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Berliner Piraten-Firma: Nerds erobern die Politik

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Beim Start-up-Unternehmen Hoccer in Berlin arbeiten gleich drei Mitglieder der Berliner Piratenfraktion. In der Firma lässt sich viel über die junge Partei lernen - und über einen neuen Typ Politiker: den Nerd.

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Piratenpartei

Berliner Pirat und Firmenchef Mayer: Der Nerd, ein neuer Typ Politiker

Berlin - Es ist spät am Abend, als Pavel Mayer die Tür zum Piratenland öffnet. Er läuft durch spärlich möblierte Räume, vorbei an ein paar Tischen, Bildschirmen und Kisten. Auf einem Tisch liegen zehn Handys und ein Prospekt vom Pizzaservice. Im Kühlschrank stehen Flaschen von Club Mate, der Piraten-Brause.

Mayer ist Mitglied der Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus und Geschäftsführer von Hoccer, einem Software-Unternehmen mit sieben Angestellten. Er beschäftigt zwei andere Abgeordnete der Berliner Piratenpartei, Christopher Lauer und Martin Delius.

Bis vor kurzem arbeitete auch Simon Weiß in der Firma, ein weiterer Abgeordneter, der inzwischen gekündigt hat, weil er sich auf die Politik konzentrieren will. An diesem Abend ist Pavel Mayer der einzige Pirat im Büro.

Er nimmt an einem Konferenztisch Platz, dreht sich eine American Spirit und sagt, dass er gezögert habe, Journalisten einzuladen. Die Konrad-Adenauer-Stiftung wirft den Piraten auf ihrer Homepage vor, die Partei übe sich in der "Vertuschung von Interessenkonflikten". Sie hätte vor der Berliner Wahl nicht offengelegt, dass vier Kandidaten bei derselben Firma arbeiteten - bei Mayers Firma. Von "bewusster Irreführung" ist dort die Rede, "im Gegensatz zu ihrer öffentlichen Transparenzforderungen".

"Piraten fragen war am einfachsten"

Mayer sagt, bei der Aufstellung der Kandidaten im März hätten die drei Piraten noch gar nicht für ihn gearbeitet. Er habe der Öffentlichkeit auch nie etwas verschwiegen. Er habe einfach dringend neue Leute gesucht, weil ihm im Sommer andere Mitarbeiter kurzfristig abgesprungen seien. "Es war am einfachsten, Piraten zu fragen", sagt Mayer. "Im Wahlkampf haben wir uns ja ständig gesehen." Nach der Wahl habe er Politik und Beruf nicht miteinander vermischen wollen, deswegen die Zurückhaltung bei dem Thema.

Mayer will Hoccer und die Piraten in der Öffentlichkeit trennen, aber er weiß, dass das schwierig ist. Die Geisteshaltungen, die hinter der Partei und seiner Firma stecken, sind nahezu deckungsgleich: An beiden Orten geht es um Strategien, wie sich Probleme lösen lassen, ganz gleichgültig, ob es Probleme der Demokratie oder der Software sind. Piraten wie Programmierer sind davon überzeugt, dass sich Probleme mit der Hilfe von Technik bewältigen lassen.

Viele bleiben nicht länger als ein Jahr in einem Start-Up. Sie suchen sich dann einen neuen Job, legen eine Pause ein oder gründen ein eigenes Unternehmen, wenn sie eine bessere Idee haben. "Piraten sind prekäre Arbeitsbedingungen gewöhnt", sagt Pavel Mayer.

Das Besondere ist, dass die Piraten prekäre Verhältnisse als Vorteil ansehen. Sie lieben die Freiheit. Zu viel soziale Sicherheit würde die Parteimitglieder sogar einschränken, sagt Pavel Mayer. Deswegen verstünden viele Menschen auch ihre Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen falsch. Es gehe den Piraten nicht ums Faulenzen auf Kosten des Staates. Stattdessen soll der Bürger von Geldsorgen befreit werden, um sich seinen wahren Interessen zu widmen.

Ein neuer Typ Politiker

Auch mit dieser Einstellung ist ein völlig neuer Typ Politiker in die Parlamente eingezogen: der Nerd. Der Nerd galt bislang als hochintelligenter, aber lichtscheuer Sonderling, der wenig Interesse daran hatte, sich der verkrampften Logik der Machterhaltung zu unterwerfen. Seinen langen Weg vom Rand der Gesellschaft in die Mitte hat er um die Jahrtausendwende angetreten, in der Boomphase des Internets.

Dem deutschen Nerd ging es zunächst um soziale Anerkennung. Nun strebt er nach Einfluss, weil er am Computer seiner Meinung nach die besseren politischen Rezepte gefunden hat. Und weil er nicht hinnehmen will, dass sein Lebensraum, das digitale Universum, immer häufiger von Politikern heimgesucht wird, die davon keine Ahnung haben.

Die Heimsuchung kommt in Gestalt von Ministern, Regierungschefs oder im schlimmsten Fall von Polizisten, die Computer beschlagnahmen. Das ist zum Beispiel in Schweden im Mai 2006 passiert. Die Ermittler nahmen damals die Server mit, auf denen "The Pirate Bay" lief, eine Website, über die Nutzer weltweit Software, Musik und Filme tauschen konnten.

Der Fall Zensursula als Schlüsselmoment

Der Schlag gegen "Pirate Bay" war der Urknall für die weltweite Piraten-Bewegung. Der Staat hatte die Nerds auf ihrem Boden angegriffen, aber auch das war letztlich nur ein Problem, das man lösen konnte. Sie würden zurückschlagen.

Gut drei Monate später gründete sich die Piratenpartei auch in Deutschland. Pavel Mayer machte sich damals lustig über die neue Partei, daran erinnert er sich noch gut. Mit seinen Freunden vom Chaos Computer Club (CCC) sah er auf die Piraten herab, wie er sagt. "Ich hielt das für eine Schnapsidee. Komplett unseriös."

Das änderte sich mit den Plänen von Ursula von der Leyen, als damalige Familienministerin im Jahr 2009 Internetsperren einzuführen. Wieder wollte eine fremde Macht in die Welt der Piraten eindringen und Informationen sperren. So sehen es die Piraten.

Für Mayer war das Gesetzesvorhaben eine Lektion: Er musste lernen, dass der Einfluss des CCC oft an den Türen der Parlamente endet. Wer jedoch gestalten will, muss weiter gehen. Nach den Europawahlen 2009 trat Mayer in die Piratenpartei ein. Bereits in diesem Sommer wurde er in das Abgeordnetenhaus gewählt. Heute liegt die Partei in Umfragen auf Bundesebene bei über fünf Prozent.

Verliebt in Programme und Platinen

Pavel Mayer hat sich in den vergangenen Monaten viele Gedanken darüber gemacht, weshalb die Piraten so einen irren Zulauf bekommen und wer die Leute sind, die jetzt an die Macht stürmen. Er sagt, die meisten Piraten kämen aus den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. "Diese Leute haben es schwer, in anderen Parteien Fuß zu fassen."

Bei der Piratenpartei seien sie endlich auf Gleichgesinnte gestoßen. Hier treffen sich Fortschrittsoptimisten, die Probleme lösen, die für die meisten Menschen gar nicht existieren. Sie sind verliebt in Programme und Platinen.

Im Berliner Abgeordnetenhaus überlegen die Piraten, ihre Abstimmungssoftware Liquid Feedback für alle Parlamentarier einzuführen. "Dann könnten wir fraktionsübergreifend Anträge entwickeln", sagt Pavel Mayer. "Die Piraten würden sich in der klassischen Oppositionsrolle gar nicht wohlfühlen." Doch bevor sich daran etwas ändert, muss die gesamte Partei erst noch klären, wo sie überhaupt hin will - an diesem Wochenende treffen sich die Piraten in Offenbach zu ihrem Bundesparteitag.

Im Grunde sind die Piraten wie Mayers Firma Hoccer. Vielleicht erobern sie die Welt. Vielleicht zerstören sie sich aber auch selbst oder werden von der Konkurrenz vom Markt gedrängt.

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