Berliner Reaktion auf Berlusconi-Abgang Keine Träne für Silvio

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi geht, die deutsche Politik atmet auf: Sein Verhältnis zu Angela Merkel galt als schwierig, zu oft hatte er die Deutsche brüskiert. Schon Helmut Kohl war von dem Paradiesvogel aus Rom wenig angetan.

Kanzlerin Merkel und Ministerpräsident Berlusconi: Schwieriges Verhältnis
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Kanzlerin Merkel und Ministerpräsident Berlusconi: Schwieriges Verhältnis

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Berlin - Die Kanzlerin war auf dem Herbstempfang der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in Berlin, als sie die Nachricht vom baldigen Rücktritt des italienischen Ministerpräsidenten erreichte. Was Angela Merkel über den Abgang von Silvio Berlusconi denkt, ist nicht überliefert. Was sie von Italien in der Euro-Krise erwartet allerdings schon: "Italien muss seine Sparanstrengungen verstärken - und das weiß auch die italienische Regierung. Sie hat einen Plan vorgelegt, der jetzt umgesetzt werden muss."

Das politische Ende Berlusconis dürfte die Kanzlerin dabei nicht allzu stark schmerzen. Das Verhältnis war angespannt, trotz der Dauerlächelei der beiden auf internationalen Gipfeln. Zuletzt musste Merkels Regierungssprecher Steffen Seibert kunstvoll sogar ein Mienenspiel der Kanzlerin interpretieren und dementieren. Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatten auf dem EU-Krisengipfel zum Euro auf die Frage eines Reporters, ob sie Berlusconi noch vertrauten, gegrinst. Berlusconi behauptete danach dreist, Merkel habe sich dafür bei ihm entschuldigt - was Seibert prompt dementieren musste. Es habe nichts gegeben, wofür man sich hätte entschuldigen müssen, sagte er.

Das absurde Beispiel zeigte: Berlusconi ist zu einer veritablen Lachnummer geworden. Selbst das Zucken auf dem Gesicht einer deutschen Kanzlerin wurde in Italien zur halben Staatsaffäre. Der Mann, der sich seiner rauschenden Feste mit jungen Models öffentlich rühmte - Stichwort "Bunga, Bunga" - wurde in Berlin in letzter Zeit nur noch kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen. In Hintergrundgesprächen zeigten Berliner Politiker, wenn sein Name fiel, eine Mischung aus Belustigung, Unverständnis und Besorgnis. Er war ein Pfau. Einer, dem man einem Land wie Italien, das bei den Deutschen weiter beliebt ist, eigentlich nicht als Regierungschef wünscht.

Irritationen gab es manche. Unvergessen bleibt, wie Berlusconi bei einem Nato-Treffen vor zwei Jahren vor laufenden Kameras die deutsche Kanzlerin bei der Begrüßung stehen ließ, sich abdrehte und stattdessen in sein Handy sprach. Noch ärger kam es vor einigen Monaten, als in italienischen Medien grob despektierliche Äußerungen kursierten, die Berlusconi in einem - abgehörten - Telefonat mit einem inzwischen inhaftierten Unternehmer über Merkels Äußeres gemacht haben soll. Berlin ließ das unkommentiert.

Unpassender Mussolini-Vergleich

Doch waren das Petitessen angesichts der Probleme, die auf Italien lasten. Berlusconis unseriöser Stil - zuletzt hatte er sich auch noch über den Euro lustig gemacht - passt nicht zu der dramatischen Lage. In der Euro-Krise sind Taten gefragt. Die Zinsen auf italienische Anleihen stiegen zuletzt stark an, das Land droht nach Griechenland zum nächsten Schwerkranken in der Euro-Zone zu werden.

Nun, angesichts des nahen politischen Endes des derzeit schillerndsten Premiers in der EU, wird in Berlin hörbar aufgeatmet. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle enthält sich am Mittwoch zwar jedes Kommentars zur Person Berlusconis: "Ich bin nicht der Oberlehrer aus Berlin, die Italiener sind ein sehr stolzes Volk", sagt er, fügt aber hinzu: "Ich kann nur hoffen, dass es in Rom bald eine stabile Regierung gibt."

Unionsvizefaktionschef Michael Fuchs, ein leidenschaftlicher Italien-Anhänger, der selbst die Sprache spricht, wird deutlicher und gibt unumwunden zu: "Ich bin wirklich erleichtert." Fuchs, der dem Wirtschaftsflügel seiner Partei angehört, hofft darauf, dass mit einem seriöseren Ministerpräsidenten in Rom auch den Märkten ein starkes Signal gegeben wird: "Mit einem neuen Gesicht werden die Zinsen auf italienische Anleihen sinken." Der Christdemokrat hätte auch schon einen Wunschkandidaten parat: Mario Monti, Ex-EU-Kommissar, derzeit als einer der Nachfolger Berlusconis im Gespräch. Fuchs kennt ihn persönlich, Monti ist Vorsitzender der "Trilateralen Kommission", einem internationalem Thinktank und Netzwerk, in dem Fuchs einer der Vizes ist. "Hochseriös, extrem gut vernetzt, polyglott, mit europäischer Kompetenz", lobt er den Italiener.

Sorge vor neuer Instabilität nach Berlusconis Abgang

Berlusconi und deutsche Politiker - das war seit jeher eine schwierige Beziehung. Selbst Altkanzler Helmut Kohl hatte für den Mann wenig bis nichts übrig. Im italienischen Wahlkampf 2006 unterstützte der deutsche Christdemokrat demonstrativ den Kandidaten des Mitte-Links-Bündnisses, Romano Prodi - gegen Berlusconi. Er flog dafür sogar extra nach Rom, um sich mit Prodi zu zeigen und hatte bei einem Treffen mit den Vertretern von Berlusconis Mitte-Rechts-Wahlbündnis keine wärmenden Worte übrig.

Wer ins Kreuzfeuer Berlusconis kam, konnte davon sogar profitieren. So machte er den Europaparlamentarier Martin Schulz im Juli 2003 auf einen Schlag über Brüssel hinaus mit einer fulminanten Attacke berühmt. "Herr Schulz, ich kenne in Italien einen Produzenten, der einen Film über Konzentrationslager der Nazis macht. Ich werde Sie für die Rolle eines Kapos vorschlagen. Sie sind dafür wie geschaffen", donnerte er dem damaligen Vorsitzenden der Gruppe der deutschen Sozialdemokraten im EU-Parlament entgegen. Der hatte ihn zuvor in einer scharfen Rede angegriffen.

Der verbale Ausbruch führte zu einer Mini-Krise in den deutsch-italienischen Beziehungen, Berlusconi musste mit dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder telefonieren und äußerte sein Bedauern. Die Ironie der Geschichte: Schulz soll bald neuer EU-Parlamentspräsident werden, Berlusconi dürfte dann schon nicht mehr im Amt sein.

Berlusconis Abgang von der großen Bühne löst in Berlin Zuversicht aus, Italiens Wirtschaft gilt als robust. Aber es gibt auch manche Sorgen. So sehr Berlusconis Stil auch irritierte, seine Regierung blieb immerhin stabil. Das war in Italien nicht immer so. "Berlusconi ist nicht beliebt in der deutschen Politik", sagt der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Philipp Missfelder, "aber ich hoffe, dass das Parteiensystem in Italien nicht zerfällt und jetzt wieder alle paar Monate Wahlen anstehen."

insgesamt 22 Beiträge
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+LY 09.11.2011
1. Hurra, Berlusconi geht,
endlich und auch hoffentlich, meinen Gesichtsausdruck kann ich hier leider nicht schildern, müßte ein Foto/ Video sein; und dennoch, seine Merkel-Äußeres-Äußerung gehört zum Besten, zum Köstlichsten, Einschlägigen des Jahres 2011, das wird in die Geschichte eingehen und bleiben, wann auch immer im selben Atemzug von Merkelin und Berlusconi gesprochen werden wird, oder allein über sie und damit muß Merkelin bis in alle Zukunft leben, so ist das, Ihr Politiker, Scheinheilig, Speichelleckerlich und Hinterhältig (!) nur die verdrillten Umschreibungen des Zitats in den Medien, Putins derbe Zitate dagegen waren sofort in aller Munde/allen Titelseiten. Nachtigall, ick hör Dir trapsen.
gabriel_wolmert 09.11.2011
2. ot
Berlusconi ist doch kein "Paradiesvogel". Ein "Paradiesvogel" in der Politik ist vielleicht Obama oder der republikanische Präsidentschaftskandidat Ron Paul. Berlusconi ist schlichtweg ein reaktionärer Möchtegern-Mussolini.
mitwisser, 09.11.2011
3. ...
Zitat von sysopItaliens Ministerpräsident Silvio Berlusconi geht, die deutsche Politik atmet auf:*Sein Verhältnis zu*Angela*Merkel galt als schwierig, zu oft hatte er die Deutsche brüskiert. Schon Helmut Kohl war von dem*Paradiesvogel aus Rom wenig angetan. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,796784,00.html
Mag sein, dass Berlusconi Dreck am Stecken hat, sehr wahrscheinlich sogar. Aber seine Karriere vom Staubsauger-Verkäufer ist genial - und nur durch ähnlich korrupte Politiker möglich (Lizenzen). Was ist mit Kohl und Kirch - derselbe Mist. Parteispenden inklusive. Und mit Kohl und Erika möchte ich auch nichts zu tun haben, die sollten sich nicht als etwas Besseres fühlen. Mein Ehrenwort! Also kann ich sogar etwas Gutes an dem Berlusconi finden, der hat das Pack mit ihren eigenen Waffen geschlagen...
roflem 09.11.2011
4. Alles Quark
Die Berlusca ist NUR in die Politik gegangen um sich Immunität vor Strafverfolgung zu sichern! Jetzt wird er noch solange am Sessel kleben bis er Senatore a Vita wird....Immun bis zur Mumifizierung....
cfjk 09.11.2011
5. ist das wahr?
Zitat von roflemDie Berlusca ist NUR in die Politik gegangen um sich Immunität vor Strafverfolgung zu sichern! Jetzt wird er noch solange am Sessel kleben bis er Senatore a Vita wird....Immun bis zur Mumifizierung....
Kann das bitte ein Italien-Kundiger bestätigen oder verneinen? Gibt es diese Form von Immunität in Italien? Denn viele Leute fragen sich, was mit ihm wird, wenn seine Sonderrechte als Ministerpräsident weg sind.
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