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Berliner Problemschule: Pöbeln aus Angst vor dem miesen Image

Von Yassin Musharbash

Die Gewalt an Schulen hat plötzlich einen Ort und eine Namen: Berliner Rütli-Schule. Das Kollegium hatte wegen unhaltbarer Zustände SOS gefunkt. Die Schüler aber, meist Migrantenkinder, wollen sich nicht abstempeln lassen - und pöbeln gegen ihren Ruf an.

Berlin - Dass heute kein Schultag wie jeder andere ist, kann niemand übersehen: Dutzende Journalisten und Fernsehteams stehen vor dem Gebäude der Rütli-Oberschule im Berliner Problemkiez Neukölln und halten den Schülern ihre Blöcke und Mikrofone unter die Nasen. Sie sind gekommen, um zu besichtigen, was das Kollegium des Hauptschulzweigs in einem Brandbrief an die Schulbehörde als eine Lehranstalt am "Ende der Sackgasse" beschrieben hat. Eine Schule, in der Gewalt an der Tagesordnung ist, Türen eingetreten werden und Lehrer Angst haben müssen, wie es in dem Schreiben weiter heißt. Das Ghetto also, mitten in der Hauptstadt.

Ghetto-Spielen mit Fotograf: Wie normal verhalten sich Schüler, wenn Dutzende Journalisten dabei sind?
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Ghetto-Spielen mit Fotograf: Wie normal verhalten sich Schüler, wenn Dutzende Journalisten dabei sind?

In der Tat ist die Stimmung aggressiv: Ein Neuntklässler in gelbem Pullover und mit Silberkette angetan rülpst ständig in immenser Lautstärke, wenn sich ihm ein Journalist nähert. "Ihr schreibt doch alle nur scheiße!", rechtfertigt wütend ein libanesischstämmiges Mädchen, dass ein paar Jungs einer Reporterin gerade den Block entwendet und zerrissen haben. Ein Fotograf wird von einer kleinen Gruppe Halbstarker eingekreist und eingeschüchtert.

Doch was sagen diese Szenen aus? Repräsentativ sind sie wohl kaum. Denn ganz offensichtlich fühlen sich die Schüler, als wären sie im Zoo - aber auf der falschen Seite des Gitters. Sie reagieren über, weil sie nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen: Einige tun das, was die Journalisten offenbar von ihnen erwarten. Andere wehren sich so aggressiv gegen ihren schlechten Ruf, dass es kaum helfen dürfte.

Sie sind unsicher. Aber sie sind nicht die einzigen, die Schule ist es auch: Die Schulleitung ist nicht zu sprechen; und auch ein Lehrer verweist auf ein Redeverbot, das dem Kollegium auferlegt wurde - schriftlich. Einem Fotografen kommt die Szenerie auf dem Pausenhof so unwirklich vor, dass er sich sogar ein paar türkische und arabische Jungs schnappt und sie bittet, sich als Gang aufzubauen. "Etwas breitbeiniger", fordert er einen von ihnen auf. Die Junge spielen mit und tun böser, als sie wahrscheinlich sind: Bitte recht unfreundlich. Ghetto als Montage.

"Schlägerei anzetteln, Leute abziehen"

Nur wenn man ein paar Schüler zur Seite nimmt, kann man etwas mehr erfahren über die Zustände im Inneren des fast 100 Jahre alten Gebäudes. "Die Geschichte, die heute in der Zeitung stand, ist total übertrieben", sagt ein in schwarz gekleideter Freund des Rülpsers, auch er libanesischstämmig, mit Bezug auf eine Geschichte im Berliner "Tagesspiegel" von heute, die den ganzen Rummel ausgelöst hat. "Die Schlimmen sind doch fast alle schon geflogen." Jeder wisse hier: Wer "Faxen macht", wird der Schule verwiesen. Und nicht einmal an der Rütli-Schule gilt das als erstrebenswert. "Faxen machen" - das heißt hier übrigens: "Schlägereien anzetteln oder Leute abziehen."

Auch dass libanesische und türkische Kinder, die hier die Mehrheit der Schüler stellen, einander bekriegen, sei unwahr. "Hier, guck uns an!", sagen die beiden Libanesen und zeigen auf ihren türkischen Freund, der neben ihnen steht und auf arabisch flucht, der lingua franca des Neuköllner Schulhofs. Und die eingetretenen Türen? "Eine einzige war das, vor drei Monaten", behauptet ein Achtklässler.

"Naja", relativiert anschließend, als der erste Sprecher außer Sichtweite ist, ein etwas jüngerer Palästinenser: "Also Türen gehen hier öfter schon mal kaputt. Und Fenster auch. Und Taschen fliegen aus den Fenstern. Und Messer werden hier auch mit in die Schule gebracht." Ein Idyll, so viel ist klar, ist die Rütli-Schule nicht. Aber ist das hier der einsame Pausenhof der Vorhölle? "Redet nicht so schlecht über unsere Schule", unterbricht eine Schülerin mehrmals, "sonst kriegen wir hier später keine Jobs." Eine Gruppe Mädchen zählt auf: "Kepler-Schule, Löwen-Schule, Hahn-Schule - da ist es mindestens wie hier!"

Es gibt einen deutlich vernehmbaren Reflex auf dem Schulhof, die Schule und damit sich selbst nicht zu hoffnungslosen Fällen abstempeln zu lassen. "Das ist doch hier kein Ghetto!!", sagen die Mädchen lachend.

Die Rütli-Oberschule hat eine lange Geschichte, sie war schon in den 1920er Jahren die berühmteste Reformschule Berlins, die sich unter anderem dadurch auszeichnete, dass Eltern- und Schülerausschusse an der Gestaltung der Schule beteiligt waren. Sogar Esperanto wurde hier unterrichtet. Von den Nazis wurde die Schule wegen ihrer Liberalität geschlossen. Aus dem Kreis ehemaliger Rütli-Schüler ging eine Gruppe Widerstandskämpfer hervor, die 1942 wegen Hochverrrats hingerichtet wurde. Sie waren 17-20 Jahre alt, heute erinnert eine Gedenktafel am Schulgebäude an sie.

Auch nach dem Krieg, bis in die 1960er, machte die Schule durch interessante, innovative Konzepte auf sich aufmerksam. Doch mittlerweile hat sie die Fähigkeit, Schwierigkeiten gemeinsam zu lösen, ganz offensichtlich verloren.

"Das hat nichts mit dem Ausländeranteil zu tun"

Gegenüber des Pausenhofs liegt ein Spielplatz, der Kindergarten um die Ecke nutzt ihn, und die Kindergärtnerin muss jeden Tag mit ihren Schützlingen an den Rütli-Schülern vorbei. Sie will ihren Namen nicht veröffentlicht sehen, denn sie stammt aus dem Kiez. Aber sie bestätigt: Wohlfühlen kann man sich in der Umgebung der Schule nicht unbedingt. "Da kommen blöde Sprüche, wenn wir hier vorbei laufen. Die Schüler halten uns Zigaretten entgegen und spucken." Allerdings, so betont sie, "hat das nichts mit dem Ausländeranteil zu tun. Das ist eine Frage der sozialen Schicht." In ganz Neukölln sei außerdem seit Jahren zu beobachten, "dass die Sprache sich ändert, der Umgang härter wird." Nicht nur an der Schule.

Die Rütli-Schule, das wird schnell klar, ist wohl nur die Spitze des Eisbergs. Hier aber hat das Kollegium kapituliert und SOS gefunkt. Es verlangt nicht weniger als eine Neugründung der Schule - mit anderer ethnischer Zusammensetzung und nicht mehr als zur "Restschule" verkommene Hauptschule. Der Schulsenator hat bereits mitgeteilt, dass keine Berliner Schule aufgegeben werde. Und dass man mit Hochdruck die Besetzung der vakanten Schulleiterposten betreibe. Doch schon seit Jahren hat man hier keinen stellvertretenden Schulleiter finden können - niemand will hier arbeiten.

Um 13.20 Uhr ist eigentlich Schluss an der Rütli-Schule. "Wie lange bliebt ihr noch?", fragt ein Schüler einen Journalisten. "So lange wie ihr", antwortet der. "Und wir bleiben, solange ihr bleibt, und passen auf unsere Schule auf", sagt der Schüler.

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