Berlinwahl Überraschung - CSU für Rot-Rot

Während CDU-Faktionschef Friedrich Merz Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit davor warnt, dass "er nicht mehr mit der solidarischen Hilfe aller Deutschen rechnen kann", wenn er eine rot-rote Koalition schmieden sollte, hat sich die CSU überraschend mit einer SPD-PDS-Koalition angefreundet. Aber warum?

Von Holger Kulick


Unerwartete Wende?  Oder taktisches Kalkül?  Rot-Rot-Befürworter Michael Glos (CSU)
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Unerwartete Wende?
Oder taktisches Kalkül?
Rot-Rot-Befürworter Michael Glos (CSU)

Berlin - Manchmal sind Fernsehtalkshows kleine Sternstunden. So am Donnerstagabend im ZDF, als in Maybrit Illners Sendung "Berlin Mitte" heftig über "Berliner Partei-Poker" im Kriegsherbst debattiert wurde - mit einem Überraschungsgast.

In diesem Fall war das Michael Glos, der Landesgruppenvorsitzende der CSU im Bundestag, dessen Partei bis zuletzt im Berliner Wahlkampf heftig für den glücklosen CDU-Mann Frank Steffel ins antikommunistische Horn blies. Sogar Eierwürfe fingen sich die CSU-Wahlkämpfer ein, als sie vor der "Schande" warnten, die PDS als "SED-Erben" an der Macht in der Bundeshauptstadt zu beteiligen.

Das Wahlergebnis ist bekannt. Die PDS erhielt mehr Stimmen denn je, die CDU so wenig wie noch nie. Die verbalen Schüsse aus der kalten Kriegskanone gingen in den Ofen. Was aber tun, wenn in Berlin nur noch eine SPD-FDP-Grüne Ampelkoalition den Kommunismus verhindern könnte? Michael Glos erhielt als erster das Wort.

"Als Demokrat" müsse man einsehen, dass "die Wähler entschieden haben", sagte Glos und votierte zu aller Überraschung plötzlich für ein rot-rotes Bündnis an der Spree. "Ich bin erstaunt, dass Schröder zögert, diesem Wählerwunsch sein Plazet zu geben", fügte er hinzu, schließlich brauche Berlin eine stabile Regierung. Rot-Schwarz sei die eine Möglichkeit, aber die sei deutlich abgewählt, "Rot-Rot ist die andere, damit es stabil bleibt", meinte Glos. Und eine Ampelkoalition aus SPD, FDP und Grünen? Die würde eh "nach der nächsten Bundestagswahl abgeschaltet und danach auf Rot-Rot gestellt". Deshalb "sollte es die SPD lieber gleich tun, dann können wir im Wahlkampf darüber reden", forderte der CSU-Wortführer aus dem Bundestag den Bundeskanzler auf.

Schrecksekunde bei der SPD

"Berlin-Mitte"-Kulisse (Berliner Wahlsendung vom 13.7.2001)
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"Berlin-Mitte"-Kulisse (Berliner Wahlsendung vom 13.7.2001)

Verschreckt reagierte die SPD-Familienministerin Christine Bergmann, die mit in der Runde saß. "Wenn man aus Bayern solche Ratschläge bekommt als Sozialdemokratin, muss man schon ein bisschen vorsichtig sein", sagte Bergmann, die es nicht wagte, Koalitionsvorlieben auszusprechen. Schließlich lasse "das Wählervotum auch andere Optionen übrig" und die Entscheidungshoheit darüber läge nicht im Kanzleramt sondern in Berlin.

Wie es aber zu diesem Wahl-Ergebnis kommen konnte, machte allen Gästen noch Kopfzerbrechen. Die Ost-Berliner "wurmt an irgendeiner Ecke immer noch, nicht gleichwertig zu sein", orakelte Familienministerin Bergmann. "Die Partei der Einheit hat eben die Einheit der Menschen nicht geschaffen", meinte Ex-Kanzler-Kohl-Sprecher Peter Boenisch. Und "der Gysi ist einfach cleverer als der Wowereit und geübter als der unerfahrene Steffel" analysierte CSU-Mann Glos. Überdies sei es in seinen Augen "einfach falsch" gewesen, Wolfgang Schäuble nicht zu nominieren, sagte Glos und gab der Berliner CDU so nebenbei noch eine Watschen.

Antje Vollmer wiederum war sich sicher, Krisenlagen wie jetzt würden dummerweise stets den "rechten Flügeln" helfen, wie der Schill-Partei in Hamburg genauso wie der "linkspopulistischen", pazifistischen PDS. Er sei aber gar kein Pazifist wehrte sich Ex-PDS-Chef Lothar Bisky und viele in seiner Partei wären das auch nicht. Nur Anhänger eines so ettiketierten "gerechten Krieges", das könne er nicht sein und Anhänger einer uneingeschränkten Solidarität schon gar nicht mehr.

Auch die Grünen müssten ihre Diskussionen darüber einfach mehr nach außen tragen, meinte Antje Vollmer, um zu zeigen, dass sie keinesfalls nur für "uneingeschränkte Solidarität mit der SPD" stehen würden. Das Kanzlerwort von der "uneingeschränkten Solidarität mit Amerika" habe überdies einen unangenehmen Klang in den Ohren von Ost-Berlinern gehabt, leuchtete ihr ein, weil das viel zu stark an die früher streng vorgeschriebene Solidarität mit dem großen Bruder Sowjetunion erinnere.



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