Berliner Wahlkampf: Herr Wilders von rechts außen greift ein

Von Yassin Musharbash

Populisten unter sich: Ex-CDU-Mann Rene Stadtkewitz, der mit seiner Rechts-Truppe "Die Freiheit" ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen will, hatte den Niederländer Geert Wilders eingeladen. Das Publikum bekam, wonach es verlangte: Gruseln vor der "Islamisierung" und knallharte Euro-Skepsis.

Wilders in Berlin: Die große Geert-Show Fotos
Getty Images

In anderen Parteien nennt man sich "Genosse" oder begrüßt seine "Freundinnen und Freunde". Bei den Berliner Rechtspopulisten von der Partei "Die Freiheit" und ihren Gesinnungsgenossen aus halb Europa ist alles eine Nummer größer: Freiheitskämpfer oder Widerstandskämpfer, drunter machen sie's nicht. Schließlich habe ja jeder die Veranstaltung im Maritim-Hotel nur unter erheblicher Gefahr für seine Sicherheit erreicht - was eine gnadenlose Übertreibung ist, angesichts von einem Häufchen Demonstranten wenige hundert Meter entfernt.

Aber um Widerstand geht es an diesem Tag immer wieder, ob nun "Freiheit"-Spitzenkandidat Rene Stadtkewitz spricht oder sein Star-Gast und "lieber Freund" Geert Wilders: Die Islamisierung Europas, so der Konsens, ist bereits in vollem Gange.

Und Stadtkewitz, derzeit noch Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, in das er für die CDU gewählt wurde, die er aber mittlerweile verlassen hat, ist sich nicht einmal zu schade, die wenige Meter entfernt hingerichteten Widerstandskämpfer des 20. Juli zu vereinnahmen, "weil auch wir Widerstand leisten wollen".

Gegen die EU, gegen den Islam

In seiner halbstündigen Rede schiebt Stadtkewitz zumeist Thilo Sarrazin vor, der habe ja schließlich "die Wahrheit" bereits aufgeschrieben. Für den Fall, dass sie nicht allen geläufig sein sollte, fasst er die "Wahrheit" noch mal in seine eigenen Worte: "Der Islam und die westliche freie Welt sind nicht kompatibel." Oder auch: "Wer sagt, dass der Islam zu Deutschland gehört, will die Islamisierung Deutschlands." Der Islam aber sei "ein System der Unterdrückung".

Warum aber braucht man, wenn es doch schon Sarrazin gibt, eine Partei wie die "Freiheit"? Stadtkewitz erklärt's gerne: Weil trotz Sarrazin eben nichts passiert sei. Nur eine Partei - seine - könne das Establishment zum Handeln zwingen.

Das ist übrigens die zweite Argumentationslinie, die an diesem Nachmittag durchgehend bemüht wird: Die da oben nehmen unsere Sorgen nicht ernst! Es wird ständig über unsere Köpfe hinweg entschieden! Deswegen gibt es viel Applaus, als Stadtkewitz sagt, er wolle nicht für die Schulden anderer geradestehen. Die EU, man merkt es schnell, gilt hier als fast genauso große Gefahr wie "der Islam".

Oder sogar als ebenso groß: Es gebe zwei Mächte, gegen die jetzt Widerstand geleistet werden müsse, sagt Geert Wilders, als er endlich dran ist: Islamisierung. Und Europäisierung. "Wir wollen wieder Herr im eigenen Haus sein!", ruft Wilders unter Beifall - und damit hat er die Klammer gefunden, die die beiden Themen im Bewusstsein des sympathisierenden Publikums verbindet: Ein Gefühl der Machtlosigkeit eint sie, und das Gefühl, dass ihnen etwas aufgezwungen wird.

Das Publikum ist glücklich

Wilders ist natürlich ein viel besserer Redner als Stadtkewitz. Allein der folgende Dreisprung: Der norwegische Attentäter Anders Breivik habe ein abscheuliches Verbrechen begangen, er sei ein Psychopath, "er ist keiner von uns", sagt Wilders. Und warum nicht? "Weil wir Demokraten sind, wir verabscheuen Gewalt, wir glauben an friedliche Lösungen." Und weil das so ist, "weisen wir übrigens den Islam zurück", denn der habe schließlich eine "gewalttätige Natur".

Als nächstes zählt Wilders die Gesetzesvorhaben auf, die er mit seiner eigenen Partei, die in den Niederlanden eine Mitte-Rechts-Regierung toleriert, durchgesetzt hat - härtere Einwanderungsregelungen zum Beispiel oder ein geplantes Verbot von Burka und Gesichtsschleier. Auch vor Pathos hat Wilders, wie immer mit akkurater Beethovenfrisur, keine Angst: "Wir sind die freien Männer und Frauen des Westens!" Da ist das Publikum glücklich und fühlt sich verstanden.

Wilders schreit nicht, er redet gemessen, ruhig, souverän. Ein Teil seines Tricks bei der Beschreibung der Zustände der Gegenwart ist dabei, dass er eben diese Gegenwart frisiert. Wilders macht konsequent keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus, zwischen einer Religion und ihren Anhängern, zwischen Texten und ihrer Interpretation 1400 Jahre später, zwischen Migranten in Europa und der Politik in ihren Heimatländern. So fügt sich alles, und er, er allein hat es durchschaut. Standing Ovations.

Manche aus dem Publikum haben für die Eintrittskarten so viel wie für ein Rockkonzert bezahlt, viele sind "Freiheit"-Mitglieder, die sogar aus Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt oder sonst wo angereist sind. Die Mischung ist breit, reicht vom Burschenschafter über die Friseurin bis zum golfenden Rentner. Trotzdem sind Plätze frei geblieben, das passt zum Zustand der Stadtkewitz-Partei, die aktuellen Umfragen zufolge nicht ins Abgeordnetenhaus einziehen wird.

Am Spätnachmittag ist es langsam vorbei. An der Hotelbar sitzen jetzt noch ein paar Gelbhemden der rechtspopulistischen "Schwedendemokraten" zusammen, zwei junge Männer witzeln über BMW "mit eingebautem Dönerhalter", eine junge Frau sucht Koransuren zusammen, die die Gewalttätigkeit des Islam beweisen sollen. Eine andere Frau empört sich darüber, dass eine Österreicherin verklagt wurde, "nur" weil sie den Propheten Mohammed einen Pädophilen genannt hatte.

"Wäre super, wenn wir auch einen wie den Wilders hätten", kann man am Raucherstand vor der Drehtür hören. Niemand widerspricht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 312 Beiträge
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1. Putsch und Staatsstreich
Herman Winterthal 03.09.2011
Was könnte schlimmer sein, als die behauptete "Mitte" der verfassungs-, demokratie- und deutschlandfeindlichen Einheitspartei CDUSPDFDPGRÜNE? Ich sympathisiere nicht mit der Splitterpartei der CDU, der Freiheit, kann aber nur jeden dazu beglückwünschen, der sich gegen die Parteien- und Finanzdiktatur stellt und "Sonstige" wählt oder am Besten sofort vom Art. 20 Abs 4 GG Gebrauch macht und die hochkriminelle Regierung aus dem Amt befördert. Wie man sich aus ideologischen und "politisch korrekten" Gründen in den Medien vor die Regierung und ihre Verfassungsbrüche, die Verletzungen von Gewaltenteilungen und Rechtsstaat und die Aushöhlung der parlamentarischen Demokratie stellt, macht einem Angst. Will man beim Spiegel eine EUDSSR mit stalinistischen Zügen? Genau das ist es, was gerade in großen Schritten auf uns zukommt. Es ist Zeit zu handeln.
2. Verfassungsfeinde
Against_NWO 03.09.2011
Wer bricht denn ständig alle gemachten Verträge und die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts. Sind es die Rechtspopulisten oder die vom Verfassungsschutz beobachtete und als bedenklich eingestufte Linke? Nein, es sind unsere großen "Volksparteien" die gar nicht schnell genaug das vom Volk erarbeitete Vermögen in andere Länder oder an Banken transferieren können. Wieso werden diese eigentlich nicht überwacht und als bedenklich eingestuft? Dagegen sehen die Rechtspopulisten mit ihrer Phobie einfach lächerlich aus denn ihre Sorgen sind gering im Gegensatz zu dem was uns unsere Regierenden bescheren
3. War Hr. Yassin auf anderem Vortrag ?
Cheesie 03.09.2011
oder hatte er bereits ein vorgefertigten Artikel parat Der Bericht trieft von Verrehungen und Unterstellungen Der Islam aber sei "ein System der Unterdrückung". Er ist es .. oder kann Hr Yassin ein Demokratisches islamisches Land aufführen ? Wilders macht konsequent keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus Weil es keinen gibt ! Ich selbst habe 12 Jahre in einem islam. Land als GM verbracht .. Es gibt keinen Unterschied und dies hat auch Hr Erdogan betsätigt! Erdogan sagte im Kanal D TV über den Begriff "moderater Islam", der im Westen oft zur Beschreibung seiner Partei AKP benutzt wird: "Diese Bezeichnungen sind sehr hässlich, es ist anstößig und eine Beleidigung unserer Religion. Es gibt keinen moderaten oder nicht-moderaten Islam. Islam ist Islam und damit hat es sich." und dieser Islam basiert UNUMSTÖSSLICh auf dem Koran .. der Islamismus darstellt in allen Facetten ! Mfg
4. ... dann ist das Experiment Demokratie in der BRD beendet
enlightenment 03.09.2011
Zitat von sysopPopulisten unter sich: Ex-CDU-Mann Rene Stadtkewitz, der mit seiner Rechts-Truppe "Die Freiheit" ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen will, hatte den Niederländer Geert Wilders eingeladen. Das Publikum bekam, wonach es verlangte: Gruseln vor der "Islamisierung" und knallharte Euro-Skepsis. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,784243,00.html
> Wilders macht konsequent keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus Wie wäre es, wenn der Spiegel den Begriff "Traditionalismus" in die Debatte einführen würden? Der ist nämlich das große Problem. Die Dichotomie von Islam und Islamismus vernebelt völlig, dass da noch etwas anderes ist ... > Wilders macht konsequent keinen Unterschied zwischen einer Religion und ihren Anhängern Nett, macht der Spiegel diesen Unterschied auch zwischen dem Papst und der jubelndem Menge vor ihm? > Wilders macht konsequent keinen Unterschied zwischen Texten und ihrer Interpretation 1400 Jahre später Ich wünschte sagen zu können, dass die Muslime diesen Unterschied auch so treffen würden, wie der Spiegel das immer so schön tut. Leider ist es nicht so. LEIDER. Es ist völlig legitim, dass der Spiegel Kritik übt, aber wenn höchst legitime Meinungen von Menschen, die liberal und bürgerlich sind, nun AUCH plötzlich als rechtsextrem hingestellt werden, dann ist für mich das Experiment Demokratie in der BRD beendet. Dann wird es heftig. How, ich habe gesprochen.
5. heute
andynm 03.09.2011
Zitat von sysopPopulisten unter sich: Ex-CDU-Mann Rene Stadtkewitz, der mit seiner Rechts-Truppe "Die Freiheit" ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen will, hatte den Niederländer Geert Wilders eingeladen. Das Publikum bekam, wonach es verlangte: Gruseln vor der "Islamisierung" und knallharte Euro-Skepsis. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,784243,00.html
Rechte Populisten haben in der Geschichte immer mit Lügen leichtgläubiges Publikum gefunden. Heute sind es die Märchen einer angeblichen "Islamisierunge" oder einer linken Verschwörung, mit denen solche Leute wie Wilders auf Stimmenfang gehen.
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