Berliner Gipfelkapriolen Superhorst muss draußen bleiben

Zwei Tage vor dem Jobgipfel im Kanzleramt wird die Debatte immer skurriler. Politiker von CDU und SPD fordern, den Bundespräsidenten zum Gipfel einzuladen. Auch in der Spitze der CDU-Fraktion löst das Kopfschütteln aus: "Wer fordert denn sowas?"

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 CDU-Chefin Merkel, Fraktionsgeschäftsführer Röttgen: "Wer ist Fuchs?"
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CDU-Chefin Merkel, Fraktionsgeschäftsführer Röttgen: "Wer ist Fuchs?"

Berlin - Vor dem Krisengipfel im Kanzleramt erreichen die Schlagzeilen allmählich Kindergarten-Niveau: "Superhorst soll Deutschland retten", fordert "Bild". Auf Seite 2 zeigt das Millionenblatt einen Bundespräsidenten, der sich das Hemd aufreißt. Ein rotes Superman-S prangt auf seiner blauen Superman-Brust. Horst Köhler soll zum Super-Gespräch ins Kanzleramt hinzu gebeten werden - das ist die Botschaft, mit der "Bild" die bange Frage intoniert: "Kann er den Pakt für Deutschland retten?".

Wie immer, wenn "Bild" bei irgendjemanden anruft, um eine Clownerie zu veranstalten, finden sich auch welche, die mitmischen. Es sind meist solche, die bei Straßenumfragen unter der Rubrik "Unbekannt" einhundert Prozent erreichen. Da ist der wirtschaftspolitische Sprecher der sächsischen SPD-Fraktion, Karl Nolle, der den Präsidenten als "Moderator" beim Gespräch mit dem Kanzler, Außenminister und den Vorsitzenden von CDU und CSU dabei haben will, der Chef der Jungen Union (JU), Philipp Missfelder, sieht es ebenso, auch sein JU-Kollege Rasmus Vöge, CDU-Vize in Schleswig-Holstein, möchte Köhler gerne als "Vermittler". Und der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Fuchs deklamiert: "Als höchste moralische Instanz und ausgewiesener Wirtschaftsexperte könnte er dabei helfen, die politischen Kräfte auf ein gemeinsames Konzept zu verpflichten".

Polittheater in Berlin. Der Gipfel selbst schien anfangs kaum mehr als ein cleverer Schachzug der Vorsitzenden von CDU und CSU, zur baldigen Ablage verurteilt. SPD-Fraktionschef Franz Müntefering nannte das Angebot der Union zunächst "verlogen" - bis sich Kanzler, zurück von der Dienstreise durch sieben arabische Staaten, eines anderen besann.

Nun kommt der Gipfel - und wird immer schwerer, schicksalträchtiger, von Tag zu Tag, wie eine große dunkle Wolke, die sich mit mehr und mehr Wasser aufsaugt. Irgendwie drückt der Gipfel allen aufs Gemüt. Der Regierung sowieso, aber auch der Opposition. Alle sind mit einemmal Gefangene dieses Treffens, das zum Spektakel zu werden droht, auch wenn sie alle beteuern, dass es das nun nicht sein soll. Nur die Bevölkerung im Lande lässt sich von soviel Geraune nicht anstecken. Über 70 Prozent der Deutschen erwarten nach aktuellen Umfragen von dem Treffen: gar nichts.

Köhler beim Arbeitgeber-Forum: Zum Superman herbeigeschrieben
DPA

Köhler beim Arbeitgeber-Forum: Zum Superman herbeigeschrieben

Doch den Berliner Politikbetrieb hat der Gipfel-Wahn fest im Griff. Wie immer, wenn Gipfel anstehen und niemand etwas Genaues weiß, schießen die Spekulationen ins Kraut. Und so gerinnt am Dienstag die "Bild"-Forderung nach Köhlers Anwesenheit im Kanzleramt allen Ernstes zum ernsten Thema. In der Medien-Runde des neuen Parlamentarischen Geschäftsführers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Norbert Röttgen, wird auch danach gefragt. Der Mann aus dem Rheinland, den Angela Merkel auf diesen Posten gehoben hat, muss sich erst noch daran gewöhnen, auch skurrilste Fragen zu beantworten. Ob mit der Forderung nach Einladung Köhlers nicht die Autorität von Merkel und Edmund Stoiber geschwächt werde? Ob das nicht ein "riesiger Misstrauensklang" aus der Fraktion sei?

Der 39-Jährige Röttgen, seit einem Monat im neuen Amt, ist für einen Moment sprachlos. "Auf diesen Gedanken bin ich noch gar nicht gekommen, damit muss ich mich erst vertraut machen", sagt er dann verschmitzt. Wer denn überhaupt fordere, den Bundespräsidenten dazu zu bitten? Ein Journalist ruft "Missfelder" und "Fuchs".

"Wer ist Fuchs", fragt Röttgen.

Die Union stellt 248 Parlamentarier im Bundestag, ein Abgeordneter namens Fuchs ist selbst den meisten Journalisten, die sich mit der Union beschäftigen, noch nicht weiter aufgefallen. Einer sagt: der sei doch Vizechef der CDU in Schleswig-Holstein. Doch das ist der Mann nun wahrlich nicht, das ist Vöge; Fuchs kommt aus Koblenz.

Röttgen bleibt gelassen. Solange sich das Thema in einem Feld bewege, sagt er zu den Journalisten, "dass wir die Namen in einem gemeinsamen Gespräch erarbeiten müssen", seien solche Forderungen ja hinnehmbar. Am Ende aber muss auch er die Frage noch ernsthaft beantworten. Der Berliner Gipfeldonner lässt eben keinen Raum für Ausflüchte. Und so sagt denn Röttgen kurz und knapp: "Für einen fünften sehe ich da jetzt keinen Platz".

Immerhin - die Republik ist am Dienstag um eine Einsicht klüger: "Superhorst" muss draussen bleiben.



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