Berliner Rede Rau las der Elite die Leviten

Johannes Rau hat bei seiner letzten "Berliner Rede" den Eliten von Wirtschaft und Politik ins Gewissen geredet. Einige hätten offenbar "alle Maßstäbe verloren", kritisierte der scheidende Bundespräsident.


Rau: "Egoismus, Gier und Anspruchsmentalität"
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Rau: "Egoismus, Gier und Anspruchsmentalität"

Berlin - Der "Vertrauensverlust" in Deutschland habe "ganz handfeste Gründe", sagte das Staatsoberhaupt. So müsse man beispielsweise erleben, dass einige, die in wirtschaftlicher und öffentlicher Verantwortung seien, "ungeniert in die eigene Tasche wirtschaften", sagte Rau. "Das Gefühl für das, was richtig und angemessen ist, scheint oft verloren gegangen zu sein", mahnte er. "Egoismus, Gier und Anspruchsmentalität in Teilen der so genannten Eliten schwächen auch das Vertrauen in die Institutionen selber, wenn deren Repräsentanten oft alle Maßstäbe verloren haben".

Vertrauen werde auch zerstört, wenn der Eindruck entstehe, in der Politik gehe es in erster Linie darum, wer sich gegen wen durchsetzt. Dadurch würden wichtige Sachfragen als Nebensache behandelt, "so dass am Ende oft das Falsche oder Dilettantische herauskommt". Als "besonders schlimmes Beispiel für diese Art von Politik" bezeichnete Rau die Entwicklung um das Zuwanderungsgesetz.

Als vertrauenszerstörend kritisierte der Bundespräsident auch die "offenbar anhaltende Wirkungslosigkeit all dessen, was die Arbeitslosigkeit beseitigen soll". "Die Arbeitslosigkeit ist die größte Wunde der Gesellschaft", betonte Rau. Niemand habe ein Konzept für Erfolgsgarantie. Doch das ständige Schlechtreden halte viele Unternehmer davon ab, zu investieren und viele Bürger, zu kaufen. Wirtschaft und Wirtschaftspolitik bestünden bekanntlich zu 50 Prozent aus Psychologie.

Rau rief zu mehr Zuversicht und Vertrauen beim Blick in die Zukunft auf. "Es ist höchste Zeit, alles dafür zu tun, dass wir die Vertrauenskrise überwinden, in die unsere Gesellschaft geraten ist", betonte der Bundespräsident. Er forderte alle gesellschaftlichen Schichten zu Eigenverantwortung und Engagement auf, denn nur so könne die pessimistische Grundstimmung überwunden werden.

Man müsse sich fragen, ob tatsächlich vieles so schwierig und unsicher sei, ob tatsächlich vieles schlecht und erneuerungsbedürftig sei - "oder ob vieles einfach schlechtgeredet wird", sagte das Staatsoberhaupt. Er kenne kein Land, "in dem so viele Verantwortliche und Funktionsträger mit so großer Lust so schlecht, so negativ über das eigene Land sprechen, wie das bei uns in Deutschland geschieht".



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