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Berlins Skurrilsenator Sarrazin: Herrlich ehrlich, immer inkorrekt

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Berliner Schüler, demotivierte Arbeitslose, übel riechende Beamte - vor Thilo Sarrazin, Sparsenator in Berlin, ist keiner sicher. Regelmäßig handelt er sich Ärger ein, weil er gern Klartext redet. Viel Feind, viel Freund: Eine wachsende Fangemeinde feiert ihn.

Berlin – Eigentlich wollte Thilo Sarrazin am Dienstag Abend in einem Fernsehinterview ein wenig Schönwetter machen. Wieder einmal hatte der Berliner Finanzsenator mit offenen Worten seine SPD-Parteigenossen gegen sich aufgebracht. Er hatte über bayerische Schulabgänger gesagt: "Die können mehr ohne Abschluss als unsere in Berlin mit Abschluss." Sein Chef, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, hatte daraufhin ein "Machtwort" mit ihm gesprochen, so ließ er zumindest verlauten.

Sarrazin zeigte in dem Interview Reue. Doch auf die Motivationsprobleme von Arbeitslosen angesprochen, sagte er dann: "Ehe jetzt einer im 20. Stock sitzt und den ganzen Tag fernsieht, bin ich schon fast erleichtert, wenn er ein bisschen schwarz arbeitet."

Eine menschliche, nachvollziehbare Überlegung. Leider zu ehrlich für einen Politiker.

Sofort empörte sich pflichtschuldig ein Sprecher der Fachgemeinschaft Bau, wie sich ein Senator bloß über Schwarzarbeit freuen könne. Sarrazins Sprecherin versuchte umgehend zu dementieren, dass ihr Chef Schwarzarbeit billigt.

Klaus Wowereit könnte da ein alter Kommentar zu seinem wichtigsten Senator eingefallen sein: "Manchmal freut man sich, wenn er auch mal nichts sagt."

Ein Lichtblick zwischen Teflonfiguren

Diese Freude mögen Wowereit und andere Sozialdemokraten empfinden - nicht aber das Berliner Publikum. In einer an Charakteren armen Zeit ist der skurrile Sarrazin ein Lichtblick. Angesichts der die Politik dominierenden Teflonfiguren ist der knorrige Sozialdemokrat eine Erholung. Er hat den Tonfall eines preußischen Offizieres und erinnert mit leicht herunterhängendem Augenlid und Schnurrbart an einen Piraten.

Selbst der Berliner CDU-Oppositionsführer Friedbert Pflüger räumt ein, Sarrazin sei "in seiner verschrobenen Weise irgendwie nicht unsympathisch: ein Typ eben".

"Er hat einen schrägen, ziemlich englischen Humor", meint der grüne Haushaltsexperte Oliver Schruoffeneger. "Außerdem sagt er einfach, was ihm gerade einfällt."

Er kann sich das erlauben. Die politischen Verdienste des promovierten Volkswirts, der vor seinem Einsatz in Berlin im Bundesfinanzministerium und bei der Bahn in führenden Funktionen wirkte, stehen mittlerweile außer Frage.

Er hat das geschafft, wovon seine Vorgänger höchstens nur geredet haben: Sarrazin hat das chronische Defizit des Berliner Landeshaushalts auf null gebracht. "Sparen, bis es quietscht" lautete die - natürlich gern gescholtene - Parole von Bürgermeister Wowereit, die der Finanzsenator umsetzte.

Ab dem kommenden Jahr kann das Land Berlin Schulden zurückzahlen. So nebenbei hat Sarrazin auch das beliebte Vorurteil entkräftet, dass Linke nicht mit Geld umgehen können und stets Sozialpolitik auf Pump betreiben. Nachdem die Stadtregierungen unter dem Christdemokraten Eberhard Diepgen Berlin immer tiefer in Schuldenfalle getrieben hatten, wendete eine rot-rote Regierung das Blatt. Und der Motor bei dieser Wende war Sarrazin, der seine Genossen beharrlich mit den gerne selbst entworfenen Computerdiagrammen traktierte.

Sarrazin spricht aus, was andere verschweigen

Ein sensibler Zeitgenosse hätte diese angesichts der über Jahrzehnte gepflegten Berliner Subventionsmentalität wirklich revolutionäre Wende nicht bewirken können. Um den notwendigen Sparkurs durchzusetzen, um dem Druck der zahlreichen Lobbys standzuhalten, bedurfte es weit überdurchschnittlicher Sturheit. Und es bedurfte einer enormen Selbstgewissheit. Ganz ohne Ironie sagte Sarrazin unlängst zur "taz": "Ich hatte immer das Gefühl, ich weiß es besser."

Oft spricht Sarrazin auch nur Dinge aus, die alle anderen Politiker auch wissen, aber aus taktischen Erwägungen lieber verschweigen. Mitten im letzten Wahlkampf sagte Sarrazin zur Finanzlage der Stadt: "Der Schutt ist abgeräumt. Wir leben hier nicht mehr im Jahr 1945, sondern wir leben im Jahr 1947." Er warnte auch davor, Berlin bei der Wirtschaftskraft mit Hamburg oder München zu vergleichen. Die Hauptstadt bewege sich vielmehr auf dem Niveau von Dortmund oder Essen.

Das Aussprechen solcher unangenehmer Wahrheiten sichert ihm mittlerweile geradezu Kultstatus. "Es ist mein Wesen, dass ich sage, was ich denke", hat Sarrazin mal in eigener Sache erklärt. Sein Problem ist nun, dass er in Berlin nicht mehr viel erreichen kann. Es gelingt ihm nur schlecht, seine Langeweile zu verbergen.

Sarrazin ist 63 und dementiert nur halbherzig, dass er im kommenden Jahr zur Bundesbank wechseln könnte. Wowereit regt sich zwar immer wieder über seine Sprüche auf, weiß aber nur zu gut, was er an dem Genossen Sarrazin hat.

Er hat ihn mit einem der größten deutschen Fußballer verglichen - "eine Art politischer Günter Netzer. Bisweilen genial, gerne etwas lauter, aber nicht jeden Tag teamfähig."

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version entstand der Eindruck, das Zitat "Sparen, bis es quietscht" stamme von Thilo Sarrazin. Tatsächlich stammt es von Bürgermeister Klaus Wowereit. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

SPIEGEL ONLINE dokumentiert Sarrazins drastische Sprüche:

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