Berliner Grüne im Wahlkampf Künast, Kretschmann und die Kohlroulade

Die Auto-Brandanschläge in Berlin bringen SPD-Bürgermeister Wowereit in Bedrängnis. Eigentlich eine Steilvorlage für Herausfordererin Künast - doch der Wahlkampf der Grünen-Politikerin stockt. Ein gemeinsamer Auftritt mit Parteifreund Winfried Kretschmann ließ sie nur noch blasser aussehen.

dapd

Von


Berlin - Bei der Kohlroulade wird es dann peinlich für Renate Künast. Die Kandidatin für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin sitzt an diesem Freitagmittag vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz, neben ihr Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Eine Stunde geht das nun schon so in dieser Tour: Kretschmann wird nach seinem Erfolgsrezept befragt, Künast dagegen ständig mit der harten Realität ihres Wahlkampfs konfrontiert.

Der sieht so aus: Ihr Unternehmen "Rotes Rathaus" ist arg ins Stocken geraten - und das, obwohl der amtierende Bürgermeister Klaus Wowereit wegen der neuen Serie von Auto-Brandanschlägen in die Defensive kommt. Der Sozialdemokrat stolziert siegessicher durch die Kieze Berlins, Künasts Grüne müssen inzwischen sogar fürchten, bei der Abgeordnetenhauswahl am 18. September von der CDU überholt zu werden.

Es steht so schlimm, dass Künast ihre Kohlrouladen-Episode auspacken muss: Neulich, erzählt die Kandidatin, sei sie im Wahlkampf mit einer Frau ins Gespräch gekommen. Die Dame habe sich allerdings rasch mit den Worten entschuldigt, sie müsse jetzt nach Hause, um Kohlrouladen zu machen. Aber sehr gerne, hätte die eifrige Köchin hinzugefügt, würde sie der Grünen-Politikerin später eine Roulade vorbeibringen.

"Wir erleben jede Menge Zuspruch in Berlin", sagt Künast. Und das soll also der Beleg dafür sein.

Nein, es ist kein gelungener Auftritt von Renate Künast. Und das hängt auch mit dem Mann an ihrer Seite zusammen. Die Idee der Grünen-Strategen, Kretschmann könne mit seiner 100-Tage-Bilanz als Ministerpräsident ein bisschen von seinem Glanz auf Künast übertragen, geht gründlich schief. Stattdessen wird deutlich, was die beiden unterscheidet: Kretschmann ist ein Mann, der auch als Ministerpräsident in sich ruht. Trotz der Probleme mit Stuttgart 21, die wohl jedem anderen Regierungschef die Koalition zerreißen würden. Die Bundestags-Fraktionschefin Künast dagegen wirkt neben ihrem Parteifreund aus dem Südwesten noch ein wenig fahriger als sonst.

Die Grünen in Baden-Württemberg haben in einer aktuellen Umfrage weitere fünf Prozent zugelegt, der Ministerpräsident schwebt seit Monaten auf einer Welle der Sympathie, die selbst in der CDU für eine gewisse Ehrfurcht sorgt. Vor-Vorgänger Günther Oettinger stellte kürzlich fest, es gebe inzwischen eine Art Kretschmann-Kult. Der Grünen-Politiker findet das unverständlich, er redet die Probleme seiner Regierung nicht klein. Ja, dass seine Partei gegen und die SPD für S21 ist, sei eigentlich koalitionsverhindernd, sagt Kretschmann. Am Ende soll eine Volksabstimmung ein Votum ergeben, "die Reibereien muss ich in Kauf nehmen". Übelnehmen tut es ihm offenbar kaum einer.

Kretschmann scheint einen Schutzmantel zu tragen

Kretschmann kann sich alles erlauben. "Pah", sagt er irgendwann, als ihn ein Journalist aus der Deckung locken will, "was für eine Frage." Das finden dann alle lustig und lachen. Oder Kretschmann sagt: "Ich werde diese Frage nicht beantworten, bitte verstehen Sie das." Kein Widerspruch. Es scheint, als umgebe Kretschmann inzwischen eine Art Schutzmantel, der ihn gegen alles immun macht. Bei Künast ist es genau andersherum. Was sie sich von dem Auftritt mit Kretschmann verspreche? "Ich verspreche mir viel von Ehrlichkeit - ich wurde eingeladen." Bei ihr klingt so etwas sehr spitz.

Künast hat einen schlechten Lauf. Noch vor Monaten sah es so aus, als könnte sie Wowereit schlagen. Der rot-rote Senat in Berlin hat eine sehr mäßige Bilanz, der Bürgermeister wirkte lange lustlos - und dennoch spricht inzwischen vieles dafür, dass der Sozialdemokrat im Roten Rathaus bleiben kann. Seine grüne Herausfordererin findet einfach kein Mittel gegen Wowereit. Erst recht kein Thema. Die Auto-Brandanschläge will Künast nicht in den Wahlkampf ziehen, da mahnt sie zur Zurückhaltung und wirft der CDU-Stimmungsmache vor. Dass Berlin Defizite in der Bildungspolitik hat, bei der Wirtschaftsansiedlung, im Verkehrsbereich - alles richtig. Aber es scheint so, als ob die Berliner mit ihrem "Wowi" dennoch ganz zufrieden sind.

Das macht Künast wütend. Die Grünen-Politikerin hatte lange überlegt, ob sie die Kandidatur in Berlin wagen sollte. Irgendwann war der Druck so groß, dass Künast gar nicht mehr anders konnte. Nun muss sie damit leben, dass inzwischen mancher Parteifreund von einem Fehler spricht, der ihr damals zuriet.

Auch wenn die Grünen mit Künast ein sehr gutes Ergebnis schaffen werden - für das Bürgermeisteramt wird es wohl nicht reichen. Künasts Not ist so groß, dass selbst Joschka Fischer wieder aus der grünen Mottenkiste geholt wird. Jener Fischer, den führende Grüne seit seinem Abschied aus der Politik normalerweise nach Kräften ignorieren. Nun sagt Künast: "Ich bin Fischer-Schule - also wird bis zum Schluss gekämpft." Der ehemalige Außenminister hatte in dem aussichtslosen Bundestagswahlkampf 2005 bis zur völligen Verausgabung Wahlkampf gemacht. "Bis zum 18. September um 18 Uhr", sagt Künast, werde sie in Berlin um Stimmen werben.

Das findet Ministerpräsident Kretschmann dann doch korrekturwürdig. Er wolle seiner Parteifreundin eigentlich keine Ratschläge geben, hat Kretschmann mehrfach betont, doch diese Anmerkung müsse jetzt sein: "Renate, also kämpf' maximal bis 12 Uhr am Wahltag", sagt er. "Dann ruhst Du dich aus und guckst, dass Du das, was da kommt, mit Freude oder Demut hinnimmst."

insgesamt 106 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pepito_Sbazzagutti 19.08.2011
1. ....
Zitat von sysopDie Auto-Brandanschläge in Berlin bringen SPD-Bürgermeister Wowereit in Bedrängnis. Eigentlich eine Steilvorlage für Herausfordererin Künast - doch der Wahlkampf der Grünen-Politikerin stockt.*Ein*gemeinsamer Auftritt mit Parteifreund Winfried Kretschmann ließ sie nur noch blasser aussehen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,781236,00.html
Interessieren würde es mich schon, diese Zange einmal als Regierende Bürgermeisterin in Aktion zu sehen. Aber nur aus der Distanz - zum Glück bin ich kein Berliner.
rehabilitant 19.08.2011
2. Nix grün
Zitat von sysopDie Auto-Brandanschläge in Berlin bringen SPD-Bürgermeister Wowereit in Bedrängnis. Eigentlich eine Steilvorlage für Herausfordererin Künast - doch der Wahlkampf der Grünen-Politikerin stockt.*Ein*gemeinsamer Auftritt mit Parteifreund Winfried Kretschmann ließ sie nur noch blasser aussehen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,781236,00.html
Das Rennen ist bereits gelaufen, die Grünen pendeln noch um die 20%, Tendenz abwärts. Fukushima ist kein Thema mehr, S21 plätschert noch ein wenig vor sich hin, Kretschmann hat auch noch nichts erreicht, ist nur durch seine unbeholfene Art noch leidlich sympatisch. Warum solten die Berliner eine Grüne wählen, die bisher bestenfalls durch Dauernörgelei, aber nie durch Leistung aufgefallen ist? Wowi hat zugesehen, wie Künast sich ausgetobt hat und gibt nun den Platzhirsch.
krahs 19.08.2011
3. verantwortung!
immer ran an die macht mit den günen,dann wird jeder sehen das sie keinen deut besser sind ;-)
Wooster 19.08.2011
4. ... Haider: GAS geben ...
Zitat von sysopDie Auto-Brandanschläge in Berlin bringen SPD-Bürgermeister Wowereit in Bedrängnis. Eigentlich eine Steilvorlage für Herausfordererin Künast - doch der Wahlkampf der Grünen-Politikerin stockt.*Ein*gemeinsamer Auftritt mit Parteifreund Winfried Kretschmann ließ sie nur noch blasser aussehen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,781236,00.html
SPON mag die Künast nicht. Wen juckt's?! Viel Schöner ist die Aktion der PARTEI: "GAS geben" mit Jörg Haider-Foto. Gibt auch mehr her, die Geschichte, auch für die Schmunzelmuskeln.
Revisionist 19.08.2011
5. ...
Zitat von krahsimmer ran an die macht mit den günen,dann wird jeder sehen das sie keinen deut besser sind ;-)
Das hat Berlin nicht verdient!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.