Berlins Bürgermeister Wowereit Auferstanden aus Bauruinen

Er ist wieder da: Pünktlich zum Besuch des US-Präsidenten in der Hauptstadt hat sich Klaus Wowereit politisch stabilisiert. Trotz Flughafen-Debakel liebäugelt er mit einer weiteren Amtszeit, seine Rivalen in der Berliner SPD sind verunsichert.

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Berlin - Läuft doch alles, in der Hauptstadt. Klaus Wowereit steht auf dem Gelände der Stadtreinigung in Spandau und freut sich darüber, was seine Berliner da schon wieder erfunden haben. Es ist ein warmer Junitag, neben ihm steht eine nagelneue Anlage, sie macht aus Biomüll Treibstoff für die firmeneigene Flotte. Wowereit soll die Anlage einweihen.

"Innovativ", "vorbildlich", "intelligent" - der Regierende Bürgermeister kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Für ihn ist die Maschine der endgültige Beleg dafür, dass Mülltrennen "sich richtig lohnt".

Ob er zu Hause die Banane auch immer schön in den Biomüll werfe, wird Wowereit gefragt. "Na ja, höchstens die Schale. Die Banane will ich schon noch essen." Die Sonne scheint, die Anwesenden lachen. "Ach, is' det schön hier", sagt er.

Es ist verblüffend: Im Haushalt droht mal wieder ein Milliardenloch, der Großflughafen BER ist weiterhin eine Baustelle, doch wo immer Klaus Wowereit dieser Tage auch auftritt, ist ein bestens gelaunter Bürgermeister zu besichtigen. Fünf Monate nachdem er wegen des Airport-Debakels politisch erledigt schien, verspürt der Sozialdemokrat wieder Aufwind. Seine Umfragen haben sich auf niedrigem Niveau stabilisiert. Der Koalitionspartner, die CDU, nennt ihn einen "Stabilitätsgaranten". Neuerdings liebäugelt er sogar damit, 2016 noch einmal anzutreten. "Wer weiß?", antwortete Wowereit auf entsprechende Fragen der "taz".

Der Mann ist mal wieder nicht wegzukriegen

Über einen Putsch aus seiner eigenen Partei muss sich der 59-Jährige keine Sorgen mehr machen. Der ist abgeblasen. Lange waren sich die Genossen sicher, dass sie Wowereit spätestens nach der Bundestagswahl im September als Bürgermeister in Rente schicken müssen, wenn ihre Partei noch ernst genommen werden will.

Inzwischen haben sie realisiert: Der Mann ist wohl mal wieder nicht wegzukriegen. Wowereit spielt Wowereit und schunkelt sich über Empfänge. Als wäre nichts gewesen. Die Wiederauferstehung sorgt bei den Genossen für ein mulmiges Gefühl. In der Partei beginnt man sich zu fragen, wie das eigentlich alles so weit kommen konnte.

Wenn Politiker partout nicht verschwinden wollen, kann das die unterschiedlichsten Gründe haben. Es gibt anspruchsvolle Politiker, wie Wolfgang Schäuble, die immer noch da sind, weil sie für alles eingesetzt werden können. Es gibt weniger anspruchsvolle, wie Horst Seehofer, die seit Jahrzehnten im Geschäft sind, weil sie sonst nichts hätten. Und es gibt Klaus Wowereit. Der Mann hat die Hauptstadt in seiner zwölfjährigen Amtszeit nachhaltig verändert. Doch inzwischen besteht sein Programm hauptsächlich darin, politisch zu überleben, und man kann sagen, dass er es in dieser Disziplin zu einer gewissen Perfektion gebracht hat.

"Den Wowereit kennt einfach jeder"

Natürlich gibt es auch externe Gründe dafür, dass er trotz S-Bahn-Chaos, Schulchaos, Finanzchaos und Flughafen-Chaos noch immer im Roten Rathaus sitzt. Die Opposition ist uneins. Von der CDU und ihrem lädierten Spitzenmann Frank Henkel geht keine Gefahr aus. Wichtige Entscheidungsträger in der Stadt, ob in der Kultur, im Sport oder der Wirtschaft arbeiten so lange mit Wowereit zusammen, dass sie sich gar nicht vorstellen können, wie es ohne ihn ist.

"Wir aus der Wirtschaft haben mit Wowereit ein wirklich gutes Verhältnis", sagt Eric Schweitzer, seit neun Jahren Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer. Schweitzer war kürzlich mit Wowereit in Katar. Der Emir bat spontan um einen Termin. Er nahm sich eine Stunde Zeit für Berlins Regierenden. "Den Wowereit kennt einfach jeder", sagt Schweitzer. Das reicht offenbar schon.

Für die eigenen Leute ist der ewige Wowereit ein großes Problem. Der dringend erforderliche Erneuerungsprozess wird verschleppt. Zwei potentielle Nachfolger haben sich in Stellung gebracht, der 36-jährige Fraktionschef Raed Saleh und der 39-jährige Landesvorsitzende Jan Stöß. Beide haben ein gesundes Selbstbewusstsein, aber Wowereits Wiederauferstehung hat sie verunsichert.

Sie wollen sich das nicht eingestehen, klar. Es habe sich seit Januar doch viel verändert, sagen sie. Die Inhalte bestimmten jetzt Fraktion und Landesverband statt des Senats. Ob die Wohnungsbauoffensive, die Pläne zur Rekommunalisierung der Energiebetriebe oder der Geldsegen für Brennpunktschulen - wo, bitte schön, sei da Wowereits Handschrift erkennbar gewesen, fragen sie. Die These mag stimmen. Aber kümmern dürfte Wowereit das alles nicht. Er weiß, dass sich Saleh und Stöß in einem zentralen Punkt uneins sind: seiner Zukunft.

Stöß liebäugelt mit einem Senatorenposten

Saleh, ein Unternehmer mit palästinensischen Wurzeln, hat sich entschieden, den Regierenden zu stützen. "Stabilität ist das A und O", sagt er. "Wowereit ist mit Abstand die Nummer eins der Berliner SPD." Als er kürzlich mit dem Bürgermeister in der Fraktionssitzung saß und die Debatte vor sich hin dümpelte, schob er Wowereit einen Zettel zu. "2018?" stand darauf. Wowereit und Saleh kritzelten noch ein paar andere Jahreszahlen aufs Papier, dann vertagten sie die Diskussion auf später.

Stöß ist ungeduldiger. Er würde über seine Ambitionen nicht öffentlich sprechen. Aber alle, die ihn kennen, sagen, dass er will. Und zwar lieber früher als später. Er fürchtet, dass die Partei in die innere Emigration geht, wenn Wowereit keine Exit-Option ankündigt. Das Problem: Stöß, im Hauptberuf Richter, hat neben dem Landesvorsitz kein Amt mit Gestaltungsmacht. Er liebäugelt mit einem Senatorenposten.

Bislang hat Wowereit aber keine Anstalten gemacht, ihm einen solchen anzubieten. Der Bürgermeister wartet einfach ab. Er vertraut darauf, dass der Flughafen, mit dem der ganze Stress begann, jetzt nicht mehr sein Problem ist - sondern das von Hartmut Mehdorn. Und der jüngste Ärger mit den Landesfinanzen wird sich auch noch irgendwie lösen. Was kann Wowereit schon dafür, dass die Zahl seiner Bürger viel kleiner ist als gedacht - und deshalb die Milliardenzuwendungen aus dem Länderfinanzausgleich schrumpfen?

Aktuell geht es erst mal um angenehmere Dinge. Kommende Woche kommt US-Präsident Barack Obama. Er spricht am Brandenburger Tor. Der Bürgermeister wird ihn wohl treffen. "Wowereit hatte schon viele Termine", heißt es in der Senatskanzlei. "Aber so einen schönen hatte er noch nie." Läuft doch alles, in der Hauptstadt.

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insgesamt 55 Beiträge
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23 1/3 13.06.2013
1. Spricht für die unfähige Journaille den so wichtigen
Diskurs über den BER am laufen zu halten. Eine Kampagne al a Wulff hätte der gute Wowi wohl nicht überlebt. Aber wahrscheinlich hätten dann auch Ramsauer wegen S 21, Scholz wegen der Philharmonie, Platzeck wegen Lausitzring usw. ihren Hut nehmen müssen. Bisschen mehr Druck liebe Chefredakteure, dann schafft ihr auch den Wowi !
ukleuni 13.06.2013
2. na und?
Zitat von sysopDPAEr ist wieder da: Pünktlich zum Besuch des US-Präsidenten in der Hauptstadt hat sich Klaus Wowereit politisch stabilisiert. Trotz Flughafen-Debakel liebäugelt er mit einer weiteren Amtszeit, seine Rivalen in der Berliner SPD sind verunsichert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/berlins-regierender-buergermeister-wowereit-a-905477.html
der frühere Verantwortliche für den Flughafenbau ist nun der Gesamtverantwortliche für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschloss. Unfähigkeit zahlt sich in diesen Kreisen eben aus.
marecs 13.06.2013
3. Cooler Typ
für ne coole Stadt, der nicht durch wilden aktionismus versucht zu glänzen wie viele andere Politiker. ist auch Merkels Konzept...(aber die ist voll uncool!) würde mich freuen wenn er weiter macht.
iffel1 13.06.2013
4. Wenn wir Berliner den wählen,
kostet das Stadtschloss dann rd. 3 Mrd. EURO mehr, alleine schon wegen der ganzen Sektempfänge ! Wir werden 42 Jahre brauchen und Dutzende Architekten und Bauleiter verschleißen. Und aussehen wird das dann wie das Hundertwasserhaus. Möglicherweise können wir aber die Eröffnung des Großflughafens dann mit dem Richtfest verbinden, im Jahr 2052...
Mertrager 13.06.2013
5. Abwarten...
das wird noch besser. Wenn das Schloß für den Bund die Milliarde Euro überschreitet, dürfen wir auf die dann kommenden Profi-Ausreden gespannt sein. - So gibt man den Menschen keine Zukunft.
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