hin. Dann kommt ein kleiner Junge herein und greift nach einer der Autofahnen. "Was hast du da für eine Fahne?", fragt Bassal. "Deutschland", kommt prompt die Antwort des Kindes, das ebenfalls aus einer Migrantenfamilie stammt. "Und was liebst du?", bohrt Bassal weiter. "Deutschland", ruft der Junge. Bassal grinst zufrieden.

Jetzt wird die Flagge bewacht

"Wir lassen uns das hübsche Deutschland, das in unseren Herzen ist, nicht wegnehmen", sagt Bassal und schlägt nochmals zur Unterstützung auf die Glasplatte. Hier sei er geboren worden, hier habe er immer gelebt. Er fühle sich nunmal als Deutscher, erklärt er.

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"Man muss davon wegkommen, diese Leute Ausländer zu nennen", findet auch Manuel Hornauer. Der 19-Jährige Schüler ist wegen Elektroartikeln zu Bassal gekommen. Jetzt trottet er extra noch mal vor die Tür, um die Flagge zu begutachten. "Es ist doch super, wenn die sich so integrieren."

Mittlerweile ist es voll geworden in dem kleinen Geschäft. Immer mehr Leute wollen die Geschichte von der großen Fahne hören. Immer wieder fragen Kunden neugierig nach.

Bassal verfolgt das mit gemischten Gefühlen. "Sollen sie doch", meint er. Aber ein wenig mache er sich schon Sorgen, ob nicht doch bald wieder der nächste Abrissanschlag folgt. Sicherheitshalber halte immer einer im Laden Wache, so Bassal. Tag und Nacht.

Doch schnell hellt sich seine Miene wieder auf. Fürs Foto möchte er sich unbedingt noch schnell in schwarz-rot-goldene Schale schmeißen. "Schick machen", nennt er das. Ehe man sich versieht, verschwindet Bassal durch eine Tür. Nach wenigen Sekunden kommt er strahlend wieder heraus, Deutschland-Trikot übergestreift, einen Fanhut auf dem Kopf. Er möchte die deutschen Farben gut vertreten, auch da ist er wild entschlossen. Und auch in einem anderen Punkt ist er sich ganz sicher: "Deutschland wird Weltmeister!"



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 160 Beiträge
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Seite 1
berntie 28.06.2010
1. Bezeichnend für die Zustände hierzulande
1.: Nach Einwanderern wie Bassal, die sich mit Deutschland identifizieren, sollte man sich alle 10 Finger abschlecken. Es gibt zu viele, die sich nicht das Geringste um das Land scheren, in dem sie leben (sogar eher das Gegenteil). 2.: Wer auch immer die Fahne dort runterreißt, ist nicht ganz knusprig. Eine überaus sinnvolle und konstruktive Aktion.
el3ktro 28.06.2010
2. Autonome
Diesen (mutmaßlichen) Autonomen muss ja echt langweilig sein. Ist doch schön, wenn sich Herr Bassal so über die WM freut, lasst ihm doch seine Flagge!
CHANGE-WECHSEL 28.06.2010
3. lustisch
Zitat von sysopIbrahim Bassal feiert Deutschlands Elf - und zwar 22 Meter hoch, fünf Meter breit. Bloß gefällt die Riesenflagge über seinem Neuköllner Elektroladen nicht jedem. Mehrfach rissen Unbekannte das Banner ab, Autonome sind unter Verdacht. Ein Kiezkampf in Schwarz-Rot-Gold. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,703370,00.html
1. Da muss erst ein integrierter Ausländer kommen, um den Deutschen Deutschland zu erklären. 2. Mich würde jetzt aber schon mal interessieren, was Herr Bassal nun für die Autonomen verkörpert? 3. Und mich würde brennend interessieren, ob die Skins und Neonazis auch WM schauen und für welche Mannschaft sie eigentlich jubeln? Für die deutsche Mannschaft wohl nicht, da diese ja total Multikulti ist. Nur für wen jubeln dann die Skins und Neonazis?
Semperphilius 28.06.2010
4. Deutschland ist auf dem richtigen Weg!
Nationalstolz sollte auch keine Frage von "Migrationshintergrund" in der soundsovielten Generation sein, jeder der sich mit unserem Land identifiziert sollte dies auch stolz sagen dürfen. Der "Herr", der die Fahne abreißen wollte, "weil sie ihn an den 2. Weltkrieg erinnert", ist vermutlich nur unregelmäßig zur Schule gegangen oder hat nicht besonders gut aufgepasst. Während des 2. Weltkriegs war Schwarz-Rot-Gold abgeschafft und von den Nationalsozialisten geächtet, es waren schließlich -auch aus nationalsozialistischer Sicht- schon immer auch die Farben der deutschen Demokratie. Falls der besagte "Herr" sich unabhängig von den gezeigten Farben schlicht an dem Aufhängen von Fahnen als senkrechte Banner an Hauswänden stößt, wundert es mich, dass ihn ausgerechnet dies an den 2. Weltkrieg erinnert. Dieser Brauch ist, außer im Nationalsozialismus, sehr häufig auch in anderen "sozialistischen" Systemen und Ländern gepflegt worden. Ich möchte Herrn Bassal ausdrücklich zu seinem Schneid und seiner Standhaftigkeit beglückwünschen, ich freue mich über seinen Flaggenstolz, denn auch ich bekenne mich gern zu Deutschland und den Werten unserer Demokratie. Danke Herr Bassal! Sie sind ein echter deutscher Patriot, "und das ist gut so"! Willkommen in der Realität, liebe "Autonome", "Antideutsche" und andere Nationalproblematiker - ein stolzer Deutscher mit Migrationshintergrund und eine große Deutschlandfahne in Neukölln: Das verkraftet euer Weltbild einfach nicht, was?
Schalke 28.06.2010
5. ...
Ein Zeichen der Hoffnung auf Integration von unten. Ähnlich sieht es bei uns in "Klein-Istanbul" aus. Unzählige deutsche Fähnchen an Autos, Häusern und Wänden neben denen, die bei der WM dabei sind. Aber auch die der Nicht-Qualifizierten hängen einträchtig neben der schwarz-rot-goldenen Flagge. Das ändert zwar nix an den nicht wegzudiskutierenden Problemen, aber man soll die Hoffnung nie aufgeben. So stelle ich es bei mir selbst vor. Würde ich im Ausland leben, wäre ich natürlich für mein Gastland, aber im Herzen wäre ich auch immer für Deutschland. Ein Bekannter von mir ist Grieche und der weiß viel zu erzählen von den zwei Herzen in einer Brust, vor allem, wenn es gegeinander geht.
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